15. Juni 2018, 14:00 Uhr

Mensch, Gießen

Der Auf-die-Füße-Treter

Viele kennen den Namen Stefan Kaisers: Der 65-Jährige schreibt viele Leserbriefe und Pressemitteilungen; er setzt sich auch für Mieter ein. Aber welcher Mensch verbirgt sich hinter diesem Namen?
15. Juni 2018, 14:00 Uhr
Stefan Kaisers vor dem Gebäude, in dem der Mieterverein beheimatet ist. Seit 1996 ist er Vorsitzender und legt sich mit den Vertretern des Rathauses an. (Foto: Schepp)

Mensch Gießen

Jeden Tag begegnen wir Gießenern, die uns zwar vertraut sind, die wir aber nicht kennen. Das wollen wir ändern: In unserer Serie »Mensch, Gießen« wollen wir einige dieser Gießener vorstellen.

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Wenn im Rathaus der Name Stefan Kaisers fällt, rollen die Protagonisten schon mal die Augen. Das liegt daran, dass der Gießener kaum ein politisches Thema verstreichen lässt, ohne einen Kommentar dazu abzugeben. Zum Beispiel als Privatperson in Leserbriefen, oder aber als Vorsitzender des Mietervereins. Vor allem die Wohnungspolitik lässt er nicht unkommentiert, sei es die bundesdeutsche oder die kommunale. »Mir ist bewusst, dass im Rathaus einige nicht so gut auf mich zu sprechen sind«, sagt Kaisers. Er tut das mit einem Achselzucken ab. Er weiß: Wer anderen auf die Füße tritt, wird selten geliebt.

Kaisers sitzt an diesem Vormittag in seinem Büro in der Bleichstraße. Er trägt eine Anzughose mit gestärkter Bundfalte und darüber ein gebügeltes, kurzärmeliges Hemd. Über seiner Lippe prangt ein akkurat gestutzter Schnauzer, seine Augen blicken durch eine dezente Brille. Es sind Augen, die von Lachfältchen umgeben sind. Wer sich länger mit dem Gießener unterhält, merkt schnell: Hier sitzt kein verbitterter Senior, der um der Kritik willen kritisiert. Sondern ein freundlicher und höflicher Herr, der sich einem konfliktbehafteten Thema verschrieben hat. Doch auch wenn er sich heute für die Belange anderer einsetzt: Der Grund für seine Tätigkeit hat einen ganz persönlichen Ursprung.

Kaisers ist in Mönchengladbach aufgewachsen. Der Vater war Richter, die Mutter Kosmetikerin. Da die Familie mitten in der Stadt wohnte und der Bahnhof nicht fern war, hatten die Kaisers kein Auto. Ein prägender Umstand für die Kinder. »Ich habe nie einen Führerschein gemacht, meine Schwester auch nicht«, sagt der 65-Jährige.

Fotograf ohne Führerschein

Nach dem Gymnasium ging er erst einmal in die Lehre, machte eine Ausbildung zum Fotografen. »Ein Handwerksberuf mit stark gestalterischem Aspekt«, sagt Kaisers. Beeindruckt von seinem Lehrer in der Berufsschule, schlug auch Kaisers diesen Weg ein. An der Fachhochschule in Köln studierte er Fotoingenieurwesen, anschließend setzte er ein Aufbaustudium für Gewerbelehrer an der TH Darmstadt oben drauf. In Bielefeld und Herford leistete er dann sein Referendariat ab und lernte bei einer Studienfahrt seine spätere Frau Rosemarie kennen. Als dann ein Lehrer für die Fotografen an der Gießener Max-Weber-Schule gesucht wurde, stieß man auf Kaisers und lotste ihn an die Lahn. Das war 1980 – und gleichzeitig der Beginn seiner Tätigkeit für den Mieterverein.

»Ich war selber betroffen«, sagt Kaisers schmunzelnd und berichtet von der angespannten Wohnungsmarktsituation, die schon damals in Gießen geherrscht habe. Als er dann endlich eine Bleibe gefunden hatte, sandte ihm der Vermieter auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht den Mietvertrag zu. Inzwischen wohnte Kaiser jedoch schon in den Räumen. Als dann irgendwann der Mietvertrag im Briefkasten steckte, war Kaisers verärgert: »Ich war mit einigen Positionen, zum Beispiel in Sachen Schönheitsreparaturen, nicht einverstanden.«

Vom Mieterverein angetan

Also ging er zum Mieterverein. Das Ergebnis: Da Kaisers die erste Miete gezahlt und der Vermieter sie auch angenommen hatte, bevor der Mietvertrag unterschrieben war, war eine neue Rechtssituation entstanden. »Die Zahlung und Annahme einer Miete gilt dann als Vertragsschluss eines mündlichen Mietvertrages. ›Konkludentes Handeln‹ nennen das die Juristen.«

Kaisers war von der Beratung beim Mieterverein sehr angetan. Wenige Wochen später wurde er schon in den erweiterten Vorstand gewählt. Seit 1996 ist er der Vorsitzende – und legt sich immer wieder mit dem Establishment an. Schon in den 80ern sympathisierte er mit den Studenten, die im Südviertel Häuser besetzten. »Wir haben ihnen zum Beispiel Essen vorbei gebracht.« Wenn Kaisers die Mieter benachteiligt sieht, schreckt er auch nicht vor Auseinandersetzungen mit Wohnungsbau-Giganten wie der Vonovia zurück. Die meisten Fehden fichtet er aber mit der Politik aus – sei es auf Bundes-, Landes- oder kommunaler Ebene. »Ich habe ein eher distanziertes Verhältnis zu den Politikern im Rathaus«, räumt der 65-Jährige ein. Unter Lothar Schüler, von 1985 bis 1997 Bürgermeister in Gießen, sei das noch anders gewesen. »Das war einer, der aus der Wolle heraus wohnungspolitisch engagiert war. Seither wird im Rathaus Wohnungspolitik nicht mehr mit Herzblut betrieben. Das merkt man an den Ergebnissen.«

Musik, Rad, Reisen

Kaisers hat dieses Herzblut. Aber für ihn gibt es auch ein Leben abseits des Mietervereins. Er liest gerne, hört klassische Musik, fährt Rad und geht auf Reisen. Seine Leserbriefe haben neben der Politik auch kirchliche und ökologische Themen zum Inhalt. Letzteres liegt ihm besonders am Herzen. Seit 1986, als der Regen die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl auch nach Deutschland brachte, backen die Kaisers ihr Brot selber. »Sauerteig. Das ist nicht so einfach«, sagt der Gießener.

Kaisers ist angriffslustig. Dabei kommt es zuweilen auch zu Kollateralschäden. Zum Beispiel dann, wenn die Kritik überzogen ist oder aber den Falschen trifft. Das ist für den Gießener aber kein Grund, den Finger nicht mehr in die Wunden zu legen. »Kritik ist heilsam und notwendig, sie belebt die öffentliche Diskussion«, sagt er. »Das ist das Lebenselixier einer lebendigen Demokratie.«

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