21. Juli 2017, 19:21 Uhr

Der Brückenbauer

Er ist verantwortlich für über 7100 Wohnungen, gut 200 Mitarbeiter und einen Bilanzwert von 225 Millionen Euro. Gut, dass Reinhard Thies, Chef der Wohnbau und dem dazugehörigen Mieterservice, Mathe studiert hat. Der 64-Jährige ist aber alles andere als ein trockener Finanzfachmann. Müsste man seine Vita mit einem Wort beschreiben, es wäre: »Unkonventionell«.
21. Juli 2017, 19:21 Uhr

Reinhard Thies sitzt in seinem Büro in der Ludwigstraße. An der Wand hängen fünf Gemälde. Sie zeigen Männer und Frauen, jung und alt, schwarz und weiß. »Die hat eine Künstlerin der Lebenshilfe gemalt«, sagt Thies. Er überlegt kurz, dann fügt er hinzu: »Das könnten alles meine Mieter sein.« Fürwahr: Rund 18 000 Gießener leben in Wohnungen der Wohnbau. Das ist fast ein Fünftel der Stadtbevölkerung. Obwohl der 64-Jährige erst seit vier Jahren Geschäftsführer der Wohnbau ist, begleitet sie ihn schon sein gesamtes berufliches Leben.

»Ich bin 1974 aus Detmold studienhalber nach Gießen gekommen. Kurz danach habe ich angefangen, mich in der Margaretenhütte zu engagieren.« Das Wohngebiet, vor über 100 Jahren als Obdachlosensiedlung erbaut, galt als sozialer Brennpunkt. Thies und seine Mitstreiter kümmerten sich zusammen mit den Bewohnern um die sozialen Belange und kämpften gegen das damalige Bewirtschaftungsmodell. Ihr Gegner: die Wohnbau. Thies lacht: »Ich saß schon auf beiden Seiten des Tisches.« Die Margaretenhütte interessierte ihn mehr als Mathe und Musik, trotzdem legte er das erste Staatsexamen ab und setzte ein Pädagogikstudium obendrauf. Auch später, als Mitarbeiter in der Landesarbeitsgemeinschaft »Soziale Brennpunkte Hessen«, sorgte er für die Finanzierung und Konzeptionierung der Sanierung der Problemviertel Margaretenhütte, Eulenkopf und Gummiinsel. Als Vorstandsmitglied der Projektgruppe Margaretenhütte, des SV Schwarz-Weiß und der Initiative für Jugendberufsbildung (IJB) kümmerte er sich auch um die praktische Umsetzung. »Dann wurde mir angeboten, Sanierungsbeauftragter der Stadt zu werden. Aber der damalige Wohnbau-Chef wollte mich nicht.« Stattdessen machte sich Thies in der Branche einen Namen. Bei der Landesarbeitsgemeinschaft wurde er Geschäftsführer, 2005 wechselte er zur Diakonie, wo er Bundesreferent für soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit wurde. Zudem übernahm er den Vorsitz der Bundesarbeitsgemeinschaft »Soziale Stadtentwicklung«. Sein neuer Arbeitsplatz: Berlin.

Beruflich kein geradliniger, aber auch nicht unkonventioneller Weg. Privat sieht das ein wenig anders aus. »Ja, das stimmt«, sagt Thies und erzählt, mit seiner Frau Monika, die er 1975 in Gießen kennengelernt hatte, bis zur Geburt des zweiten Kindes in WGs gelebt zu haben. Obwohl seit 44 Jahren ein Paar, haben die beiden erst 2005 geheiratet – just an dem Tag, als Thies die Zelte in seinem Wohnort Wettenberg abbrach und nach Berlin zog. Mit seiner frischgebackenen Frau? »Nein«, sagt Thies. »Die ging nach Rügen.«

Für viele mag es unverständlich sein, dass ein Paar am Tag der Hochzeit in weit entfernte Orte zieht. Für Thies und seine Frau war es folgerichtig. Die beiden Kinder waren aus dem Haus, die beruflichen Herausforderungen lockten. »Meine Frau hatte das Angebot erhalten, die ›Freie-Schule-Rügen‹ aufzubauen. Uns war schon immer wichtig, beruflich gestalten zu können. Außerdem legen wir viel Wert auf Selbstständigkeit.« Seit zwölf Jahren leben Thies und seine Frau nun schon räumlich getrennt, persönlich habe sie die Distanz aber zusammengeschweißt. »Wir wissen, was wir aneinander haben und leben unsere Partnerschaft bewusster. Wir wecken uns morgens per Telefon und schicken uns abends ins Bett. Und natürlich fahre ich regelmäßig nach Rügen.« Seit vier Jahren muss Thies dafür mehr Zeit einplanen. 2013 wurde er gefragt, ob er sich nicht auf die frei werdende Stelle des Wohnbau-Chefs bewerben wolle. »Eigentlich lag mir das fern, ich hatte mir in Berlin viel aufgebaut. Als deutlich wurde, dass soziale Stadtentwicklung und Wohnungsversorgung auch bei den politisch Verantwortlichen im Fokus stehen, hat es mich doch gereizt. « Da obendrein sein Sohn mit zweien seiner fünf Enkelkinder in Gießen lebt, bewarb er sich – und setzte sich gegen zahlreiche Mitbewerber durch.

