29. September 2019, 14:00 Uhr

Lebensgeschichte

Denise Leddin: Marathon statt Rollstuhl

Denise Leddin wurde von einem Auto überfahren. Ihre Beine waren gebrochen und mussten achtmal operiert werden. Doch nun ist die 39-Jährige einen Marathon gelaufen. Ihre Botschaft: Nie aufgeben.
29. September 2019, 14:00 Uhr
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Von Christine Steines

An den Unfall kann sich Denise Leddin nicht mehr erinnern. Als sie im Krankenhaus erwachte und ihr jemand einen Spiegel reichte, war sie entsetzt, als sie das »Veilchen« sah. Dass das blaue Auge ihr geringstes Problem sein würde, ahnte die junge Frau aus Reichelsheim zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Fast zwei Jahre dauerte es, bis sie sich von den Folgen jener Nacht erholt hatte. Sie war damals zu Fuß in Wölfersheim unterwegs gewesen, als eine Autofahrerin sie mit ihrem Wagen frontal erfasste. Sie wurde über den Pkw katapultiert und blieb schwer verletzt liegen. Die Fahrerin fuhr zunächst davon, konnte aber später ermittelt werden. Noch heute bekommt die 39-Jährige auf der Straße manchmal Angst, sie ist zaghafter als früher, das Unglück ist sofort wieder präsent.

An die Zeit nach dem Unfall kann sich auch Prof. Gabor Szalay gut erinnern. Der Facharzt für Chirurgie und spezielle Unfallchirurgie am Uniklinikum Gießen hat Denise Leddin, die damals noch Dambmann hieß, mehrfach operiert. »Wir sind einen schweren Weg gemeinsam gegangen. Das Problem war, dass die Knochen nicht heilen wollten«. Die Brüche waren kompliziert, die Knochen zerstört. Damals seien viele Tränen geflossen, Denise Leddin habe viele Enttäuschungen, Schmerzen und Rückschläge ertragen müssen. Die Aussicht, dass sie im Rollstuhl landen oder zumindest auf Gehhilfen angewiesen sein würde, war realistisch.

Schon damals sei ihm aufgefallen, dass diese Patientin keine war, die sich schnell abfindet mit ihrem Schicksal. Der Mediziner hatte es mit einer echten Kämpfernatur zu tun. Dennoch glaubte Szalay seinen Augen nicht zu trauen, als er kürzlich eine Mail mit anrührenden Dankesworten und verblüffenden Fotos bekam: Denise Leddin, die nach einem Marathon glücklich die Arme in die Höhe reckt. »Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke«, sagt der stellvertretende Klinikdirektor. Diese Erfolgsgeschichte grenze an ein Wunder. »Ich finde, dass sie anderen Menschen Mut machen kann. Man darf die Hoffnung nie aufgeben«.

Das ist auch die Botschaft von Denise Leddin. Natürlich weiß sie, dass viele andere trotz größter Bemühungen nicht wieder gesund werden. Dennoch ermuntert sie dazu, zuversichtlich zu bleiben. »Krücken waren keine Option für mich, ich wollte das nicht akzeptieren«. Sie biss sich durch: Erst vorsichtige Mobilisation, dann die Reha, immer wieder Operationen. Szalay setzte ihr ein Stück Knochen aus dem Beckenkamm ins Bein, auch eine Metallplatte sorgte zwischenzeitlich für Halt. All das waren langwierige Prozeduren mit ungewissem Ausgang. Nach knapp zwei Jahren war die Therapie abgeschlossen. An ein Sportlerleben dachte jedoch zu dieser Zeit niemand - außer der Patientin selbst vielleicht, denn sie begann bald mit einem moderaten Lauf- und Aufbautraining.

Gemeinsam mit einer Freundin wagte sie sich bald an längere Strecken - und mittlerweile hat sie an einem Marathon in Luxemburg und einem in Thüringen teilgenommen. Sie ist längst wieder voll berufstätig und steht mitten im Leben. In den vergangenen Jahren war sie nur noch einmal im Klinikum - aus einem ganz anderen Anlass: 2011 brachte sie hier ihren Sohn Marvin hier zur Welt.



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