Stadt Gießen

Das Navi im Kopf

Von Achstattring bis Zur Kastanie: 700 Straßennamen gibt es in Gießen. Wer Taxifahrer werden will, muss sie alle kennen. Warum bestehen nur wenige die »Ortskenntnisprüfung« im ersten Anlauf?
29. Mai 2017, 10:57 Uhr
Karen Werner
oli_taxifahrer_270517
Den Stadtplan brauchen Taxifahrer nicht mehr. Moderne Technik und ihre Zentrale helfen, wenn sie zum Beispiel erst kürzlich benannte Straßen suchen. (Foto: Schepp)

Sieben Friedhöfe gibt es im Stadtgebiet, aber wo liegt eigentlich die Friedhofstraße? Kennen Sie die Weiße Schule oder die kürzeste Strecke zwischen Steinacker und Steinhohl? Taxi- und Minicarfahrer müssen all das wissen. Auch im Navi-Zeitalter legen alle Berufseinsteiger eine »Ortskenntnisprüfung« ab; ohne sie gibt es keinen Personenbeförderungsschein. Im Vergleich zu Großstädten mag Gießen überschaubar wirken – im ersten Anlauf bestehen trotzdem die wenigsten Bewerber.

In Berlin oder Frankfurt werden wochenlange Kurse zur Vorbereitung angeboten. Mancher braucht Dutzende von Anläufen, bis er die Prüfung besteht – eine Grenze gibt es nicht. In solchen Metropolen werden indes nur »wichtige« Straßen abgefragt. In Gießen dagegen sollten Bewerber alle rund 700 Straßennamen in sämtlichen Stadtteilen kennen, bis hin zum winzigen Vetzberger Weg in der Weststadt, nicht zu verwechseln mit dem Vetzbergring im Neubaugebiet Marburger Straße West. Einrichtungen vom Pflegeheim bis zum Uni-Institut werden ebenso abgefragt wie die kürzesten Wege.

Im Schnitt brauche ein Bewerber in Gießen drei Versuche, bis er die Prüfung besteht, berichtet Magistratssprecherin Claudia Boje auf GAZ-Anfrage. Beim ersten Mal seien viele noch nicht gut genug vorbereitet, weil sie sich den Test zu leicht vorgestellt hätten.

Wenn der Fahrgast auf Fehler lauert

»Wer mit der Einstellung herangeht: ›Ich bin ein waschechter Gießener, ich schaffe das‹ – der fällt garantiert durch«, sagt Uwe Müller, Inhaber von Taxi-Blitz. »Man muss lernen.« Manchen gelingt das innerhalb einer Woche, erzählen Taxifahrer im GAZ-Gespräch. Das Studium des Stadtplans reiche nicht aus. Mit dem Auto, zu Fuß, mit dem Fahrrad haben sie sich durch die Stadt bewegt, aufmerksam die Straßenschilder gelesen und sich Einbahnstraßen und Durchfahrverbote gemerkt. Heute helfen elektronische Hilfsmittel. »Ohne Navi, ohne Handy« habe er sich 1994 auf die Prüfung vorbereitet, berichtet der Wettenberger Sükrü Özkan (56), der am Bahnhofsvorplatz auf Fahrgäste wartet. Bis heute brauche er sein Navigationsgerät nur selten, »vielleicht mal in einem Neubaugebiet«.

Ist die Ortskenntnisprüfung überhaupt noch nötig? Nein, finden einige Fahrer. »Sinnvoller wäre es, wenn alle Kollegen mit ihrem Navi richtig umgehen könnten«, meint ein 58-Jähriger. »Navi hin, Navi her«, sagt jedoch Uwe Müller – das Gebiet im Kopf zu haben, sei nach wie vor »total wichtig«. Kein Tabu ist es in seinen Augen, auch mal den Fahrgast nach dem Weg fragen, zumal mancher sowieso gern mitteilt, wo es seiner Meinung nach langgeht. Ein Taxifahrer plaudert aus dem Nähkästchen: Es gebe umgekehrt auch Kunden, die »einem mit Absicht Informationen vorenthalten« und die Fahrt zu einer Art Privatprüfung umgestalten.

»Mehr Unterstützung von Seiten der Stadt« würde Müller sich wünschen, was die Prüfungstermine angeht. Zu lang seien die Vier-Wochen-Abstände, manchmal werde ein Termin wegen Überfüllung wieder abgesagt oder kurzfristig verschoben. Die Stadt erwidert, das komme selten vor. In den Raum passten zehn Bewerber. Wenn es mehr sind, werde in der Regel ein weiterer Termin am selben Tag angeboten. Schon bei einem einzigen Teilnehmer finde die Prüfung statt. Wer durchfällt, muss wieder einen Monat warten. Für häufigere Termine reichten die Personalkapazitäten nicht, so die Stadt.

Die verstärkten Kontrollen von Taxis und Minicars sieht Müller »mit einem weinenden und einem lachenden Auge«. Die eine Seite: »Gut, dass die Behörden endlich wach geworden sind und etwas Ordnung in unser Gewerbe kommt.« Die andere: Leider wüssten die wenigsten Kunden, dass seine Wagen und Fahrer keinen Anlass zur Klage gegeben hätten. »Dass so viele schwarze Schafe herumfahren, rückt die Branche ins Zwielicht.«

Wie berichtet, haben Polizei, Ordnungsamt, Zoll und Eichamt bei der jüngsten Aktion vor vier Wochen 100 Fahrzeuge überprüft. Es gab 64 Beanstandungen, unter anderem wegen defekter Alarmknöpfe oder auch fehlendem Ortskundenachweis.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Das-Navi-im-Kopf;art71,261726

© Giessener Allgemeine Zeitung 2016. Alle Rechte vorbehalten. Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung