13. Oktober 2008, 18:34 Uhr

»Cyborg« - Computer sind auch nur Menschen

Die Cyborgisierung greift um sich. Was muss ein Cyborg mindestens, was darf er höchstens haben, um noch als solcher gelten zu können? In ihrem Vortrag untersuchte die Doktorandin Franziska Prechtel die Grenzformen
13. Oktober 2008, 18:34 Uhr
Blick in die Performance »Man Machine«« von der Gruppe »Visiting artists in Koko Teatteri« (Foto: ant)

Wie sehr etwa verkünstlichen Schönheitsoperationen den Menschen? Und wie viel Maschine verträgt ein Mensch, ohne dass er zum Monster wird?

Das »Verlangen nach Cyborgisierung«, auf das sie anhand von Beispielen aus Alltag, Hollywoodfilm und Modedesign aufmerksam macht, sei auf eine Menschheitsutopie zurückzuführen: Der Traum von Ganzheit und Makellosigkeit, verfolgt durch das künstliche Ausgleichen eines empfundenen Mangels oder Defekts. Den Robotern oder Androiden dagegen wird in Sciene-Fictionfilmen oft von den Menschen unterstellt, ihre fehlende Menschlichkeit als Mangel zu empfinden und nach Emotionen zu verlangen, nach Momenten, in denen sie ihre Kontrolle verlieren: Computer sind auch nur Menschen. Vier Vorträge an zwei Tagen reicherten das Programm des diesjährigen Diskursfestivals mit theoretischen Reflexionen an, die der Annäherung an das Phänomen Cyborg weitere interessante Aspekte liefern und nicht zuletzt auch einen erweiterten Blick auf die gezeigten Arbeiten ermöglichen.

Während sich Hildesheimer Studierende in ihrem »Projekt A.R.I.E.L.« mit Bezug auf die Figur des Energiewesens Ariel aus Shakespeares »Sturm« theoretisch wie praktisch mit Medieneinsatz auf der Bühne und der Medialität des Theaters auseinandersetzten, um am Ende von der Technik, die ihnen dienen soll, an der Nase herumgeführt zu werden, schien der Darsteller der iranischen »Passin Group« sich in der Performance »My Paradoxical Life« in einem andauernden Dialog mit einer Stimme zu befinden, die zu ihm spricht und ihm Anweisungen gibt, was zu tun ist.

Fünf Kurzfilme am Samstag schlossen auf jeweils sehr unterschiedliche Weise an die Problematiken an: Der auf der gleichnamigen Erzählung Robert Walsers basierende Stummfilm »Die italienische Novelle« zeigte ein Liebespaar, das sich mit seinem Anspruch an das in der Literatur vermittelte perfekte Ideal der Liebe konfrontiert sieht, hinter dem ihre eigene Liebe scheinbar zurück bleiben muss. Der Animationsfilm »Analog Brother« kritisierte humorvoll den Verlust der analogen Medien im Alltag; auch hier wurde die Abhängigkeit von Technik thematisiert: Die Medien sind die Droge, nach der sich die Figuren verzehren - nur zieht die Line aus EPROMs nicht so krass, schmeckt die CD nicht so gut, wie eine gute alte Schallplatte spielen kann. Abends gab es zum Ausklang des Tages jeweils Konzerte, die entsprechend Möglichkeiten und Grenzen der Musik zwischen elektronischer und physikalischer Klangerzeugung ausloteten.

Den fulminanten Abschluss des Festivals bildete am Sonntagabend die Performance »Man Machine« von Künstlern des renommierten finnischen Koko Teatteris, auch diese eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Menschen zu den Maschinen, die sie umgeben und von denen sie abhängig sind. Beinahe ohne sprachlichen Zusatz fanden die Künstler einen überzeugenden Weg, die Problematik - auch in selbstreflexiven Bezug auf die Möglichkeiten und Schwierigkeiten des Theaterschaffenden selbst - inszenatorisch zu übersetzen. Moving-Lights wurden zu Protagonisten, die Menschen zu (Hilfs-)Mitteln und die Interaktion zwischen beiden erwies sich sowohl spielerisch - im Tetris-Match - wie auch durchaus ernsthaft, zugleich aber nie ohne Selbstironie, mit der auch die Rolle der Künstler zwischen Technikern und Darstellern humorvoll in Szene gesetzt wurde.

Anna Teuben



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