Stadt Gießen

Das bedeutet der "Black Friday" für den Gießener Einzelhandel und den Kunden

Mit dem "Black Friday" lockt der Einzelhandel wieder mit Schnäppchen und Rabatten. Wer die Gewinner und Verlierer dieser Aktionstage sind, erklärt Diplom-Psychologe Roland Kretzschmar von der JLU.
22. November 2018, 17:54 Uhr
Katharina Ganz
Auch die Gießener Innenstadt lockt die Kundschaft mit "Black Friday"-Angeboten.

Hauptsächlich Internetriesen und die großen Elektronikmärkte werben am "Black Friday" mit besonders hohen Rabatten. Aber kann auch der stationäre Einzelhandel in der Gießener Innenstadt davon profitieren? Roland Kretzschmar von der Professur für Marketing und Verkaufsmanagement am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften an der Justus-Liebig-Universität gibt Antworten. Und er erklärt, warum hauptsächlich die Kunden die Verlierer dieser Aktionstage sein können.

 

"Black Friday und Cyber Monday" finden hauptsächlich im Internet statt. Setzen solche Aktionstage den stationären Einzelhandel in Gießen unter Druck?

Roland Kretzschmar: Ja, natürlich, weil es eine Sogwirkung hat. Die Bekanntheit der Aktionstage steigt, es hat einen Eventcharakter und die Kunden suchen aktiv danach. Aber Händler können auch andere Aktionen statt Rabatten anbieten – sogar im selben Zeitraum. 

Auch Preisvergleiche finden hauptsächlich online statt, also profitiert eher das Geschäft, das einen Online-Shop anbietet?

Kretzschmar: Das meiste Geschäft passiert online. Der "Black Friday", oder "Cyber Monday" ist eine auf Technik fokussierte Online-Aktion. Wenn man da als Einzelhändler mitgeht und feststellt, genau an diesem Freitag sitzen meine Kunden vorm Computer, dann geht man mit und versucht das Geschäft zu machen. 

Natürlich profitiert Amazon am meisten davon

Roland Kretzschmar

Und das sind meist die großen Internetkonzerne.

Kretzschmar: Natürlich profitiert Amazon am meisten davon, da dort sehr viel von diesem Online-Geschäft gebündelt wird. 

Ein kleines, inhabergeführtes Geschäft ohne Online-Shop hat also Probleme während der Aktionstage? 

Kretzschmar: Das kommt darauf an, wie es sich positioniert hat. Auf Rabatte setzen heißt letztendlich Waren verschleudern. So muss man sich als Händler überlegen, ob man als Premium gelten will, oder man bei den Prozentzeichen-Aufklebern mitmachen will. Wenn ich ein hochqualitatives Unternehmen habe und meinen Fokus auf gute Beratung und freundliche Atmosphäre lege, dann würde ich mich davor hüten dabei mitzumachen. Bedeutet: Man muss sich stark überlegen, ob man mit einem guten Konzept antritt oder bei der Preisschlacht mitmacht. 

Bedeutet das, dass es bei diesen Aktionstagen keine Verlierer gibt?

Kretzschmar: Doch, die gibt es auch und das sind in erster Linie die Kunden. So ein aggressiver Preiskampf bedeutet immer: Es gibt keine wirklich gut durchdachten Konzepte, keine guten Geschäftsmodelle, keine Einkaufserlebnisse, keine große Produktauswahl, kaum Produkttest-Möglichkeiten, keine Vergleiche, Empfehlungen und Beratung – also ausschließlich Preiskampf. 

Gibt es noch weitere Nachteile? 

Kretzschmar: Ja, etwa wenn der Kunde gar nicht die Rabatte oder Produkte findet, die er sucht, aber dennoch in Shopping-Laune ist. Dann kauft er oftmals Dinge, die er gar nicht benötigt. So kommt es nach solchen Aktionen auch zu vielen Retouren. Und nicht alle davon sind gratis. 

Also verliert nur der Kunde?

Kretzschmar: Nein, auch der Handel hat nicht nur Vorteile. Die Kunden erzieht es etwa dazu, dass sie nur noch kaufen, wenn es wirklich tolle Aktionen gibt. Da sollte man sich als Handel überlegen, ob man das möchte. Außerdem können auch Premium-Marken verlieren, wenn an solchen Aktionstagen ihre Produkte verramscht werden. Dann finden sich die Marken plötzlich in einem Preissegment wieder, in dem sie gar nicht sein möchten. Eine gute Marke, die ihre Preissteuerung fest im Griff hat, wird man kaum bei einer solchen Aktion finden. 

Gefragte Produkte sind nur um sehr geringe Anteile reduziert

Roland Kretzschmar

Dann reden wir beim "Black Friday" oder "Cyber Monday" gar nicht von wirklichen Schnäppchen?

Kretzschmar:  Es ist vorrangig das im Angebot, was sich sonst schlecht verkauft. Meistens Ware aus der letzten Saison oder Elektroartikel, die nicht das neueste Modell sind. Gefragte Produkte sind nur um sehr geringe Anteile reduziert. Häufig sind es gar nicht die richtig starken Rabatte von 90 Prozent im Vergleich zum UVP. Wenn man sich einmal anschaut, wo der Preis tatsächlich liegt, dann stellt man fest, dass das gar nichts mit dem UVP zutun hat. Meistens sind das solche Produkte, die es schon seit ein paar Monaten im Handel gibt. Dabei sinken die Preise schon automatisch. Etwa, wenn Smartphone-Modelle nicht mehr die neuesten sind. Da hat der jetzige Preis nichts mehr mit dem UVP zutun. Dann fühlt es sich zwar an wie ein Rabatt von 60 Prozent, es sind aber tatsächlich vielleicht nur zwei Prozent.

Der "Black Friday" ist aus den USA zu uns herübergeschwappt. Traditionell ist er immer der Freitag nach Thanksgiving, das immer auf einen Donnerstag fällt. Der Freitag wird oft als Brückentag genutzt, bei dem viele Menschen Zeit für die Einkäufe haben. Bei uns ist es ein ganz normaler Arbeitstag. Lohnt sich das in Deutschland überhaupt? 

Kretzschmar: Wir befinden uns im frühen Weihnachtsgeschäft. Und da sich die Menschen durch die Aktion schon frühzeitig klarer über ihre Wünsche werden, ist es auch positiv für den Handel. Es kann aber auch negative Auswirkungen auf die Planbarkeit haben. 

Was meinen Sie damit?

Kretzschmar: Es kann es sein, dass das stationäre Geschäft danach nicht so läuft wie erwartet, weil die Kunden schon ihr Geld ausgegeben haben. Das ist dann weg und wird er bei weiteren Einkäufen irgendwo eingespart. Dann haben die Händler neue Geräte in ihren Filialen und Lagern stehen, die sie nicht verkaufen – gerade im Elektrogeschäft. 

Was würden sie Kunden raten, um an den Aktionstagen wirklich von Rabatten zu profitieren?

Kretzschmar: Eigenprodukte und Eigenmarken sind in der Regel günstig zu bekommen. Beispielsweise »Alexa« von Amazon. Aber auch Dinge in unbeliebten Farben, wie etwa ein rosa Smartphone sind oft als Schnäppchen zu haben. Ich würde Kunden raten, sich vorher eine Einkaufsliste zu machen und Produkte und Preise im Vorfeld zu vergleichen. So kann man sich preisliche Grenzen setzen und ganz in Ruhe einkaufen gehen.

 

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Das-bedeutet-der-Black-Friday-fuer-den-Giessener-Einzelhandel-und-den-Kunden;art71,518803

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