06. Oktober 2013, 23:08 Uhr

Der Lüge Glauben schenken beim Krimifestival

Wissenschaftlicher Krimiabend im Mathematikum mit Prof. Marcel A. Verhoff und der forensischen Anthropologin Dr. Kerstin Kreutz.
06. Oktober 2013, 23:08 Uhr
Der Lüge Glauben schenken: Kerstin Kreutz und Marcel A. Verhoff bei ihrer etwas anderen Krimilesung. (Foto: dw)

Pinocchio wuchs eine lange Nase, wenn er log. In der Realität sind Lügen nicht so leicht zu erkennen. Ob Mimik und Gestik hierbei eine Hilfe sein können, war die Frage, die am Samstagabend im Rahmen des Krimifestivals im Mathematikum wissenschaftlich beleuchtet wurde. Während die hölzerne Marionette mit der langen Lügennase noch die rund 180 Gäste auf der Leinwand fröhlich anlächelte, räumten der Rechtsmediziner Prof. Marcel A. Verhoff und die forensische Anthropologin Dr. Kerstin Kreutz gleich mit einer Lüge auf: Lügen gehören zum menschlichen Leben, auch wenn Pinocchio sich davon lossagen musste, um ein Mensch zu werden.

Und die Lüge setzt voraus, dass es richtig und falsch und eine absolute Wahrheit gibt. Doch hier sind die Grenzen fließend. Zwar habe das Lügen seinen Preis, wie etwa der biblische Sündenfall zeige, der mit dem Verstoß aus dem Paradies geahndet wurde. Doch der Mensch sei leicht zu täuschen, waren sich die beiden Experten einig.

Die Werbung mache damit Kasse, gerade weil nichts so sehr täuschen könne wie gut gemachte Bilder. Doch das Lügen, als bewusste Falschdarstellung, sei nicht unabhängig von der (Körper-)Sprache, erläuterte Kreutz. Immer drückten sich in Mimik und Gestik Grundemotionen aus. Als universelle Sprache seien Mimik und Gestik daher überall verständlich.

Dass viel Übung notwendig ist, um Emotionen anhand von Augenstellung, Stirnfalten und Mundwinkeln richtig zu deuten, machte ein Test mit dem Publikum und mithilfe von zehn Gesichtsporträts deutlich. Keiner der Anwesenden konnte alle Gefühlsausdrücke richtig interpretieren.

Was also tun, um die Lüge zu entlarven? Mit dem »Facial Action Coding System« hat Paul Ekman ein Grundlagenwerk geschaffen, um Mimik und Gestik zu entschlüsseln. Freilich löse eine Lüge, der unterschiedliche Motivationen zugrunde lägen, eine Vielzahl von Gefühlen aus. Das mache eine Deutung anhand des Schemas schwierig. Denn das Gesicht sei zwar ein Spiegelbild der eigenen Gefühle, löse aber beim Gegenüber auch Empfindungen aus. »Wer nicht lügen kann, weiß nicht, was Wahrheit ist«, war sich Friedrich Nietzsche sicher. Er machte damit deutlich, dass eine Falschaussage immer auch mit Moral und Bewusstsein zu tun hat.

Tatsächlich lassen sich eine Vielzahl von Gehirnaktivitäten nachweisen, die für ein Handeln innerhalb moralischer Grenzen notwendig sind. Das Ganze laufe jedoch so schnell und unbewusst ab, dass es praktisch unmöglich sei, nonverbal zu lügen, aber auch fast ebenso schwer, Lügner zu entlarven, betonte das Referenten-Duo.

Nach den Untersuchungen des FBI-Agenten Joe Navarro in den 70er Jahren weiß man heute, dass sich bei einer Lüge eine Vielzahl von Emotionen überlappen. So sah Navarro beispielsweise häufiges Blinzeln, die Rötung des Gesichts und eine hohe Tonlage als Anzeichen für eine Falschaussage. Doch Stresssymptome sind diesem Verhaltensmuster sehr ähnlich, wie der Test mit einer Frau im Publikum bewies, die von Verhoff an einen Lügendetektor angeschlossen wurde. Die Kunst des Entlarvens bestehe darin, die Diskrepanz zwischen gesprochenem Wort und unbewussten Körpersignalen zu entdecken. Mimik und Gestik verraten also eine Menge – wer hätte das gedacht? dw

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