09. November 2018, 14:00 Uhr

Mensch, Gießen

Carolin Weber: Die wandelbare Freundin

Schauspielerin zu werden, ist für viele Mädchen ein großer Traum. Carolin Weber, eines der dienstältesten Mitglieder des Stadttheater-Ensembles, hat ihn verwirklicht. Ein Porträt.
09. November 2018, 14:00 Uhr
Carolin Weber in ihrer Garderobe im Stadttheater. (Foto: Schepp)

Mensch Gießen

Jeden Tag begegnen wir Gießenern, die uns zwar vertraut sind, die wir aber nicht kennen. Das wollen wir ändern: In unserer Serie »Mensch, Gießen« wollen wir einige dieser Gießener vorstellen.

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Ist das nicht…? Die Frau dort im Café, kennt man die nicht von irgendwoher? Eine Freundin von früher? Sie wirkt so vertraut. Das liegt daran, dass viele Gießener sie tatsächlich »vom Sehen« kennen, ziemlich gut sogar, denn sie ist seit 2004 Mitglied des Stadttheater-Ensembles, die Zuschauer haben sie in unzähligen Rollen erlebt: Carolin Weber, 49 Jahre, grauer Kurzhaarschnitt, offener Blick aus großen graublauen Augen. Wir haben mit ihr gelitten, sie bemitleidet, sie bewundert, uns mit ihr gefreut, sie verachtet, bedauert, mit ihr getrauert. Ob aktuell als Lore in »Alte Liebe«, als »Doro« in »Willkommen«, als Regina in »Die kleinen Füchse« oder früher als Elisabeth I., Blanche oder Veronique. Sie hat uns all diese Frauen nahe gebracht, sie ist unsere wandelbare Freundin. Diese Rollen nicht nur zu spielen, sondern auf der Bühne zu diesem Menschen zu werden, das ist die große Herausforderung des Berufs. Carolin Weber nimmt sie seit vielen Jahren mit großem Erfolg und großer Leidenschaft an.

Dass eine aus ihren Reihen zum Theater gehen würde, war in der Familie Weber ganz und gar nicht vorgezeichnet. Der Vater war Ingenieur, Kunst und Kultur waren schönes Beiwerk, aber kein Lebenselixier. Da die Familie wegen der beruflichen Tätigkeit des Vaters einige Jahre im Iran lebte und Carolin die deutsche Botschaftsschule in Teheran besuchte, bekam sie früh die Chance, über den Tellerrand des eigenen Kultur- und Sprachkreises hinaus zu schauen. Aufgewachsen ist sie jedoch in Waldshut-Tiengen, was erklärt, dass sie sowohl den baden-württembergischen Dialekt beherrscht als auch schweizerdeutsch kann.

 

Am Anfang stand die Ochsenrolle

Zur Schauspielerei kam sie durch einen Zufall. Das Kinder- und Jugendtheater in der Nachbarschaft führte »Wasser im Eimer« des Grips-Theater auf. Carolin übernahm eine im wahrsten Sinne des Wortes zwiespältige Rolle: Sie war das Vorderteil eines Ochsen. Was sie irgendwie so bemerkenswert fand, dass sie mehr wollte von solchen Rollenwechseln.

Der berufliche Einstieg begann an der staatlichen Hochschule für Darstellende Kunst in Stuttgart, wo die junge Frau nach vier Jahren Studium ihren Abschluss machte. In dieser Zeit, schildert sie, sei ihr auf fantastische Weise das Rüstzeug für diesen aufreibenden und aufregenden Job von Grund auf vermittelt worden: Sprechkunst und Spracherziehung, Körperarbeit mit Tai Chi, klassischem Fechten, Gesang und vielem mehr. Von Mitte der 90er bis Ende der 90er Jahre hatte Carolin Weber ein festes Engagement am Theater Oberhausen. Es folgten einige Jahre freischaffender Tätigkeit, die sie unter anderem an das Staatstheater Karlsruhe, die Schauspielhäuser Bochum, Graz und Konstanz und zum Grillo-Theater in Essen führten. Auch an einigen Filmproduktionen wirkte sie mit. Bevor sie 2004 nach Gießen ging, lebte die Schauspielerin in Berlin. Dort behielt sie auch ihre Wohnung, als sie schon lange in Gießen lebte. Man weiß ja nie…

Gießen – für viele »Zugezogene« gehört es zum guten Ton, über das hässliche Entlein an der Lahn zu lästern. Carolin Weber sieht dazu keinen Anlass. Sie mag an der Stadt, dass das »echte Leben« spür- und sichtbar ist. Es gibt einige schöne Ecken, aber auch verwahrloste, vergessene. Das Straßenbild spiegelt die Gesellschaft wider: Studentisches und akademisches Leben, Bürgerlichkeit und ein bisschen Anarchie, psychisch Kranke, Nichtsesshafte, Migranten, Alte. Alles da. Die 49-Jährige beobachtet gern, und diese »Straßenstudien« sind auch in ihrem Job hilfreich: Wie bewegt sich einer, der offenbar geistig neben sich steht? Wie spricht er? Was sind das für Bettler im Seltersweg? Wie machen sie auf sich aufmerksam? Gießen sei in mancherlei Hinsicht Berlin ähnlich, hat sie festgestellt. Es ist nicht alles so geleckt, so schick, hier hat auch das Schräge seinen Platz.

