05. Mai 2019, 20:42 Uhr

»Der Erfolg hat schlaff gemacht«

05. Mai 2019, 20:42 Uhr
Gastredner beim FDP-Jahresempfang waren Dr. Thomas Sattelberger (l.) und Dr. Thorsten Lieb. (Foto: ta)

»Innovation Europe« hatte der FDP-Kreisverband Gießen als Motto für seinen Jahresempfang gewählt. Vor Mitgliedern und Gästen aus Wirtschaft und Politik gingen die beiden Redner am Sonntag allerdings vorrangig auf Deutschland ein. Der Bundestagsabgeordnete Dr. Thomas Sattelberger, der 2017 nach 40 Jahren auf Führungspositionen bei großen deutschen Unternehmen in die Politik gewechselt war, beklagte eine vermeintliche Innovationsmüdigkeit hierzulande. Die letzten grundlegenden Erneuerungen seien der MP3-Player und die LED-Leuchten gewesen, danach habe »der Erfolg uns schlapp gemacht«, konstatierte der Münchener. Als Beispiel nannte er die Automobilindustrie, die den technischen Fortschritt verschlafen habe und jetzt eine getriebene Branche sei. Dabei sei schon 2005 ein selbstfahrendes Auto gebaut worden, doch aus Kostengründen sei die Weiterentwicklung eingestellt worden.

Nach Innovationsindikatoren gemessen, ist Deutschland international von Platz sechs vor fünf Jahren nun auf Rang 15 zurückgefallen, bedauerte Sattelberger, der Vorstandsmitglied der Deutschen Lufthansa, der Continental AG und der Deutschen Telekom AG war. War Neugründungen von High-Tech-Unternehmen angeht, sei sogar ein historischer Tiefststand erreicht. Der Wissenstransfer aus der Forschung in die Wirtschaft werde oft durch die Bürokratie behindert, doch sei auch der Mittelstand zu wenig innovationsfreudig. So habe unser Land bei der digitalen Ökonomie stark an Boden verloren.

Leider seien diese Erkenntnisse in Berlin noch nicht angekommen. Im Gegenteil, der Bundeswirtschaftsminister verfolge eine rückwärtsgewandte Industriepolitik, indem er große Unternehmen unter Schutz stellen wolle und die Bedeutung des Mittelstands verkenne, betonte der 69-Jährige unter Beifall. Derzeit fließen dem Liberalen zufolge über 90 Prozent der Förderung in die Forschung und in Konzerne, doch müssten mindestens die Hälfte der Gelder in Neugründungen investiert werden. Bezeichnend sei auch, dass die Bundesforschungsminsterin es hingenommen habe, dass der Finanzminister die Förderung von Künstlicher Intelligenz im Etat von drei Milliarden auf 600 Millionen Euro zusammengestrichen hat.

»Teuerste mögliche Energiewende«

Dabei müsse sich Deutschland darauf einstellen, dass die technologische Evolution die Arbeitswelt enorm verändere und das Homeoffice immer wichtiger mache. Das verdeutliche auch der starke Zuwachs von Solo-Unternehmen in der IT-Branche. Doch werde diese Entwicklung wegen der Bedenken gegen Scheinselbstständigkeit stark behindert. Es würden zwar nicht Millionen ihren Arbeitsplatz verlieren, doch würden viele alte Berufsbilder wegfallen und neue entstehen. Einer Studie zufolge müssten bis 2030 sieben Millionen Deutsche signifikant umlernen.

Auch Dr. Thorsten Lieb als zweiter Gastredner bedauerte die Behinderung der Innovationskraft in der Wirtschaft durch politische Vorgaben. Die Energiepolitik etwa sei dilettantisch: »Wir haben die teuerste mögliche Energiewende«, kritisierte der hessische Spitzenkandidat zur Europawahl. Zugleich sei sie die ineffizienteste, weshalb Deutschland seine selbst gestellten Ziele nicht erreicht, konstatierte Lieb.

Tatsächlich sei das 5G-Kommunikationsnetz »an jeder Milchkanne vonnöten«, widersprach der Frankfurter der Bundesforschungsministerin. Die digitale Transformation mit ausreichender Signalstärke sei für alle Branchen unverzichtbar und ein großer Standortvorteil. Ohne entsprechende Kapazität sei beispielsweise das automatisierte Autofahren nicht umsetzbar. Dabei sei auf EU-Ebene schon 2009 ein transeuropäisches Funknetz vereinbart worden, doch werde es nicht umgesetzt.

Über die Ehrung langjähriger Mitglieder am Endes des Jahresempfangs durch den Kreisvorsitzenden Dennis Pucher berichtet die GAZ in der Dienstag-Ausgabe.

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