19. Mai 2017, 19:58 Uhr

Der Großvater als Trendsetter

Vor 50 Jahren sorgte die Gärtnerei Schulz aus Gießen bundesweit für eine Neuheit: Karl Schulz schloss mit einem Nachlasspfleger den ersten Vertrag für die Dauerpflege einer Grabstätte ab – für 35 D-Mark pro Jahr. Der Opa des heutigen Inhabers Christoph Schulz ist damit ein Pionier der Dauergrabpflege, die aus der Trauerkultur nicht mehr wegzudenken ist.
19. Mai 2017, 19:58 Uhr
Christoph Schulz (r.), sein Vater Friedrich (l.) und seine Mutter Gabriele kümmern sich um über 1000 Gräber in Gießen. Vor einem halben Jahrhundert unterzeichnet Karl Schulz – Opa von Christoph Schulz – den ersten Vertrag über eine Dauergrabpflege. (Foto: Schepp)

Klein, aber fein ist der Verkaufsraum der Gärtnerei Friedrich Schulz in der Friedhofsallee. Die Auswahl ist üppig, die Blumen und Gestecke riechen frisch. Fast alle Pflanzen kommen direkt aus den eigenen Gewächshäusern des vor über 90 Jahren gegründeten Blumen- und Gartenbaubetriebs. In vierter Generation führt der 37-jährige Christoph Schulz das Familienunternehmen. Soeben ist der Diplom-Gartenbauingenieur für ein Ereignis geehrt worden, das 50 Jahre zurückliegt und mit dem sein Großvater Karl Schulz einst für eine Premiere in Deutschland gesorgt hat: Die Gärtnerei Schulz aus Gießen hat 1967 den ersten Vertrag für die Dauerpflege einer Grabstätte unterzeichnet. Abgeschlossen und überwacht wurde dieser Vertrag von der im selben Jahr neu gegründeten Treuhandstelle für Dauergrabpflege in Frankfurt.

35 D-Mark kostete damals die Grabpflege pro Jahr – und zwar für ein zweistelliges Wahlgrab auf dem neuen Friedhof in Gießen, in dem die Eheleute Walter und Emma Hedwig Keil ihre letzte Ruhestätte fanden. Das Paar hatte keine eigenen Nachkommen. Nachlassverwalter Adolf Riddel aus Nidda war deshalb der Auftraggeber für diese erste Dauergrabpflege in Deutschland.

»Zurzeit haben wir etwa 1000 Grabpflegeverträge, aber dieser erste Vertrag ist für mich und für meine Familie immer noch etwas Besonderes«, sagt Christoph Schulz, dessen Urgroßvater die Gärtnerei vor 91 Jahren gegründet hat. Christoph Schulz’ Mutter Gabriele Schulz zieht für die Gießener Allgemeine Zeitung den 50 Jahre alten Original-Grabpflegevertrag aus dem Regal: Auf vergilbtem Papier ist dort zu lesen, dass die Grabpflege so lange durchgeführt wird, »bis 1300 D-Mark samt Zinsen aufgebraucht sind«.

Verwaltet wurden die 1300 D-Mark von der Treuhandstelle für Dauergrabpflege, die 1967 neu gegründet worden war. Mit diesem historischen Vertrag wurde in Gießen auch der Grundstein gelegt für die erfolgreiche Entwicklung der Treuhandstelle Hessen-Thüringen, die aktuell 19 000 Dauergrabpflegeverträge mit einer Summe von über 80 Millionen Euro aktiv verwaltet. »Es gibt immer mehr Menschen, die alleinstehend sterben – aber auch Familien, die sich nicht um die Gräber ihrer Angehörigen kümmern wollen«, sagt Gabriele Schulz. Deshalb wird die Dauergrabpflege, die heute ab 100 Euro pro Jahr für ein Urnengrab zu haben ist, immer beliebter.

Bei der Dauergrabpflege kümmert sich eine Friedhofsgärtnerei – je nach Vertrag – im Frühjahr, Sommer und Herbst sowie eventuell auch an Gedenktagen (Volkstrauertrag, Totensonntag) sowie im Winter darum, dass ein Grab immer ordentlich und gepflegt aussieht. Von den rund 1000 Grabpflegeverträgen der Gärtnerei Schulz laufen rund 170 Verträge über die Treuhandstelle. »Es ist gut, dass es diese Stelle gibt. Wer ein Grab nicht richtig pflegt, bekommt es abgenommen. Die Treuhand kontrolliert zu unterschiedlichen Zeiten einmal im Jahr die Pflege«, erklären Christoph und Gabriele Schulz. Wenn ein Gärtnerei-betrieb zum Beispiel aufgeben müsse, sei das eingezahlte Geld nicht verloren – die Treuhandstelle beauftrage einfach einen anderen Betrieb mit der Grabpflege.

Die alte Grabstätte der Eheleute Keil wird übrigens noch heute von der Gärtnerei Schulz über einen Folgevertrag gepflegt. Nach Vertragsende war die Grabstelle an die Familie Pellatz weitergegeben worden, die sie bis zum Jahr 2045 erworben hat, »wobei der Dauergrabpflegevertrag noch eine Laufzeit bis zum Jahr 2040 hat«, sagt Christoph Schulz. Er und sein Team kümmern sich um Gräber auf vier Friedhöfen: Neuer und Alter Friedhof sowie in Wieseck und in Pohlheim-Hausen.

Stefan Friedel, Geschäftsführer der Treuhandstelle für Dauergrabpflege Hessen-Thüringen, übergab Schulz eine gerahmte Kopie des historischen ersten deutschen Grabpflegevertrags. »Wir schätzen die jahrzehntelange sehr gute Zusammenarbeit mit der Familie Schulz«, betonte Friedel.

Eines der bekannteren Gießener Gräber, die von der Familie Schulz gepflegt wird, ist übrigens das große und recht prunkvolle Grab der Industriellenfamilie Gail auf dem Alten Friedhof.

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