25. Oktober 2018, 06:00 Uhr

Zuwanderer

Das sind Gießens Zuwanderer

Gießen wächst, auch durch Zuwanderung aus dem Ausland. Die Zahlen der Ausländerbehörde zeigen: Die meisten kommen wegen Arbeit und Ausbildung, Asylbewerber sind klar in der Minderheit.
25. Oktober 2018, 06:00 Uhr
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Von Burkhard Möller
Die Zahl der Ausländer, die am Uniklinikum eine Pflegeausbildung starten, ist zuletzt gestiegen. Auch ansonsten sind Ausbildung und Arbeit die Hauptgründe für Zuwanderung nach Gießen. (Symbolbild: dpa)

Fast 1,2 Millionen Asylanträge sind 2015 und 2016 beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gestellt worden. Diese Zahl bestimmt die Debatte über die Zuwanderung. Sie hat die Volksparteien kleiner und die AfD großgemacht. Aber Zuwanderung entsteht nicht nur durch Diktatorenherrschaft und Krieg. Im Gegenteil: Die Mehrheit der Einwanderer, die in Gießen ihren ersten Wohnsitz nehmen, sind gekommen, um hier zu arbeiten oder eine Ausbildung zu absolvieren. »Wir haben in Gießen ganz unterschiedliche Gründe für Zuwanderung. Das ist eine sehr heterogene Gruppe«, sagt Integrations-Dezernentin Astrid Eibelshäuser.

Im August und noch einmal im September hatte die SPD-Stadträtin einen Fragenkatalog der AfD-Stadtverordnetenfraktion zum Thema Zuwanderung beantwortet. Die Beschaffung der Zahlen war mit einigem Aufwand verbunden, an den Datendienstleister ekom 21 mussten »Sonderanfragen« gerichtet werde, erklären im GAZ-Gespräch Dezernentin Eibelshäuser, Gerald Menche, Abteilungsleiter der städtischen Ausländerbehörde, sowie dessen Mitarbeiterin Daniela Jahn, die für die Statistik zuständig ist.

Jahn gibt die Zahl der Ausländer, die aktuell in Gießen leben, mit gut 14 500 an, davon haben 2875 beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ein Asylverfahren durchlaufen und leben mit unterschiedlichem Aufenthaltsstatus hier. Die Menschen kommen aus 56 verschiedenen Ländern, das Gros aber aus den bekannten Krisenregionen des Mittleren Ostens (Syrien, Irak, Iran), des östlichen Afrikas (Somalia, Eritrea) oder aus Afghanistan. Mit fast 1000 Personen stellen die Syrer die größte Gruppe. Sie sind durchweg als Flüchtlinge anerkannt, stehen unter dem sogenannten subsidiären Schutz oder dem der Genfer Flüchtlingskonvention.

Die Zuwanderer sind eine sehr heterogene Gruppe

Stadträtin Astrid Eibelshäuser

Amtsleiter Menche hält es für irreführend, wenn suggeriert wird, dass man diese Menschen nach Syrien zurückschicken kann, wenn dort eines Tages wieder Frieden herrscht. »Da müsste das BAMF alle Bescheide zurücknehmen. Das ist in der Geschichte der Bundesrepublik erst einmal passiert, als viele Kosovaren nach dem Kosovo-Krieg zurückgekehrt sind«, erinnert sich Menche. Wer bleiben wolle, könne das auch: »Theoretisch haben alle die Möglichkeit, nach fünf Jahren eine Niedererlassungserlaubnis zu erwerben.« Und nach acht Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft.

Keiner der knapp 1000 Syrer wird aktuell geduldet, insgesamt fallen in Gießen nur 130 Asylbewerber unter diesen Status. Über ihnen schwebt zwar das Damoklesschwert der Abschiebung, die unter anderem aber deshalb nicht stattfinden, weil es »Wünsche des Handwerks« gibt. Laut Eibelshäuser finden die in Möglichkeiten wie der Ausbildungsduldung (3+2-Regelung) ihren Niederschlag. Die Stadträtin ordnet die Zahl in den Gießener Gesamtzusammenhang ein: »Nicht einmal ein Prozent aller Ausländer fallen unter den Status der Duldung.«

Bei rund 130 weiteren Asylbewerbern liegt ein Abschiebehindernis vor. Welche Hindernisse das im Einzelnen sind, kann die Stadt nicht sagen, weil diese Entscheidungen vom BAMF getroffen werden.

 

Studenten und Arbeitnehmer

Studenten und Arbeitnehmer sind es, die den Arbeitsalltag der Ausländerbehörde bzw. des neugeschaffenen Zentrums für Migration und Integration im Atrium des Rathauses bestimmen. Da die Fluktation an den beiden Hochschulen hoch ist und Aufenthaltserlaubnisse regelmäßig verlängert werden müssen, machen die vielen ausländischen Studierenden mehr Arbeit als die Flüchtlinge. Aber auch bei den Ausbildungsmigranten geht es um Integration: »Auch ein neuer Student, der in Gießen ankommt, muss an die Hand genommen werden. Es ist unsere Aufgabe, es ihm so leicht wie möglich zu machen«, stellt Menche fest.

Die Zahl der Nichtdeutschen, die schon mehr als 30 Jahre in Gießen leben und wenig mit der Behörde zu tun haben, ist mit gut 1600 Personen, gemessen an der Gesamtzahl aller Ausländer, gering. Dafür kommen immer neue Gruppen von Arbeitnehmern hinzu. So seien in den letzten Wochen etwa 40 junge Leute bei der Ausländerbehörde vorstellig geworden, die zum 1. Oktober am Uniklinikum eine Pflegeausbildung beginnen wollten. Menche: »Für die Zukunft der Pflege in unserem Land sind diese Arbeitskräfte existenziell«.

Info

Wann ist man Migrant?

Der Begriff Migrationshintergrund ist in aller Munde. Aber wann ist man amtlich ein Migrant? Im Schulbereich zum Beispiel gibt es gleich drei Kriterien: Kinder, die außerhalb Deutschlands geboren sind, die eine nichtdeutsche Staatsbürgerschaft haben oder neben Deutsch in der Familie eine zweite Sprache sprechen (in Gießen überwiegend türkisch und russisch), werden als Schüler mit Migrationshintergrund geführt. An der Gießener Grundschulen haben den 44 Prozent. Am höchsten der Anteil in der Georg-Büchner-Schule (74 Prozent), am niedrigsten in Rödgen (13 Prozent). In den Kitas reicht die Spanne der Kinder, bei denen mindestens ein Elternteil ausländischer Herkunft ist, von 98,3 Prozent in der Einrichtung »Kinder der Welt« in der Ederstraße bis zur Kita »Takatukaland« in der Schubertstraße (3,3 Prozent). Die entsprechenden Listen hat der Magistrat auf Anfrage der AfD-Fraktion zusammengestellt.



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