29. Dezember 2017, 20:23 Uhr

Das Modell Kasimir

Gute Nachbarschaften gibt es öfter mal, Straßenfeste und Grillabende inklusive. In Allendorf gehen Anwohner der Straße »Am Kasimir« noch einen Schritt weiter. Sie haben einen Verein gegründet, dessen Ziel neben Geselligkeit gegenseitige Hilfen sind. Bei Krankheit, im Alter und in allen Notlagen, die das Leben so mit sich bringt.
29. Dezember 2017, 20:23 Uhr
Eine der leichtesten Übungen: Blumen gießen beim Nachbarn. Der Beistand geht aber über solche Hilfestellungen hinaus. (Foto: Schepp)

Spieleabende, Skatrunden, Wanderungen, Radtouren, Klönabende. Das Jahresprogramm 2018 des »Kasimir-Treffs« ist schon jetzt stattlich. Unter Langeweile wird in der beschaulichen Straße in Allendorf ganz sicher niemand leiden. Wäre es den Initiatoren um Guido Tamme nur um gesellige Aktivitäten gegangen, hätte man es bei spontanen Verabredungen in lockerer Runde belassen können – das hat bisher bestens funktioniert. Doch der kleine (nicht eingetragene) Verein möchte mehr: »Wir wollen in unserem Wohnumfeld verlässlich füreinander da sein«, sagt Siegrun Müller-Bockisch. Und damit das klappt, sind Konzept und Strukturen hilfreich. Künftig können sich Anwohner, die über 60 Jahre alt sind und denen die Idee des umeinander Kümmerns sympathisch ist, sich um eine Mitgliedschaft bemühen.

Das soziale Miteinander wurde in der Straße schon immer großgeschrieben. Maßgeblich dafür verantwortlich waren Norbert Fischer-Schlemm und seine Frau Heidi. Sie waren 1970 die ersten, die in der Siedlung am Rande des Dörfchens ihr Haus bauten. Als nach und nach immer mehr Grundstücke bebaut wurden, half man sich aus – mit Material, Gerätschaften, Know-how und Körperkräften. »Und natürlich gab es zwischendurch ein Schwätzchen bei einer Flasche Bier«, erinnert sich Fischer-Schlemm. Der heute 78-Jährige ist auch der »Erfinder« der »Kasimir-Kirmes«, einem beliebten Straßenfest am Wendehammer. Der ist so großzügig angelegt, dass er tatsächlich nur zum Wenden viel zu schaden wäre. Zu den gegenseitigen Hilfen gehörte neben der handwerklichen Unterstützung auch schon immer praktischer und mentaler Beistand. Wenn jemand einen Haushaltsunfall hatte und mit einem verletzten Daumen ins Krankenhaus musste, war ganz sicher »ein Kasimir« zur Stelle, der ihn ins Krankenhaus fuhr, mit ihm wartete und Trost spendete. Dass Hausschlüssel ausgetauscht werden, damit während der Urlaubszeit die Pflanzen versorgt und die Briefkästen geleert werden, versteht sich ohnehin von selbst. »Es ist bürgerschaftliches Engagement im besten Sinne«, sagt Fischer-Schlemm.

Die Mitglieder des »Kasimir-Treffs« leben gerne in ihrer Straße, sie fühlen sich hier aufgehoben: Das geht der »ersten Generation« wie den Fischer-Schlemms so, aber auch der Familie von Anette Wasmus-Arnold, die Ende der 90er Jahre hierher gezogen ist: »Die Gewissheit, dass gute Freunde so nah sind, gibt uns ein gutes Gefühl«. Und auch Guido Tamme, der mit seiner Frau Sabine Burger erst seit wenigen Jahren dazugehört, weiß die Gemeinschaft zu schätzen: »Wir haben großes Glück gehabt«.

Alle wünschen sich, dass die Lebensqualität »Am Kasimir« für alle noch lange so bleibt – auch im Alter. Deshalb ist ihr Verein so etwas wie eine Vorsorgemaßnahme. Die Geselligkeit macht Spaß und tut gut, sie schweißt aber auch zusammen und stellt das Fundament dar für spätere Nachbarschaftshilfen. Eine Verpflichtung, sich überall zu beteiligen, gibt es dabei aber auf keinen Fall. »Bloß nicht, es soll ja Spaß machen«, sagt Wasmus-Arnold. Alles kann, nichts muss, ist die Devise.

Damit ihr Projekt überschaubar bleibt, hat der Vorstand sich dazu entschieden, ausschließlich Anwohner aus ihrer Straße aufzunehmen. Jedes neue Mitglied verpflichtet sich, einen monatlichen Beitrag zu zahlen, damit gemeinschaftliche Unternehmungen finanziert werden können.

Ob die Ziele des »Kasimir-Treffs« idealisitisches Wunschdenken bleiben oder sich in der Zukunft tatsächlich umsetzen lassen, wissen die Allendorfer noch nicht. Eines aber wissen sie schon heute ganz genau: Wenn sie es nicht ausprobieren, werden sie es auch nicht erfahren. Außerdem: Spieleabende, Wanderungen und Skatrunden sind auch in der Gegenwart schon schön.

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