17. März 2017, 19:27 Uhr

Das Gemeinsame erkennen

17. März 2017, 19:27 Uhr
Judith Levi

Gießen (gl). Judith Levi ist emeritierte Sprachwissenschaftsprofessorin aus Chicago. Die Tochter von zwei noch vor dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland emigrierten Juden wuchs in New York auf, lernte die deutsche Sprache erst auf dem College und hielt ihre »moralische Abneigung« gegen das Land des Holocausts lange für »moralisch gerechtfertigt«. Obwohl ihre Eltern sie nicht dazu erzogen hatten, Deutschland zu hassen, sah Levi das Land als »verseucht« vom Nationalsozialismus an und konnte sich nicht vorstellen, dass es dort jemals etwas Gutes und Schönes zu entdecken gäbe. Doch 1998 änderte sich diese Einstellung, als die Jüdin erstmals im Rahmen von Recherchen zu ihrer Familiengeschichte den Entschluss fasste, Deutschland zu besuchen – eine Erfahrung, die ihr Leben veränderte.

Von ihrer »Reise der Versöhnung« und ihren Gedanken für ein besseres Zusammenleben aller Menschen erzählt Levi in ihrem 2016 erschienenen gleichnamigen Buch. Daraus las sie bei einer mit rund 60 Besuchern gut besuchten Veranstaltung in der jüdischen Gemeinde, zu der Dov Aviv, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, und Cornelius Mann, Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar, eingeladen hatten.

Ausgerechnet 1998, zum 60. Jahrestag der Reichspogromnacht, hatte Levi gemeinsam mit ihrer Cousine Deutschland besucht. Weil sie im Nachlass ihres verstorbenen Vaters die Sterbeurkunde ihrer Urgroßmutter Rosalie gefunden hatte, hatte sie den Entschluss gefasst, die Spuren ihrer Familie weiter zu verfolgen. Drei Tage in Frankfurt und drei Tage in Mayen in der Eifel, wo sie eine Gedenkveranstaltung an die Opfer der Reichspogromnacht miterlebte, zeigten ihr, dass »Deutschland seinen Giftzahn verloren« hat und erlaubten ihr, zu ihrer »vollständigen Identität zurückzufinden«.

Mit präzisen, logischen Schlussfolgerungen hat Levi ihre persönlichen Erfahrungen zu einem Plädoyer für »Menschlichkeit als einende Kraft« weiterentwickelt, das durchaus auch als Anregung verstanden werden kann, wie mit aktuellen Herausforderungen in der Flüchtlingsdebatte umgegangen werden kann. Die Einteilung in das »Wir und die Anderen« sei die Ursache allen Übels in der Welt, warnte Levi ihre Zuhörer und plädierte dafür, sich aus eng gefassten Identitäten zu befreien und Gemeinsames zu erkennen. »Identität ist wie ein bunter Rock, ein komplexes Ganzes aus vielen Farben«, so ihr Credo.

Seit ihrer Emeritierung engagiert sich Levi für den deutsch-jüdischen Dialog und die deutsch-jüdische Versöhnung. 2015 wurde ihr dafür das Verdienstkreuz der Bundesrepublik verliehen. Sie hält in Deutschland und den USA Vorträge – sowohl vor Erwachsenen als auch vor Schülern – über die deutsch-jüdische Versöhnung und bietet ihre Gedanken auf www.judithnlevi.com zum Nachlesen an. (Foto: pm)

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