07. September 2017, 14:00 Uhr

Serie »von oben«

Das Eisenbahnerdorf

Kleinlinden und seine 4700 Einwohner haben viele Anekdoten zu bieten: Ein U-Boot im Freibad oder Blumen aus dem Zeppelin. Und vertriebene Vertriebene.
07. September 2017, 14:00 Uhr

Von oben

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

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Wer sich bei Wikipedia über Kleinlinden, den mit 4700 Einwohnern zweitgrößten Gießener Stadtteil informieren will, erfährt erschreckend wenig. Und auch mit Sehenswertem ist der Vorort kaum gesegnet. Auf die Frage, was er seinen Gästen zeigen würde, wenn die seinen Heimatort kennenlernen wollen, meint Hans-Jürgen Volk, langjähriger Feuerwehrchef und Hobbyhistoriker, achselzuckend: »Kirche, Freibad und zweimal Denkmalschutz: das Viadukt im Sportfeld und die ehemalige Caltex-Tankstelle in der Frankfurter Straße.«

 

Lage an den Bahntrassen

 

Womit wir bei dem wären, was Kleinlinden bis heute prägt und sich im Spitznamen »Das Eisenbahnerdorf« niederschlägt. Das geht zurück auf die Mitte des vorletzten Jahrhunderts, als die Eisenbahntrassen angelegt wurden: Erst die Strecke Gießen-Langgöns im Zuge der Main-Weser-Bahn, dann Gießen-Köln, schließlich Gießen-Koblenz. Für den Bau und später für den Betrieb der Eisenbahn wurden viele Menschen benötigt. Für die baute damals der geschäftstüchtige einheimische Maurermeister Heinrich Bernhardt neben dem Bahngelände viele schlüsselfertige Häuser, die er vermietete oder verkaufte. Daran erinnert bis heute der Name »Bernhardtshausen« für die Siedlung im Dreieck der drei Bahntrassen.

 

Nicht der beste Ruf

 

Weil damals dort viele Beamte hinzogen, die von den Alteingesessenen für etwas Besseres gehalten wurden, war der Ruf der Siedlung nicht der beste. Volk kennt die Geschichte von einer Kleinlindener Großfamilie, die wegen des Nachwuchses dringend eine größere Bleibe suchte und schließlich in Bernhardtshausen fündig wurde. Als der Sohn das stolz seiner Mutter kundtat, soll die entsetzt gefleht haben: »Kinder, tut mir das nicht an!«

Keimzelle des Dorfes war einst der Hang um Untergasse (heute Wetzlarer Straße), Obergasse (heute Zum Maiplatz), Lützellindener Straße und Hintergasse (heute Weigelstraße). Diese Straßen trafen sich am Maiplatz, der Jahrhunderte lang der Mittelpunkt des Dorfes war. Darin erinnert heute nur noch wenig. Immerhin: Die Kirche steht noch am Maiplatz, und seit zwei Jahren findet dort wieder ein Adventsmarkt statt, der im Vorjahr sehr gut besucht war.

 

Fast Militärgeschichte geschrieben

 

Dafür kann Ortskenner Volk mancherlei historische Anekdoten erzählen. Etwa die von dem aus Kleinlinden stammenden Bordelektriker Johann Philipp Lenz, der 1937 den Zeppelin-Absturz von Lakehurst überlebt hat. Zuvor soll er wiederholt Blumen für die Verwandtschaft abgeworfen haben, wenn er mit dem Luftschiff über seinem Heimatort unterwegs war.

Einmal hätte Kleinlinden sogar fast ein Stück Militärgeschichte geschrieben. Auslöser war die Sorge der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, dass ihre U-Boote allzu schnell durch Radar geortet werden konnten. Gießener Physiker wurden deshalb 1944 beauftragt, U-Boote »unsichtbar« zu machen. Mit Hilfe der einheimischen Feinmechaniker August und Wilhelm Ruhl wurde eine Bootsattrappe gebaut und im Kleinlindener Freibad getestet mit dem Ziel, durch einen Schleier aus Meerwasser die Radarwellen zu absorbieren. Das Ergebnis war allerdings unbefriedigend. Als diese geheimen Experimente im vergangenen Frühjahr im Dorfblatt beschrieben und mit einer Fotomontage illustriert wurden, hielten dies viele Leser für einen Aprilscherz.

 

Historische Besonderheit

 

Eine historische Besonderheit Kleinlindens, das schon 1939 in die Stadt Gießen eingegliedert wurde, ist auch die zwischen 1952 und 1956 entstandene Markwaldsiedlung. Viele heimatvertriebene Sudetendeutsche, die zunächst verstreut im Hüttenberger Land gelebt hatten, fanden sich hier zum Bau von Wohnhäusern mit Pflicht-Mietwohnung in Eigenleistung zusammen. Eigentlich hatten sie das in Lützellinden tun wollen. Aber weil das den Einheimischen suspekt war und die Bauern ihr Ackerland nicht hergeben wollten, wies ihnen die Gemeinde ein weit entferntes Waldstück im äußersten Nordosten ihrer Gemarkung zu, direkt am südlichen Rand von Kleinlinden. Später wurde dieses Gebiet an die Stadt abgetreten. So kommt es, dass die Siedlung bis heute wie ein Finger in die Nachbargemarkung hinein reicht.

 

Bald 750-Jahr-Feier

 

Die Vergangenheit wird natürlich auch im Blickpunkt stehen, wenn Linnes in zwei Jahren sein 750-jähriges Bestehen feiert. Für die historische Aufarbeitung ist der Stadtteil bestens gerüstet durch die eifrigen Mitglieder im Orts- und Vereinsarchiv, die schon viel und allein 2000 Fotos zusammengetragen haben, sich aber über Ergänzungen freuen, und »Die Linneser Frauen« um Dagmar Hinterlang, die bereits drei Bücher mit Porträts von Einheimischen veröffentlicht haben. Zu den Aktivposten im Vereinsleben gehören auch die Herausgeber des »Linneser Backschießers«, die das Dorfgeschehen und die Historie weit professioneller aufbereiten, als das sonst in Gemeindeblättchen üblich ist.

Bei so viel Engagement müsste es eigentlich auch möglich sein, Kleinlindens Wikipedia-Eintrag ein wenig anzureichern. Und wenn es nur um den einstigen Landtagsvizepräsidenten Hermann Stein von der FDP wäre.

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