09. Februar 2017, 21:00 Uhr

Code der Emotionen

Es geht um Augenblicke. Um Persönlichkeiten, Charaktere, Sensibilität. Sebastian Rydzak bannt Gefühle auf Leinwand. In der Alten Kupferschmiede zeigt der junge Maler einen Querschnitt seiner Arbeit.
09. Februar 2017, 21:00 Uhr
Sebastian Rydzak wirft einen Blick auf einen seiner Lieblingskünstler, den von ihm in Szene gesetzten Charlie Chaplin. (Foto: privat)

Es sind die Augen. Stirn, Nase, Mund und Kinn kommen später. »Zuerst sind die Augen da«, sagt Sebastian Rydzak. Die Augen verraten viel. »Der Mensch wird durch seinen Blick gespiegelt«, erklärt der Maler an einem Porträt von David Bowie. Sex-Appeal, Sorgen, Sehnsucht – die Augen geben Auskunft. Rydzak hat sich auf Porträts von Schauspielern und Musikern spezialisiert. Das vergangene Jahrhundert liegt dem 28-Jährigen besonders am Herzen. Fotos dienen ihm als Modell. Marlene Dietrich, Charlie Chaplin, James Dean, Robin Williams. Die Liste ist lang. Und wird täglich um einen Augenblick länger.

Warum er so viel Wert auf die Augen legt? »Das gewisse Etwas darin fasziniert mich. Augen können auf den Betrachter eine Sogwirkung ausüben«, sagt der Künstler. Es ist der spezielle Moment, um den es ihm geht, der eine Persönlichkeit ausmacht, die Seelenlage verkündet, das Leben erklärt. Wenn Rydzak den Schauspieler Al Pacino auf die Leinwand bannt, fördert das Gemälde einen höchst sensiblen Charakter zutage.

Nach den Augen kommen die Konturen. Der Strichcode fürs Emotionale, gleichsam Hintergründige. Die mit Fineliner gezeichnete Struktur gibt den Porträts Halt und kennzeichnet Rydzaks Stil als einen aufs Gesicht fokussierten Realismus mit impressionistischen Zügen, den der Künstler weiterentwickelt, wenn er expressiv mit den Motiven spielt. »Manchmal koloriere ich ein Bild und lasse die Farben verlaufen. Das gibt tolle Effekte.«

Mit dem Zeichnen von Disney-Figuren fing alles an. Da war Rydzak sieben, lebte mit seinen Eltern noch in Polen und widmete seine ersten Zeichenversuche Donald, Daisy, Dagobert und Co. Schnell konzentrierte er sich auf die Gesichter. »Weil sie am besten den Charakter eines Menschen zeigen.« Diesem Ansatz ist Rydzak treu geblieben, auch wenn er heute hin und wieder Collagen erstellt oder großformatige bunte Lippen kreiert, die an Pop-Art erinnern. Auch seine Vorbilder gehören in die Abteilung Großformat: Salvador Dalí und Henri de Toulouse Lautrec.

Als der kleine Sebastian neun war, zog die Familie nach Deutschland, nach Lüdenscheid. Der Vater arbeitete als Maler, die Mutter als Schneiderin. »Meine Kreativität habe ich von ihr.« Der Realschule schloss sich eine Lehre zum Grafikassistenten in Iserlohn an, die Rydzak 2008 abschloss. Im Anschluss verdingte er sich in einer Agentur. »Aber das war nicht das Richtige für mich.« Er beendete das Arbeitsverhältnis nach zwei Monaten. »Ehe ich was mache, das mir das Leben erschwert, fange ich lieber etwas Neues an.« Mit Jobs hielt sich der junge Mann über Wasser, arbeitete in Kreativkursen mit Kindern, war Verkäufer in einer Boutique und ackerte als Gärtner. In der Abendschule holte er das Abitur nach. Das war 2010. Danach begann eine Zeit des Reisens. New York war ein Ziel. »Da wollte ich unbedingt hin.« Auf Sizilien verdiente sich Rydzak sein Geld auf den Pistazienfeldern einer befreundeten Familie. Aus dieser Zeit stammt einer seiner Grundsätze: »Es ist wichtig, sich selbst etwas zu erarbeiten.«

2012 bewarb er sich am Stadttheater Gießen als Bühnenmaler. Nach der erfolgreichen Aufnahmeprüfung absolvierte er eine dreijährige Lehre. »Man fängt immer klein an.« Noch ein Grundsatz. Seit 2015 gehört er zum dreiköpfigen Bühnenmaler-Team und rückt Kulissenteile farblich in den Vordergrund oder erstellt raumfüllende Prospekte. Der überdimensionale braune Kamm, der sich im zweiten Akt der neuen Oper »Der Barbier von Bagdad« über die komplette Bühnenbreite spannt, stammt von Rydzak.

In der Alten Kupferschmiede zeigt der Künstler am morgigen Samstag und am Sonntag Porträts berühmter Persönlichkeiten, Acrylfarbe auf Leinwand oder Holz. Es ist seine vierte Einzelausstellung, die sechste insgesamt. Unter dem Titel »The Art of being a Legend« (Die Kunst eine Legende zu sein) präsentiert der Maler etwa 25 Arbeiten. »Der Titel der Schau stammt von meiner Freundin«, lächelt Rydzak. Mit der 24-Jährigen teilt er sich eine Wohnung in Gießen, etwas außerhalb. Die Jurastudentin und der Künstler ergänzen sich. Beide haben dieselbe Wellenlänge, schätzen das Leben auf dem Land und sind unzertrennlich.

Wie stellt sich Rydzak seine Zukunft vor, wenn er in Träumen schwelgt? Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: »Meine Zukunft stelle ich mir als Maler vor, zusammen mit meiner Frau und zwei, drei Kindern in einer großen Altbauwohnung mit Galerie.« Er nickt, als er das sagt, und seine wachen Augen strahlen. Der Traum hat in diesem Augenblick begonnen.

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