23. August 2019, 21:53 Uhr

Denkmal? Egal: »...muss weichen«

23. August 2019, 21:53 Uhr
So sah der Nordflügel des Bahnhofs bis 1969 aus. Die Öffentlichkeit wurde erst am Tag nach dem Beginn über den Abriss des »Fürstenbaus« informiert. (Foto: GAZ-Archiv)

Adlige sollten in vornehmem Ambiente auf Züge warten, und entsprechend schmuck war der Nordflügel des Bahnhofs gestaltet. Der Buntsandsteinbau im neuromanischen Stil am Bahnsteig 1 musste vor 50 Jahren »dem Fortschritt weichen«. Der sogenannte Fürstenbau oder Fürstenbahnhof ist ein Paradebeispiel für den geringen Stellenwert des Denkmalschutzes in den 1960er-Jahren. Immer wieder berichtete die Gießener Allgemeine Zeitung ungerührt über Abrisse historischer Gemäuer - und nie über irgendwelche Proteste dagegen. Heutigen Lesern stehen die Haare zu Berge.

»Der ›Fürstenbau‹ wird eingerissen«, meldet die GAZ im August 1969. »Dank einer expansiven Entwicklung im Gepäck- und Expreßgutverkehr platzt diese Abteilung aus allen Nähten.« Daher habe sich die Bahn entschlossen, sie von 180 auf 500 Quadratmeter zu erweitern. Mehrere Trakte müssten verschwinden. Die Öffentlichkeit wird erst informiert, als erhebliche Teile davon schon in Trümmern liegen. »Mit den Abbrucharbeiten wurde gestern begonnen«, steht unter dem Foto eines Baggers in Aktion.

Trister Zweckbau

Kein Wort wird dem Baujahr gewidmet, der Geschichte oder der Schönheit des 60 Jahre alten Bahnhofsflügels. Stattdessen berichten Bahnvertreter mit imposanten Beamtentiteln stolz von den steigenden Zahlen beim Expressgut - 1966 lag der Warenumschlag bei 241 000 Sendungen, für 1969 werden 290 000 erwartet - und versichern, dass die Fahrgäste durch die Bauarbeiten kaum behindert würden. Dass ein trister Zweckbau entstehen wird, versteht sich anscheinend von selbst. Ein Hauch von Bedauern lässt sich allenfalls herauslesen aus der Phrase »muss dem Fortschritt weichen«.

Diesen Satz lesen die Zeitgenossen in jenen Jahren immer wieder. Etliche Gemäuer, die erst die Bombardierungen und die ersten 25 Nachkriegsjahre überlebt haben, stehen nun der »autogerechten Stadt« und dem Bauboom im Weg. Ähnlich lapidar berichtet die GAZ über die Fällung Dutzender Bäume zugunsten breiterer Straßen. Als das Jugendstil-Volksbad 1968 für das Karstadt-Parkhaus abgerissen wird, freut sich der Großteil der Bevölkerung: Schluss mit Schwimmen in miefiger Atmosphäre unter bröselnder Decke, nichts wie hin ins neue Hallenbad an der Ringallee!

In der 1993 erschienenen Gießener Denkmaltopographie klagt der damalige Denkmalpfleger Bernhard Bachmann, bis Mitte der 70er Jahre habe eine »Hopp-und-weg-Mentalität« vorgeherrscht. »Wegsaniert wird das letzte bedeutende Fachwerkhaus an der Neuen Bäue, wegsaniert wird das ›Deibel-Eck‹ am Neuenweg/Johannesstraße zugunsten des Glaspalastes der Bezirkssparkasse, wegsaniert wird auch das alte Volksbad und nahezu das gesamte Viertel zwischen Seltersweg und Bahnhofstraße.«

Dabei hatte Hessen einst die Nase vorn beim Denkmalschutz. Das Land war 1818 nach Baden das zweite in Deutschland, das eine Verordnung zum Schutz erhaltenswerter Gebäude erließ. Maßstäbe setzte Hessen 1902 mit dem ersten modernen Denkmalschutzgesetz Deutschlands, heißt es im Internetlexikon Wikipedia. Doch vor 50 Jahren setzt der Zeitgeist andere Prioritäten. Der motorisierte Verkehr soll fließen, Beton wirkt modern, die öffentliche Hand hat reichlich Geld zum Bauen.

Sinneswandel in den 70er Jahren

Proteste gegen Abrisse und Bauvorhaben werden erst in den Siebzigerjahren laut, in Gießen namentlich gegen die Hochstraße von der Frankfurter Straße zur Südanlage. Bundes-, ja weltweit ist ein tief greifender Sinneswandel zu beobachten. Neben dem erwachenden Umweltbewusstsein wächst auch das Gefühl für den Wert alter Häuser, etwa dank der Kampagne zum Europäischen Denkmalschutzjahr 1975 oder auch durch Hausbesetzungen.

Zurück an den Bahnhof: Dessen Nordflügel tut den Augen mittlerweile nicht mehr ganz so weh. Beim Umbau des Flügels am Gleis 1 im Jahr 2014 wurde der Denkmalschutz berücksichtigt, beispielsweise bei der Gestaltung der Fenster zum Vorplatz. Die 1969 gebaute Expressguthalle ist selbst schon wieder Geschichte. Nach Jahren des Leerstands wurde sie 2012 abgerissen. Niemand weint ihr eine Träne nach. Es ist kaum anzunehmen, dass man ihr Verschwinden in 50 Jahren betrauern wird.

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