Stadt Gießen

Das Gießener Kirmes-Urgestein

Seit er ein Kind ist, fährt Jürgen Uhl im Schaustellertross durch das Land. Nun denkt der 61-Jährige daran, kürzerzutreten. Uhls Ruhestand würde wohl das Ende einer langen Tradition bedeuten.
03. Oktober 2019, 17:08 Uhr
Christoph Hoffmann
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Jürgen Uhl und seine Ehefrau Eva gehören schon zum Inventar der Gießener Messe. (Foto: Schepp)

Montagmittag geht es auf der Messe gemächlich zu. Nur wenige Menschen schlendern über den Kies, viele Fressbuden sind verwaist, und wer in eines der vielen Fahrgeschäfte steigt, hat gute Chancen, seine Runden alleine zu drehen. Jürgen Uhl ist trotzdem da. Wie immer. Der Schausteller ist ein Urgestein der hessischen Jahrmärkte, ganz besonders aber der Gießener Messe. »Warten Sie mal«, sagt der 61-Jährige und fischt aus einer Mappe eine Urkunde heraus. Die einstige Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich hat sie ihm 2015 überreicht, weil der Familienbetrieb seit 85 Jahren die Gießener Messebesucher mit gebrannten Mandeln, Popcorn und Schokofrüchten versorgte.

Uhl stammt aus einer Schausteller-Dynastie. Angefangen hatte alles mit den Großeltern. Die Oma hat auf dem Gießener Markt Kurzwaren verkauft, der Opa war als Handlungsreisender in ganz Deutschland unterwegs. Eines Tages, als er in Hamburg Station machte, entdeckte er einen Stand mit gebrannten Mandeln. Das könnte auch den Gießenern schmecken, dachte sich der Geschäftsmann und brachte die Süßigkeit mit in seine Heimat. Von nun an verkauften die Uhls neben Kurzwaren auch allerhand Süßes, ab 1935 auch auf der Gießener Messe. Um über die Runden zu kommen, mussten auch die acht Kinder mit anpacken. Zwei von ihnen führten das Geschäft später fort, darunter auch Jürgen Uhls Vater Helmut.

»Ich bin also in den Beruf hineingeboren«, sagt der Gießener. Schon als kleiner Knirps war er immer dabei, wenn es auf die Jahrmärkte ging, mit sechs drehte er das erste mal die Zuckerwatte auf, mit zwölf brachte ihn der ältere Bruder das Mandelbrennen bei. Immer unterwegs, ein Leben zwischen Karussells, Süßigkeiten satt: Das klingt nach einer tollen, abenteuerlichen Kindheit. In Wahrheit ist das Schaustellerleben für einen Jungen aber mit vielen Entbehrungen verbunden. »Wir sind auf die Schule gegangen, wo wir gerade standen. Und wenn wir dann im Oktober, November nach Gießen zurückkamen und wieder auf unsere feste Schule gingen, waren die anderen Kinder mit dem Stoff schon viel weiter«, sagt Uhl. Auch für Freundschaften sei es nicht gerade förderlich, wenn man die Hälfte des Jahres fernab der Heimat verbringe.

Einen anderen Weg einzuschlagen, war für Uhl aber nie ein Thema. »Die Frage stellte sich einfach nicht«, sagt der Gießener. Und so fing der Junior bei den Eltern als Angestellter an, 1979 machte er sich dann mit einem Früchtewagen selbstständig.

Während Jürgen Uhl von seinen Anfängen erzählt, steht seine Ehefrau Eva neben ihm und tunkt Äpfel in Schokoladensoße. »Wir sind jetzt seit 26 Jahre zusammen«, sagt die Gießenerin mit einem Lächeln auf den Lippen. Bis sie ihren späteren Ehemann kennenlernte, hatte sie mit der Schaustellerei nichts am Hut, sie arbeitete als Bedienung im Café Rühl. »Da haben wir uns auch kennengelernt«, sagt Eva Uhl mit einem Blick zu ihrem Gatten. »Er hat bei mir häufiger einen Kaffee getrunken.«

