14. April 2019, 19:31 Uhr

Das große Zwitschern

14. April 2019, 19:31 Uhr
Vor den Käfigen wurde viel gefachsimpelt über die angebotenen Vögel. (Foto: csk)

Gießen (csk). Australische Sittiche halten meist den Schnabel. Dass Vertreter dieser Arten »oft ruhig sind und nicht schreien«, findet Dieter Kreher nicht verkehrt. Es ist Sonntag, fünf vor zehn, als er seine Tiere für ihr ausgeglichenes Gemüt lobt. Vielleicht gehört das muntere Gezwitscher zum glücklichen Vogel, womöglich zeugt Geschrei von Panik und Stille eher von Apathie: Das mag ja alles sein. Aber wer wollte Kreher jetzt im Ernst widersprechen? Der 69-Jährige aus der Nähe von Darmstadt ist schließlich hellwach und hat schon richtig was geleistet. Sein Stand bei der Vogelbörse in den Hessenhallen steht seit fast vier Stunden.

Gerhard Kraicker war um Viertel nach fünf am Ort des Geschehens. »Da warteten schon einige Autos vor der Tür«, berichtet der Vorsitzende der Vogelfreunde Gießen-Wieseck, die die Börse organisieren. »Gut besucht« nennt Kraicker sie, Aussteller aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland seien angereist. Das Publikum sieht neben Kanarienvögeln, Wellensittichen und Webervögeln auch ein paar Exoten – und lauter erstaunlich ausgeschlafen dreinblickende Züchter. Um sechs Uhr anfangen und mittags schließen, das sei nicht zuletzt eine Kostenfrage, räumt Kraicker ein. So müsse der kleine Verein die Halle nur halbtags mieten.

»Wir Züchter mit Leib und Seele stehen gerne mitten in der Nacht auf«, meint Kreher. Allerdings seien sie nicht mehr allzu viele. Sein Heimatverein habe aktuell drei Mitglieder – früher seien es 15 gewesen. Die 200 Vögel aus eigener Zucht hält der Rentner daheim in einer »artgerechten Voliere«, wie er betont. Ferner unterhalte er einen »Zuchtraum«. Ganz schön viel Aufwand für ein reines Hobby, oder? Schulterzucken. Zu allem Überfluss läuft das Geschäft ziemlich mau: »In Gießen hat der Andrang bei der Börse schwer nachgelassen«, sagt Kreher.

Fast ausverkauft meldet hingegen wenig später der andere Kreher in der Halle. Acht Gloster hatte Willi Kreher mitgebracht, für zwei sucht er jetzt noch Interessenten. Wer auf die »Positurkanarien« fliegt, bei denen Experten vor allem perfekte Formen verlangen, muss für ein Paar 40 Euro berappen. Plus minus 100 Euro kosten zwei Grauköpfchen nebenan bei Klaus Wagner aus Neustadt-Mengsberg. Er züchtet eigentlich Papageien, handelt am Sonntag jedoch mit den relativ kleinen Exoten aus Madagaskar. Insgesamt sei die Zucht sein »zu groß gewordenes Hobby«, scherzt Wagner, der mit dem Slogan »Wir Vögeln gerne!« wirbt.

Ob Liebe oder nicht, die Besucher dürfen sich den Käfigen am Sonntag nur bis auf 50 Zentimeter nähern. Auflage vom Veterinäramt. Das »Umsetzen« gekaufter Piepmätze passiert in einer eigens dafür errichteten Voliere. Auflage der Vogelfreunde Gießen-Wieseck – »um unnötige Verluste zu vermeiden«. Tatsächlich wird der Kasten mitten im Raum rege genutzt. Manch einer scheint ihn allerdings lieber zu ignorieren, wie die ausgebüxten Vögel belegen, die unterm Dach ihre Kreise ziehen.

Um kurz vor halb elf leert sich die Halle immer schneller. Gegen Mittag endet die Börse, während draußen der Tag eigentlich erst beginnt. Es heißt eben nicht umsonst: Der frühe Vogel fängt den Wurm.

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