10. Dezember 2018, 06:00 Uhr

Gießener Nordstadt

Das letzte Stück Identität im Flussstraßenviertel

Das Flussstraßenviertel wird sich in den nächsten Jahren gewaltig verändern. Nicht nur baulich, sondern auch sozial. Was sagen die Bewohner? Ein Streifzug durch den Gießener Norden.
10. Dezember 2018, 06:00 Uhr
Der Bau im Hintergrund hat nichts mit den Umstrukturierungsplänen zu tun. Er gibt (v.l.) Frauke Kühn, Giorgio Vincenzo und Erika Wolf aber schon mal einen Eindruck, was hier in den kommenden Jahren passieren könnte. (Foto: Schepp)

Der Putz ist abgesprengt, Mauerwerk klafft durch die Fassade. Hinzu kommen etliche Risse, die sich durch die Außenwände fressen. Die Häuser im Flussstraßenviertel sind teils in einem katastrophalen Zustand. Darüber können auch nicht die Herzchen-Aufkleber hinwegtäuschen, die die Wohnbau anlässlich ihres 75. Geburtstages über die Haustüren geklebt hat. »Wir lieben Gießen« ist darauf zu lesen. Ob die Bewohner das gleiche Gefühl empfinden, wenn sie an ihr Zuhause denken? Stadtteilmanager Lutz Perkity formuliert es anders: »Viele leben schon sehr lange hier. Sie fühlen sich wohl, sie haben im Flussstraßenviertel ein familiäres Gefühl. Das Zuhause ist für viele das letzte Stück Identität.« Und diese Identität wird bald auf eine harte Probe gestellt.

 

 

Die Wohnbau plant, das nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Viertel grundlegend zu verändern. Das Konzept für das zwischen Sudetenlandstraße und Schwarzlachweg gelegene Quartier sieht durch Umbau und Neubau eine Aufstockung von derzeit 678 auf dann 698 Wohneinheiten vor.

Durch großzügigere Zuschnitte soll das Areal für Familien attraktiver werden. Als die Wohnbau ihr Vorhaben jüngst im Stadtparlament vorstellte, gab es viele Reaktionen.

Michael Janitzki von den Linken äußerte die Sorge, durch den Zuzug von (geflüchteten) Familien könnten alteingesessene Hartz-IV-Bezieher verdrängt werden. Stefan Kaisers vom Mieterverein kritisierte, neue Sozialwohnungen entstünden lediglich dort, wo ohnehin schon finanziell schwächer Gestellte wohnten, wodurch die soziale Spaltung in der Stadt vorangetrieben werde. Und Grünen-Fraktionschef Klaus Dieter Grothe betonte im Stadtparlament: »Wir brauchen eine soziale Durchmischung. Ich will nicht, dass es für Jugendliche auch noch in 20 Jahren ein Problem ist, wenn Werra- oder Fuldastraße als Wohnadresse in der Bewerbung stehen.«

Perkitny, der zusammen mit seiner Kollegin Frauke Kühn im Nordstadtzentrum Platz genommen hat, gibt Grothe Recht. »Diese Probleme existieren, da darf man sich nichts vormachen.« Der Stadtteilmanager weiß, wovon er spricht, er ist selbst in der Nordstadt aufgewachsen. Nicht nur er kennt neben den baulichen auch die sozialen Probleme im Viertel. Genau wie die Risse in den Mauern sind sie für jedermann ersichtlich. An manchen Ecken türmt sich der Sperrmüll, und nicht selten liegen leere Schnapsflasche auf den Grünflächen. »Hier gibt es Menschen, die sind abgehängt. Sie haben eine schwere Zeit hinter sich, teils selbst-, teils unverschuldet. Gerade diese Menschen haben Angst, ihr Zuhause zu verlieren«, sagt Perkitny. Er begrüße den Umbau und den Zuzug neuer Bewohner. Er betont aber auch: »Es darf niemand verdrängt werden.«

Es darf niemand verdrängt werden

Lutz Perkitny

Laut Wohnbau-Prokuristin Sabina Germeroth wird das nicht passieren. »Wir wollen keine Gentrifizierung. Uns geht es darum, dass die Bewohner in ihrem Quartier alt werden können.« Daher nehme die Barrierefreiheit in den Plänen eine zentrale Rolle ein. Zudem sagt Germeroth, dass die Bewohner – sollten sie für die Zeit der Sanierung ausziehen müssen – in jedem Fall zurückkehren könnten. Gleichzeitig betont sie, dass der Charakter des Viertels bewahrt werden solle.

Damit dürfte die Wohnbau bei Erika Wolf offene Türen einrennen. Als Vorsitzende der AG Müll und Mitglied des Unternehmensmieterrats kümmert sich die Bewohnerin der Ederstraße um die Belange ihrer Nachbarn. Und sie durfte auch schon einen Blick in die Pläne werfen. »Anfangs war ich beunruhigt, dass junge Architekten sich hier verwirklichen wollen und dabei nicht die Bedürfnisse der Bewohner im Blick haben. Aber das ist nicht der Fall. Die Pläne sehen gut aus, gleichzeitig wurden auch die Defizite erkannt.« Vollkommen sorgenfrei blickt Wolf aber nicht in die Zukunft. Die drohende Nahverdichtung, also die Bebauung der Grünflächen, könne dazu führen, dass die Bewohner ihrer Viertel nicht mehr wiedererkennen.

 

Auswirkungen noch offen

Zusammen mit Kühn schlendert Wolf zum Haus des Runden-Tisch-Mitglieds Giorgio Vincenzo. Der Bewohner des Schwarzlachwegs steht am Fenster und bittet zum Kaffee hinein. Ein Nein lässt er nicht gelten, es widerspräche seiner italienischen Gastgeberseele. Auf seiner Couch erzählt er dann, wie wohl er sich im Viertel fühlt. »Hier kenne ich alle, ich fühle mich zu Hause.« Freuen würde er sich nicht, wenn er im Falle einer Sanierung ausziehen müsste. Wenn er im Anschluss aber zurückkehren könne, sei das okay. Und auch den Zuzug neuer Bewohner sieht Vincenzo gelassen: »Wenn sie sich benehmen, habe ich damit kein Problem.«

Welche Auswirkungen der geplante Umbau tatsächlich hat, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Perkitnys Ansicht nach sind die Vorzeichen aber positiv. Vor allem, weil mit der Wohnbau ein sozial ausgerichtetes Unternehmen verantwortlich ist – und nicht etwa ein global agierender und aus Profitmaximierung ausgerichteter Immobilienriese. In Gremien wie dem Mieterrat oder dem Runden Tisch können die Bewohner selbst dazu beitragen, dass ihr Viertel ein Zuhause bleibt. Denn Identität besteht aus mehr als Mauerwerk und Mörtel.

Zusatzinfo

Weitere Infos beim Runden Tisch

Am 11. Dezember tagt der nächste Runde Tisch Flussstraßenviertel. Dann wird unter anderem auch die städtische Rahmenplanung für das Quartier vorgestellt. Los geht es um 19 Uhr im Nordstadtzentrum.

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