Zu jener Zeit war Rühl schon Vater, seine erste Ehe hatte ihn drei Kinder beschert. »Drei Buben«, betont der 61-Jährige. Alle sind berufstätig, keiner hat etwas mit der Schaustellerei zu tun. »Wenn Not am Mann ist, helfen sie zwar aus, ansonsten aber gehen sie ihren eigenen Weg.« Uhl ist glücklich darüber. Es sei schon immer sein Ziel gewesen, dass die Söhne einen anderen Lebensweg verfolgen. »Ich habe sie auch fest in die Schule in Gießen geschickt. Ich wollte, dass sie etwas Vernünftiges lernen. Schausteller können sie später immer noch werden.«

Momentan sieht es allerdings nicht danach aus. Die Söhne haben eigene Familien, sie arbeiten als Elektriker, Mechatroniker und Schlosser bei angesehen Firmen der Region. Es könnte also sein, dass der Uhl-Schriftzug nicht mehr allzu lange auf den heimischen Messen zu sehen ist. Zumal Jürgen Uhl mit dem Gedanken spielt, in einigen Jahren kürzerzutreten. »Ich bin nicht mehr der Jüngste. Mir tun die Knochen weh«, sagt der 61-Jährige. Kein Wunder: Der Job geht an die Substanz.

14-Stunden-Tage sind für Uhl keine Seltenheit. Und wenn es hart auf hart kommt, steht der Gießener auch mal 20 Stunden hinter der Theke. Uhl will nicht klagen, er macht seinen Job gerne, er kann sich aber durchaus vorstellen, in ein paar Jahren den Ruhestand zu genießen. Eine Lebensplanung, die für seine Vorfahren noch undenkbar gewesen wäre.

Uhls Vater Helmut erlitt mit 36 Jahren seinen ersten Schlaganfall. Ein zweiter folgte, einen Herzinfarkt musste er ebenfalls verkraften. »Er brauchte schon früh einen Rollator, später mussten wir ihm einen Rollstuhl besorgen«, sagt Jürgen Uhl. Trotzdem habe sein Vater nicht im Traum daran gedacht, der Kirmes fernzubleiben. »Er ist immer mitgefahren«, sagt der Sohn, »er saß stets neben der Zuckerwatte und hat die Leute beobachtet.« Auch die Mutter sei noch mit über 80 auf Reisen gewesen, fügt Uhls Ehefrau Eva an. »Das ist bei vielen Schaustellern so. Sie haben im privaten Bereich kaum Freunde, ihr Leben hat sich immer auf der Messe abgespielt.« Jürgen Uhl nickt zustimmend: »Viele Schausteller arbeiten, bis sie umfallen. Wenn man sie vorher in die Wohnung steckt, ist das tödlich für sie. Sie gehen kaputt.«

Bei Jürgen Uhl ist das anders. Er hat auch abseits des Rummels soziale Kontakte, sein Leben ist facettenreicher als das der alten Schaustellergilde. Und trotzdem: Wenn er irgendwann die Mandeltüte an den Nagel hängt, wird ihm etwas fehlen. Der Kontakt mit den Kunden, die er mitunter schon Jahrzehnte kennt. Heute verkauft er Mandeln an Väter, die schon als kleine Buben an der Bude standen. Den Kontakt mit den Schaustellern wird er ebenfalls vermissen. Denn auch wenn die Branche als rau verschrien ist, lässt er auf seine Kollegen nichts kommen. »Wir sind alle gleich aufgewachsen, wir haben alle ähnliche Leben geführt. Wenn irgendetwas ist - Schlägerei, Unfall, festgefahrener Lastwagen - dann helfen wir uns. Wir sind eine besondere Gemeinschaft.«

Eine paar Tage noch wird man diesen Geist auf den Gießener Messeplatz erleben können. Dann geht es für die Schausteller weiter. Die Uhls zieht es zum Beispiel nach Bad Nauheim. Darmstadt, in den Westerwald und nach Lauterbach. Hauptsache auf Reisen. Zumindest ein paar Jahre noch.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Das-Giessener-Kirmes-Urgestein;art71,632617

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