Stadt Gießen

City-Center als »Gegenpol« zum Seltersweg

Vor 40 Jahren entstand neben dem neuen Kaufhaus Horten das City-Center. Es war von Anfang an umstritten – obwohl keiner dem Viertel nachweinte, das dafür abgerissen wurde.
05. Oktober 2018, 17:00 Uhr
Karen Werner
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1978: Neben dem neuen Kaufhaus Horten entsteht das City-Center. Gewichen ist für beide Projekte ein ganzes Stadtviertel. (Fotos: Archiv)

Wohnen in der Innenstadt? Nein danke. Wer es sich leisten kann, zieht ins idyllische Umland. Wegen dieser »Stadtflucht« droht »Verödung«, gar »das Sterben der Städte nach Dienstschluss«. Der Seltersweg brauche einen »Gegenpol« mit intimerem Charakter, um »das innerstädtische Erlebnis zu fördern«. Mit dieser Hoffnung wurde vor 40 Jahren, am 6. Oktober 1978, das City-Center eingeweiht.

Ein ganzes Stadtviertel ist abgerissen worden für den Komplex und das Warenhaus Horten (heute C&A/Röther). Das stört damals zwar kaum jemanden. Dennoch gibt es kritische Stimmen gerade zum City-Center. Sie warnen vor einer »Verschandelung« der Innenstadt und vor einer Erweiterung der Verkaufsfläche.

Wo können Autos fahren und parken, welche Flächen sollten Fußgängern vorbehalten bleiben, wie organisiert man eine Innenstadt? Die Antworten wandeln sich in den sechziger und siebziger Jahren. Die Entwicklung spiegelt sich wider in der Planungsgeschichte des City-Centers, das zunächst den Arbeitstitel »Stadtzentrum« trägt.

 

Erst großes Parkhaus vorgesehen

1972 erklärt Oberbürgermeister Bernd Schneider, man müsse den Einkaufsbereich »mit neuen Akzenten versehen«. Nötig sei ein »Netz von Belebungs- und Anziehungspunkten« als Ergänzung zur langgezogenen Fußgängerzone, die seit 1968 vom Selterstor in Richtung Marktplatz wuchs.

Die Sorge der Einzelhändler: Würden die Autofahrer unter den Kunden längere Fußwege akzeptieren? Bis 1973 sieht die Planung ein »Parkhaus Mitte« auf der Horten-Fläche vor. Angesichts der rasanten Entwicklung von Autoverkehr und Kaufkraft verlagern sich dann die Ziele: Statt einen möglichst reibungslosen Verkehrsfluss durchs Zentrum will man nun ruhige Räume zum Einkaufen und Wohnen schaffen.

Dem Stadtviertel zwischen Bahnhofstraße und Seltersweg weint kaum jemand nach. Die krummen Häuschen waren in schlechtem Zustand und beherbergten einen Teil des berüchtigten Rotlichtviertels, das der Militärstadt Gießen den Ruf als »Shanghai an der Lahn« eingebracht hatte. Als 1976 mit Horten – neben Karstadt, Kerber, Bilka – ein weiteres Warenhaus entsteht, melden lediglich einige Einzelhändler Bedenken an.

Auf der Fläche daneben soll es beschaulicher zugehen mit Klinkerfassade, aufgelockerter Bauweise und kleineren Fachgeschäften. Etliche Vorhaben, die die Neue Heimat Südwest als Bauherrin ankündigt, werden nie verwirklicht; etwa ein fünfgeschossiges Möbelhaus an der Ecke Bahnhofstraße/Wolkengasse, eine Bowlingbahn oder ein Kindergarten. Noch 1976 ist die Rede von einem Extra-Dach zwischen Geschäften und Wohnetagen mit Begrünung und Spielplätzen. Stattdessen entstehen ebenerdig kleinere »Kommunikationszonen, die zum Verweilen animieren sollen«, wie der Neue-Heimat-Geschäftsführer anpreist.

 

Kein Bowling, kein Kindergarten

Nötig sind Nachsteuerung und Werbung, weil die Nachfrage hinter den Hoffnungen zurückbleibt. Die Begeisterung der Öffentlichkeit hält sich in Grenzen. Der Vorsitzende des Verkehrsvereins nennt das City-Center eine »Scheußlichkeit«, die »ausschließlich durch wirtschaftliche Interessen motiviert« sei. Bei der Eröffnung sind erst zwei Drittel der Wohnungen verkauft, auch gewerbliche Flächen sind noch frei. Pro Quadratmeter sind zwischen 1670 (Wohnung) und 2995 D-Mark (Laden) fällig, außerdem 8000 Mark pro Tiefgaragenplatz.

Eine GAZ-Reporterin berichtet sechs Wochen nach der Eröffnung unter der Überschrift »Gemütliche Atmosphäre lädt zu gemächlichem Bummel«, besonders gut verkauften sich »Berberdecken und Hamburger«. Allerdings: »Ins Innere des ›Labyrinths‹ dringen nur wenige vor.«

Noch heute können manche Gießener mit der Geschäftsadresse Reichensand nichts anfangen. Doch es gibt im City-Center etliche zufriedene Fachgeschäft-Inhaber der ersten Stunde und verhältnismäßig wenige Leerstände bei den 47 Gewerbeeinheiten. Die Gastronomie gewinne an Bedeutung gegenüber dem Einkaufen, sagt Andreas Walldorf, Vorsitzender des Anliegervereins BID Katharinenviertel. Erneut spiegelt das City-Center so die allgemeine Innenstadt-Entwicklung.

Dass die 84 Wohnungen begehrt sind, liegt freilich auch am Trend zum Wohnen nahe an Geschäften, Gaststätten und Arztpraxen: Von der 1978 beklagten »Stadtflucht« kann keine Rede mehr sein.

Info

Kleine Feier in einer Woche

Bewohner und Geschäftsleute planen an diesem Wochenende keine größere öffentliche Aktion zum runden Geburtstag des City-Center. Man wolle stattdessen den verkaufsoffenen Sonntag eine Woche später nutzen, sagt Andreas Walldorf, Vorsitzender des Vereins BID Katharinenviertel. Am 13. und 14. Oktober gibt es auf dem Katharinenplatz Livemusik. Die Einzelhändler haben die Gelegenheit, sich zu präsentieren.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-City-Center-als-Gegenpol-zum-Seltersweg;art71,495163

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