12. Juni 2018, 21:39 Uhr

Chemie von Blut bis Fußball

12. Juni 2018, 21:39 Uhr
Gemixt, erhitzt und getrickst wird bei den Experimentalvorträgen für Schüler im neuen Chemiegebäude der Justus-Liebig-Universität. (Foto: Schepp)

Gießen (edg). Ein Raunen hallt durch den abgedunkelten Hörsaal, als die blutrote Flüssigkeit im hohen Glaskolben plötzlich grünlich leuchtet. »Was wir hier sehen, ist eine Lösung aus Luminol und Wasserstoffperoxid«, sagt Chemiestudentin Svenja Otto, die nicht als Zuhörerin in den Stuhlreihen sitzt, sondern mit einem Mikrofon am Lehrerpult steht. »Sie reagiert mit der Häm-Gruppe des Blutes und beginnt so zu fluoreszieren.« Der klassische Nachweis von Blut, wie ihn auch Kriminologen anwenden, ist nur eines von vielen Experimenten, die sie und ihre Kommilitonen am Montag vor über 150 Schülern im neuen Chemiegebäude vorführen und erklären.

Langschwert im Einsatz

»Es ist eine Win-Win-Situation«, sagt Prof. Siegfried Schindler vom Institut für anorganische und analytische Chemie der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen. »Die Studierenden lernen die chemischen Grundlagen so herunterzubrechen, dass die Schüler sie verstehen.« Auch die Lehrer sind überzeugt, dass ihre Schüler von der Veranstaltung profitieren. »Einige der Experimente sind recht aufwendig und dürfen in der Schule nicht durchgeführt werden«, sagt Markus Mißbach, Chemielehrer von der Theo-Koch-Schule in Grünberg. »Es ist nicht schlecht, wenn die Schüler schon einmal Uniluft schnuppern«, sagt Janine Will, die mit einer Chemieklasse der Gesamtschule Gießen Ost gekommen ist.

Zu der Veranstaltung laden Masterstudierende der Chemie Oberstufenschüler aus Gießen und der Region bereits zum neunten, aber vorerst letzten Mal, an die Universität ein. In ihrem bioanorganischen Symposium zeigen sie mit Experimenten und Vorträgen, welche Rolle die anorganische Chemie im täglichen Leben spielt. Themen sind neben der Chemie des Blutes zum Beispiel Lebensmittelzusatzstoffe wie EDTA in Mayonnaise oder gelbes Blutlaugensalz in Kochsalz.

Als prominentes Beispiel für Chemie im Alltag nennen die Studierenden Marco Russ, Fußballprofi von Eintracht Frankfurt, der 2016 fälschlicherweise des Dopings verdächtigt wurde. Bei ihm wurde während der Untersuchung Hodenkrebs diagnostiziert, den Ärzte erfolgreich mit einer chemischen Verbindung, dem Cisplatin, behandelten. Es lagert sich an das Erbmolekül DNA an und vermindert so die Zellteilung und damit die Vermehrung der Krebszellen. Auch prominente Musiker wie Sting und Kurt Cobain von Nirvana sollen schon chemische Elemente besungen haben – nämlich die antidepressive Wirkungen von Lithium.

Passend zur Theorie gibt es einiges zu sehen: Bunte Flüssigkeiten werden gemixt, erhitzt, aufgeschäumt oder zum Leuchten gebracht. Ein besonderer Höhepunkt ist die »blutige« Performance« mit einem Langschwert. Einer der Studenten zückt die glänzende Klinge und fährt damit einer Kollegin über den Arm. Sofort bildet sich roter Saft und tropf herab. Das Kunstblut entsteht durch die Reaktion von Eisen und Kalium-thiocyanat, mit denen Arm und Schwert zuvor eingerieben wurden. Übertragen wird dieser sowie auch andere Versuche über eine Kamera live auf eine Großleinwand.

»Ich finde die Vortragsweise gut«, sagt Joschua Mader vom Weidig-Gymnasium in Butzbach. Zwar habe er nicht alle Formeln im Detail verstanden, aber die Veranstaltung sei sehr interessant – besonders die Vorführung zum Thema Blut habe ihm gefallen. »Nach fünf Jahren Studium fällt es einem nicht mehr so leicht, sich in Schüler hineinzuversetzen«, sagt Chemiestudentin Svenja Otto. Die Veranstaltung sei nicht nur dafür hilfreich. »Als Chemikerin gerät man oft in die Situation, außerhalb von Fachkreisen ein Fachthema zu erklären«, sagt sie.

Die angehenden Chemiker gestalten den Vormittag von der Planung über die Lerninhalte bis hin zu den Chemikalien im Rahmen ihres Studiums komplett selbst – und bekommen dafür sogar Noten. Verraten will Schindler diese natürlich nicht, jedoch steht für ihn fest: »Das sieht alles ziemlich gut aus.«

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