Die Wohnbau hat knapp 80 Mitarbeiter, die Mieterservice GmbH als handwerklicher Dienstleister noch einmal 130. Thies wurde also Chef zweier großer und im Fokus der Öffentlichkeit stehender Unternehmen. Keine leichte Aufgabe für einen Mann, der einst Mathe und Musik studiert hat. Thies muss schmunzeln: »Das stimmt. Ich bin kein gelernter Wohnungswirt. Ich sehe mich als Systematiker, der Strategien entwickeln kann. Und Leitungskompetenz habe ich mir über die Stationen meines Berufslebens erworben.« Verunsicherung sei das falsche Wort, sagt er, aber Sorge, der Aufgabe nicht gerecht zu werden, habe er anfangs schon gehabt. »Aber bei der Wohnbau und der Service-GmbH gibt es engagierte und fachlich kompetente Mitarbeiter.« Die ein oder andere Baustelle hatte ihm sein Vorgänger dennoch hinterlassen. »Ich musste Bereiche umstrukturieren oder neu aufstellen. Damals hätte ich nicht gedacht, dass ich hier und da so tief graben muss.« Bereut habe er die Rückkehr aber nie. »Mich reizt es, Herausforderungen anzugehen und durchzustehen. « Thies schritt zur Tat – und krempelte das Führungskonzept um. »Vor meiner Zeit wurde patriarchisch geführt, ich habe auf einen partizipativen Ansatz gesetzt. Die Mitarbeiter sollten sich auf Augenhöhe einbringen. Für viele war das ungewohnt.«

Doch nicht nur auf Führungsebene setzte Thies auf Mitbestimmung, auch die Mieterschaft sollte sich verstärkt einbringen. Wobei, so ganz neu war diese Idee nicht, und im Grunde ist sie auf Thies’ eigenem Mist gewachsen. Schon in seiner Verbandszeit hat er das Konzept der Mietermitbestimmung mitentwickelt. »Und heute quält es mich«, sagt der Wohnbau-Chef. Seine Miene verrät, dass die Aussage nicht ernst zu nehmen ist. Denn Thies ist stolz auf diese Struktur – zumal er sie in den vergangenen Jahren ausgebaut hat. »Dass sich Mieter einbringen, gibt es bei vielen Wohnungsbaugesellschaften. Aber das Modell der echten Mitbestimmung, das in Gießen praktiziert wird, ist deutschlandweit einmalig.« Alle geplanten Bauprojekte müssen nicht nur vom Aufsichtsrat, sondern auch vom Unternehmensmieterrat legitimiert werden. Und darin sitzen, wie der Name verrät, die Mieter. »Das ist manchmal sehr schwer. Das unternehmerische Interesse geht mit dem Mieterinteresse nicht immer konform. Hier gilt es, Brücken zu bauen.« Gleichzeitig sorge das Modell dafür, dass sich die Geschäftsleitung frühzeitig mit potenziellen Einwänden der Mieter befasse und somit geplante Projekte aus deren Sicht betrachte.

Thies hat viel bewegt – sein Nachfolger wird in große Fußstapfen treten müssen. »Mein Vertrag läuft bis 2019. Ich bin offen für einen Übergang. Aber das Ende ist absehbar. Ich bin dann 67.« Pläne für die Zukunft hat er schon. Und die liegt nicht an der Lahn, sondern an der Ostsee. Bei seiner Frau Monika. Das gemeinsame Haus steht neben einer 750 Jahre alten Kirche, die nicht mehr als Gotteshaus, sondern als Kulturzentrum genutzt wird. Thies ist Mitglied im zuständigen Freundeskreis, er organisiert Konzerte und Ausstellungen. In dem 30-Seelen-Ort herrscht aber nicht nur eitel Sonnenschein. Für einige Einheimische ist die Kirche nicht mehr als ein bauhistorisches Denkmal. Und der Pfarrer würde liebend gerne wieder ein Gotteshaus im eigentlichen Sinne haben. »Das sind viele unterschiedliche Interessen«, sagt Thies. »Daher kracht es schon mal.«

Es scheint, als ob das kleine Ostseedorf einen Brückenbauer gebrauchen könnte. Einen, der vermitteln kann. Wie lautet noch gleich der Slogan, den Thies bei seinem Antritt als Wohnbau-Chef eingeführt hat? »Wir bauen Nachbarschaften.« (Foto: Schepp)

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