13. Januar 2017, 17:51 Uhr

Das Ende der Weinreben

Nach 30 Jahren zieht sich »Die Weinrebe« aus Gießen zurück. Ende April schließt Reinhard Kroh den Standort im Schiffenberger Tal, schon am 15. April gibt Marc Colavincenzo seinen Laden am Lindenplatz auf. Während Kroh den Rückzug mit Umsatzrückgang begründet, muss Colavincenzo um sein Leben kämpfen.
13. Januar 2017, 17:51 Uhr
Marc Colavincenzo (Foto) und Reinhard Kroh fungieren noch bis April als Weinrebe-Team. (Foto: Schepp)

Die schlechten Tage werden immer häufiger. Obwohl Marc Colavincenzo nur wenige Meter von seinem Laden am Lindenplatz entfernt wohnt, fehlte ihm zuletzt immer öfter die Kraft, »Die Weinrebe« aufzuschließen. Anfang Dezember stand er zum bisher letzten Mal hinter der Theke, wo er seine Kunden sonst seit 2004 freundlich begrüßt und leidenschaftlich gerne beim Weinkauf berät. In den nächsten drei Wochen muss er sich erneut einer kräftezehrenden Therapie unterziehen. Dabei hat der 48-jährige Kanadier, der seinen klangvollen Namen italienischen Vorfahren zu verdanken hat, schon heute kaum noch etwas entgegenzusetzen. Er ist extrem dünn geworden, und er wird immer schwächer.

Colavincenzo leidet an Mukoviszidose. Die angeborene Stoffwechselerkrankung sorgt dafür, dass der 48-Jährige immer stärker mit Atemproblemen und Verdauungsstörungen zu kämpfen hat. Seine Körpersekrete sind sehr viel zäher als die von gesunden Menschen. Mukoviszidose gilt als nicht heilbar. Mit einer konsequenten Therapie kann der Krankheitsverlauf aber verlangsamt werden. Dieser Therapie will sich Colavincenzo nun verstärkt widmen. Das bedeutet: Atemtherapie, Krankengymnastik, Inhalationen, Radfahren. »Ich benötige mehr Zeit für mich und meine Krankheit. Mein Arzt meint, dass ich mit der Weinrebe und der Muko eigentlich zwei Jobs hätte. Leider war die Krankheit nicht kündbar.«

Per Zufall wurde Colavincenzo 2004 zum Weinhändler. Als Dozent am Anglistik-Institut erhielt er 2003 den Wolfgang-Mittermaier-Preis für vorbildliche Lehre, 2004 verlor er dennoch seinen Job, weil »sein« Professor in Ruhestand ging. »In einem Artikel über mich stand, dass ich von einem Weingeschäft träume. In der Weinrebe haben sie mir daraufhin die Übernahme angeboten«, sagt er und lacht.

Schweren Herzens hat sich der promovierte Literaturwissenschaftler, der von 1994 bis 2004 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Justus-Liebig-Universität tätig war, nun entschlossen, den Laden am Wochenmarkt aufzugeben. Nach zwölf Jahren unter seine Regie ist am 15. April Schluss. Dass er als Muko-Patient überhaupt bis zum Alter von 48 Jahren arbeiten konnte, ist ein Wunder. »Das Wort Schließung nehme ich aber noch nicht in den Mund, denn ich suche einen Nachfolger.« Noch steht aber in den Sternen, ob es einen Neuanfang geben wird oder der Weinhandel vom Lindenplatz verschwindet.

Reinhard Kroh ist da schon einen Schritt weiter. Der Gießener, der »Die Weinrebe« 1980 in Marburg gegründet und 1987 am Lindenplatz eröffnet hat, schließt seine Filiale im Schiffenberger Tal Ende April. Nach mehr als 20 Jahren an diesem Standort will sich Kroh auf den Laden in Marburg konzentrieren. »Die Umsätze sind in den vergangenen drei Jahren stetig zurückgegangen. Da ist dann irgendwann der Punkt erreicht, an dem es sich nicht mehr rechnet.«

Zu groß sei sowohl der Kostendruck als auch die Konkurrenz durch Supermärkte und andere Händler in der Stadt. Dass sich Colavincenzo zurückzieht, gab für den 63-Jährigen letztlich den Ausschlag. »Wir haben sehr eng kooperiert. Einkauf, Werbung und Veranstaltungen haben wir zusammen organisiert. Ohne ihn wäre die Belastung noch größer geworden.«

Dass sich Colavincenzo nun vorerst seiner Krankheit beugen muss, ist ein harter Schlag für den Kanadier. Die Mukoviszidose sei schon bei der Übernahme des Ladens von Kroh ein Thema gewesen. »Sie war der Grund, warum ich hätte Nein sagen müssen, sie war aber auch der Grund, warum ich Ja gesagt habe«, erzählt Colavincenzo. Die Krankheit habe ihm beigebracht, die Zeit zu genießen, die er hat, und die Chancen zu ergreifen, die sich bieten. »Sie ist der Grund, warum ich den Laden mit so viel Leidenschaft geführt habe.« Dann wird er traurig: »Ich werde den Laden sehr vermissen.

An seiner positiven Grundeinstellung wird die Entscheidung aber nichts ändern. »Natürlich wäre ich die Muko gerne los, aber sie hat mich auch zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Mein Leben ist geworden, wie es ist. Und gewisse Teile sind richtig gut«, sagt Colavincenzo. Dazu gehört auch die Zeit in der »Weinrebe«. Marc Schäfer



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