 

Liebe in Gießen gefunden

Auch das Übersichtliche gefällt ihr. Die Wege sind kurz, es gibt alles, was man braucht. »Und man kann trotzdem ein Privatleben haben, das schätze ich sehr«.

Apropos Privatleben. Auch die Liebe war ein Grund, dauerhaft ja zu Gießen zu sagen. Vor einigen Jahren hat sie Volker Seidler geheiratet, den Leiter der Abteilung Tontechnik des Stadttheaters. Mit ihm und drei weiteren Musikern wird sie Ende des Jahres ein besonderes Extra wagen: Das Publikum im Theaterstudio darf einen Abend mit Texten, Gesang und Musik zum Thema Himmel erleben. »Darauf freue ich mich sehr, das wird aufregend und spannend«.

Ist man als »alte Häsin« noch aufgeregt, wenn sich der Vorhang hebt? Aber sicher. Natürlich um so mehr bei großen Rollen, die einer Schauspielerin alles abverlangen. Hinsichtlich des Textes, aber viel mehr noch bei den Emotionen, wenn es gilt, einen tiefen Einblick in die Seele eines Menschen zu geben. Bei aller Routine und dem beruhigenden Gefühl, dass notfalls die Souffleuse hilft, gibt es diese große Anspannung, die niemals nachlässt. Bei aller Konzentration auf das Bühnengeschehen haben die Schauspieler auch Sensoren für das, was vor ihnen im dunklen Zuschauerraum vor sich geht. »Zu viel Hüsteln ist nicht gut, das ist oft ein Zeichen dafür, dass die Leute unruhig oder unaufmerksam werden«. Carolin Weber findet das Gießener Publikum aber großartig. »Es ist aufgeschlossen und begeisterungsfähig, das macht Spaß«.

 

Beruf mit Schattenseiten

Bei aller Leidenschaft für den Beruf gibt es aber auch Schattenseiten. Vergleichsweise geringer Verdienst und wenig Sicherheit, zumindest in den Anfangsjahren. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für Schauspieler ungeheuer schwierig – was dazu führt, dass sich noch immer viele für das eine oder andere entscheiden müssen. Dass ein Schauspieler abends auf der Bühne steht und ansonsten jede Menge Freizeit hat, entspricht leider nicht der Realität, bedauert Carolin Weber und lacht. Es gibt fast täglich stundenlange Probezeiten, oft wissen die Schauspieler erst kurz vorher, wann sie gebraucht werden. »Man muss akzeptieren, dass andere über einen verfügen, dass andere den Zeitplan vorgeben«. Nicht nur für das Familienleben sei das schwierig, sondern auch für den Freundeskreis. »Mit mir kann man schlecht planen«, bedauert sie.

Neben Bühne, Probenraum und Garderobe ist auch der Lieblingssessel zu Hause ein wichtiger Arbeitsplatz. Texte lesen, Texte lernen, immer wieder von neuem – das ist ein anstrengender Prozess, bei dem niemand stören darf.

Ein wohltuender Ausgleich ist es für die 49-Jährige, die Strecke zwischen Pohlheim und Gießen mit dem E-Bike zurückzulegen. Auch wenn es regnet, auch im Winter, auch abends. Für Menschen, deren Lichtquellen oft aus grellen Scheinwerfern bestehen und die sich meist in geschlossenen Räumen aufhalten, ist das eine große Wohltat. Auch den Gedanken tut es gut.

Bereut hat Carolin Weber es nie, diesen und keinen anderen, bequemeren Beruf gewählt zu haben. Ihre Rollen haben sich jetzt, mit Ende 40, verändert. Mit dem Wandel hat sie jedoch kein Problem – den kennt sie ja schon ein Berufsleben lang. Sie schätzt das Kollegium in Gießen, sie mag die freundschaftliche Atmosphäre und das harmonische Miteinander. Noch ein Pluspunkt für Gießen als Lebensmittelpunkt. Sie selbst entspricht so gar nicht dem Bild einer exaltierten oder kapriziösen Schauspielerin. Sicher, stark und geerdet, das sind eher Attribute, die zu ihr passen. Freundschaft und Verlässlichkeit sind ihr wichtig, sagt sie, sie pflegt langjährige Beziehungen auch über räumliche Entfernungen hinweg.

Seit dem Vorderteil des Ochsen ist viel passiert. Alle nur denkbaren Lebensentwürfe hat sie auf der Bühne dargestellt, das findet sie faszinierend. »Ich erlebe alle Facetten des menschlichen Gefühlslebens, und dafür bin dankbar«. Und wenn sie wieder mal im Café sitzt und am Nachbartisch grübelt jemand, warum ihm diese Frau so bekannt vorkommt, dann darf er ruhig fragen. Sie wird ihm gerne auf die Sprünge helfen. Ach ja, die Lore. Oder Doro. Oder Regina.

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