22. Juli 2017, 09:00 Uhr

Multiresistente Keime

Der Kampf gegen Keime

Multiresistente Keime sind eine tödliche Bedrohung. Ein neues, in Gießen angesiedeltes Projekt soll beim Kampf gegen die gefährlichen Erreger helfen.
22. Juli 2017, 09:00 Uhr
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Von Christoph Hoffmann
In Gießen wird eine Datenbank aufgebaut, in der die genetischen Fingerabdrücke der Keime analysiert und gesammelt werden sollen (Foto: Schepp)

Alexander Fleming hat Medizingeschichte geschrieben. Der schottische Biologe entdeckte 1928 zufällig, dass Schimmelpilze der Gattung Penicillium eine wachstumshemmende Wirkung auf Bakterien haben. Das Antibiotikum war geboren. Bis heute hat Flemings Entdeckung Millionen von Menschen das Leben gerettet. Doch der übermäßige Einsatz von Antibiotika hat eine Kehrseite: Viele Bakterien haben einen Abwehrmechanismus entwickelt. Der Begriff »Multiresistente Keime« lässt vor allem Klinikbetreiber erschaudern. Um dieses Problem zu bekämpfen, hat das Sozialministerium verkündet, dass in Hessen eine Datenbank aufgebaut werden soll, in der die genetischen Fingerabdrücke der Keime analysiert und gesammelt werden sollen. Das Domizil der Datenbank: das Institut für Medizinische Mikrobiologie an der Gießener Uni.

Der Ärztliche Leiter des Instituts, Dr. Can Imirzalioglu, erklärt die Vorgehensweise des auf zunächst ein Jahr angelegten Projekts: »Kliniken werden die Erregerstämme an das Landesgesundheitsamt in Dillenburg schicken. Von dort erhalten wir sie dann samt einiger Basisinformation und nehmen eine komplette genomische Charakterisierung vor. « Durch bioinformatische Analysesysteme könnten in diesem Projekt bis zu 500 Bakterien untersucht werden. »Wir erhoffen uns dadurch tiefergehende Erkenntnisse über die Mechanismen, die hinter der Verbreitung stecken.« Durch die in Gießen vorgenommene Sequenzierung des Genoms würden alle Erbinformationen vorliegen. Dadurch könne man zum Beispiel feststellen, ob es sich bei einem Ausbruch in einer Klinik um ein und denselben Erreger, Varianten oder Übertragungen handelt, sagt Imirzalioglu. Ziel sei es, die Ausbreitung der Keime besser zu verstehen, ihre Quellen ausfindig zu machen und im Optimalfall neue Wege der Bekämpfung zu entwickeln.

Das ist ein sich selbst unterhaltender Teufelskreis

Dr. Can Imirzalioglu

Warum das so wichtig ist, zeigt ein Blick nach Frankfurt. Teile der dortigen Uniklinik mussten im Mai geschlossen werden, weil bei fünf Patienten multiresistente Keime nachgewiesen worden waren. Eine Untersuchung ergab, dass ein Patient den Keim mit Verlegung aus einem anderen Krankenhaus mit sich nach Frankfurt gebracht hatte. Durch die Erkenntnisse, die in dem Gießener Forschungsprojekt gewonnen werden, könnten solche Fälle in Zukunft hoffentlich verhindert werden, betont Imirzalioglu. »In vielen Krankenhäusern, so auch an der Gießener Uniklinik, gibt es breite Aufnahmescreenings, bei denen die Patienten auf multiresistente Keime untersucht werden. Meist sind im Körper aber nur wenige vorhanden. Die derzeitige Methode ist leider nicht so sensitiv, dass sie diese erkennt.« Durch das neue Datenbank-Projekt könnte diese Sensitivität geschärft werden.

Doch warum haben sich die Keime zu solch einem Problem entwickelt? Laut der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Judith Schmiedel liegt das zum Teil auch an den Pharmaunternehmen. »Viele Antibiotika, die wir heute verwenden, sind in den 60er bis 80er Jahren entwickelt worden.« Somit hätten die Keime ausreichend Zeit gehabt, sich an die Mittel anzupassen. Die Entwicklung neuer Antibiotika sei jedoch zeit- und kostenintensiv, nur wenige Unternehmen nähmen diesen Herstellungsprozess auf sich. Und wenn am Ende doch ein Medikament auf den Markt komme, würden es die Patienten nur für einen kurzen Zeitraum einnehmen. »Es lässt sich also nicht viel Geld damit verdienen«, sagt Schmiedel. »Für die Pharmaindustrie ist das nicht so lukrativ wie Cholesterin- oder Blutdrucksenker zu verkaufen.«

Trotzdem sei der weltweite Verbrauch von Antibiotika in den letzten zehn Jahren um 40 Prozent gestiegen, fügt Imirzalioglu an. Nicht nur durch den Menschen, sondern auch durch die Verabreichung in der Tierhaltung. Die inflationäre und teils unnötige Einnahme von Antibiotika habe zur Folge, dass sie bei schweren Erkrankungen nicht mehr wirkten. »Wir haben Milliarden Bakterien im Körper. Die Antibiotika töten dann die ganzen guten ab. Die resistenten überleben nicht nur, sie vermehren sich auch und nehmen den Platz der guten ein.«

Imirzalioglu spricht von einem »sich selbst unterhaltenden Teufelskreis«. Denn auch der Verbrauch von Reserve-Antibiotika, also von Mitteln, die eigentlich nur bei schweren Infektionen eingesetzt werden sollten, steige an. »Wenn wir mehr resistente Erreger haben, müssen wir früher Reserve-Antibiotika geben. Dadurch erhöht man den Selektionsdruck der Bakterien. Sie entwickeln auf kurz oder lang auch eine Resistenz gegen die Reserve-Antibiotika. Im Endeffekt erhöht sich ihre Anzahl sogar.«

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, sei ein verantwortungsvollerer Umgang gefragt. »Antibiotika müssen viel gezielter eingesetzt werden«, sagt Imirzalioglu und fordert gleichzeitig weitere Verbesserungen im Hygienebereich. Und hier seien vor allem die Kliniken gefragt. »Im Krankenhaus kommen auf engen Raum viele Menschen zusammen, die Antibiotika nehmen und gleichzeitig geschwächt, also anfälliger für Übertragungen sind.« Imirzalioglu betont jedoch, dass die Kliniken meist nicht Quelle der Infektion seien, sondern lediglich Übertragungsort. »Häufig sind Patienten schon von Haus aus mit den Erregern besiedelt. Man geht davon aus, dass jeder zehnte Mensch multiresistente Keime in sich trägt.« Solange sie dort blieben, wo sie hingehörten, zum Beispiel im Darm, sei das auch nicht weiter schlimm. Erst, wenn sie in andere Körperregionen gelangten, werde es gefährlich.

Die Gießener Forscher wollen mit ihrer Datenbank helfen, das Problem einzudämmen. Denn multiresistente Keime bedrohen nicht nur Alexander Flemmings Errungenschaft für die moderne Medizin, sondern auch Millionen Menschenleben. (Foto: ep)

Multiresistente Keime

Tödliche Folgen

Laut europäischem Präventionszentrum ECDC werden jährlich bis zu 25 000 Todesfälle in Europa mit Resistenzen in Verbindung gebracht. Nach derzeitigen Schätzungen sterben in deutschen Kliniken bis zu 4000 Menschen im Jahr an den resistenten Keimen. Andere Experten gehen sogar von bis zu 15 000 Toten aus. (dpa)



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