Stadt Gießen

Chillen, grillen, Freunde treffen

Bei schönem Wetter sind junge Menschen gern in Parks und auf Plätzen. Zum Auftakt unserer neuen Serie "Sommer in der Stadt" erklären Studierende den Reiz.
11. Juli 2017, 14:00 Uhr
Karen Werner
oli_vorplatzchillen_270617
Früher waren die Kneipen in der Ludwigstraße der Treffpunkt junger Leute, heute ist es im Sommer häufig der Vorplatz des Uni-Hauptgebäudes. (Foto Schepp)

Mittwoch, 18 Uhr: Der Sommerabend hat noch gar nicht richtig angefangen. Am Vorplatz des Uni-Hauptgebäudes jedoch haben sich schon mehrere Runden junger Menschen gebildet. Mit Bierflaschen oder Kaffeebechern in der Hand sitzen sie auf Bänken und Picknickdecken. Warum sie einen solchen Abend nicht im Biergarten verbringen? Drei von der GAZ angesprochene Studierende stutzen. Was für eine Frage! »Hier ist es doch viel schöner.« Warum eigentlich?

Seit etwa zehn Jahren beobachten Fachleute in Städten den Trend zum massenhaften Treffen auf öffentlichen Flächen. Auch in Gießen »chillen« und grillen die jüngeren Bürger an warmen Abenden und sonnigen Wochenenden an »idyllischen Plätzen«, sagt Thomas Röhmel, Leiter des städtischen Gartenamts. Ob es Sitzgelegenheiten oder nahe Getränke-Verkaufsstellen gibt, sei weniger entscheidend als das Ambiente. Röhmel nennt die bekannten »Hotspots«, an denen seine und die Mitarbeiter des Stadtreinigungsamts am Morgen danach besonders viel Müll aufräumen müssen: Lahnufer, Stadtpark Wieseckaue, Theaterpark, Uni-Vorplatz. Auch die Fußgängerzone oder die Wiese vor dem Zeughaus werden mitunter zum Feierort.

Feiern? Das muss gar nicht sein, finden die drei Studierenden auf dem Uni-Vorplatz. Philipp Klein freut sich zwar, dass »ab und zu etwas Überraschendes passiert. Zum Beispiel baut an den Lahnwiesen ein DJ-Kollektiv Geräte auf und macht Musik.« Am Zusammensitzen »umsonst und draußen« schätzt er aber vor allem, dass es so entspannt zugehe. »Wenn man mehrere Gruppen kennt, setzt man sich mal zu der einen und dann zu der anderen. Man kann sein Getränk selbst mitbringen oder gar nichts trinken. Es steht keine Bedienung daneben.« Wer Lust hat, baut Wikingerschach auf oder das Trinkspiel »Flunkyball«.

 

Entspannt und spontan

 

Idyll: Ja, das spielt eine Rolle, aber der Picknickplatz soll zudem urban sein. Warum, erklärt Laura Schaller. »Hier ist die Chance groß, dass man jemanden trifft.« Die 23-Jährige verabredet sich an solchen Abenden kaum, sondern setzt auf spontane Begegnungen: »Man setzt sich zu Bekannten, ein Freund schaut auf dem Heimweg per Rad vorbei und bleibt eine Weile.«

Wenn er sich am Kiosk eine Flasche Bier holt, zahlt er dafür zwischen einem und 1,50 Euro. Um das Geld gehe es allerdings nicht in erster Linie, ergänzt Carsten Reich und hebt seinen Plastikbecher: Den »Long Island Ice Tea« hat er gerade in der Bar gegenüber für fünf Euro gekauft. Dort sind alle Plätze im Außenbereich frei, doch der 27-Jährige sitzt lieber hier. Dass Leben in der Stadt herrscht, findet er erfreulich: »Das gehört dazu zum Studentenleben.« Laura Schaller nickt: »Man fühlt sich auch wohler, wenn man abends rausgeht. Man braucht keine Angst zu haben.« »In die Kneipe gehen wir auch«, betont Philipp Klein auf Nachfrage, »reichlich!« Aber eben nicht bei schönem Wetter.


Vor fünf Jahren gab es massive Anwohnerbeschwerden in der Ludwigstraße. Die Universität richtete zeitweise eine Sperrzone ein und engagierte einen Sicherheitsdienst. Die Maßnahmen hätten gewirkt, sagen die drei Studierenden. Die Stimmung sei friedlich. »Es gehört zur Mentalität, dass man seinen Müll wegräumt. Wenn sich einer nicht daran hält, spricht man ihn auch mal an.«

 

»Ein Stück Lebensqualität«

 

Das funktioniert zwar nicht immer, weiß Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich. Doch auch die Grünen-Politikerin findet es grundsätzlich positiv, dass in Gießen nicht nach Ladenschluss die sprichwörtlichen Bürgersteige hochgeklappt werden: »Wir sind eine junge Stadt. Die Nutzung von öffentlichen Flächen bedeutet ein Stück Lebensqualität. Wir als Stadt unterstützen das.« Bei der Neugestaltung von Wieseckaue und Lahnufern vor der Landesgartenschau 2014 war die Belebung ein erklärtes Ziel. Wo Lärm und Abfall überhand nehmen, müsse man allerdings auch punktuell gegensteuern, erklärt die Bürgermeisterin.

In anderen Bundesländern wird diskutiert, den Verkauf oder das öffentliche Trinken von Alkohol am späten Abend zu verbieten. In Heidelberg etwa hat man den »Rucksacksäufern« den Kampf angesagt. In Hessen ist so etwas nicht geplant. Das reißt den Studenten Philipp Klein zu einem Satz hin, der manchem Mittelhessen mit Minderwertigkeitskomplex runter gehen dürfte wie Öl: »Gießen ist besser als Heidelberg.«

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Chillen-grillen-Freunde-treffen;art71,282231

© Giessener Allgemeine Zeitung 2016. Alle Rechte vorbehalten. Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung