26. August 2015, 14:03 Uhr

CSD: Erst Protest, dann Party

Gießen (chh). Der Christopher Street Day kommt am Samstag zurück nach Gießen. Auch auf die Schicksale schwuler, lesbischer und transsexueller Flüchtlinge soll hingewiesen werden.
26. August 2015, 14:03 Uhr
(Foto: Red)

Ein Mann sitzt mit verbundenen Augen auf einem Plastikstuhl, der an der Brüstung eines Hochhauses steht. Es ist der siebte Stock. Hinter ihm zwei vermummte Männer. Plötzlich stoßen sie den Mann in die Tiefe. Nach dem Aufprall steinigt der am Boden wartende Mob den Körper. Szenen eines Videos der Terrormiliz ISIS, das Anfang des Jahres in Syrien entstanden ist. Der Mann musste sterben, weil er einen anderen Mann liebte. Kein Wunder, dass schwule, lesbische und transsexuelle Menschen ihre Heimat verlassen, wenn das Coming out den Tod bedeuten kann. Auf solche Schicksale will der Christopher Street Day aufmerksam machen, der am Samstag in der Gießener Innenstadt stattfinden wird.

Auch in der Flüchtlingsunterkunft im Meisenbornweg leben Menschen, die wegen ihrer Sexualität geflohen sind. Zum Beispiel Artur und Alexander aus Russland. »Die beiden mussten St. Petersburg verlassen, weil sie ihre Homosexualität offen ausgelebt haben«, sagt Friederike Stibane, die städtische Beauftragte für Frauen- und Gleichberechtigungsfragen. Artur und Alexander seien Journalisten, die in ihrer Heimatstadt über die schwule Community berichtet hätten. »Dadurch haben sie viele Repressionen erlebt. Der Geheimdienst hat sie zur Seite genommen und aufgefordert, für sie zu arbeiten. Sollten sie sich dagegen entscheiden, hätte das schlimme Folgen.« Daraufhin habe das Paar entschieden, seine Heimat zu verlassen.

Das Schicksal von Artur und Alexander teilen viele Flüchtlinge, sagt Stibane. Das Problem: »In ihrer Heimat haben die Betroffenen ihre sexuelle Orientierung meist verheimlicht. Hier müssen wir den Menschen erst klarmachen, dass sie so sein dürfen wie sie sind.« Besonders die Aids-Hilfe leiste hier großartige Arbeit, lobt Stibane.

Doch nach dem Outing warte auf die Flüchtlinge noch eine weitere Hürde. »Verfolgung wegen der sexuellen Orientierung ist ein Anerkennungsgrund. Das Problem ist, dass die Menschen das glaubhaft darstellen müssen. Doch wie beweist man einem Sachbearbeiter, dass man schwul ist? Für die Betroffenen ist das ausgesprochen schwierig.«

Keine Schwulenszene in Gießen

Die Probleme homosexueller Flüchtlinge werden auch am Samstag bei einem Talk auf dem Kirchenplatz besprochen. Stibane wird die Runde moderieren, Artur und Alexander sprechen über ihren Leidensweg. Gegen Entwürdigung, Diskriminierung und Ausgrenzung gleichgeschlechtlicher Paare werden auch die Teilnehmer des Protestmarschs demonstrieren.

Doch wer die Bilder aus den vergangenen Jahren kennt, der weiß: Beim Christopher Street Day geht es nicht nur ernst zu. Die Stadt wird am Samstag in bunten Farben leuchten, besonders beim Straßenfest auf dem Kirchenplatz. Bands wie Champain like Clockwork, die Kometen, ELA Querfeld & Band oder die Schwestern des O.S.P.I werden auf der Bühne stehen.

Im vergangenen Jahr haben 2500 Menschen den Christopher Street Day in Gießen gefeiert, darunter viele heterosexuelle. Doch natürlich ist der CSD vor allem für Homosexuelle ein besonderes Fest. Kein Wunder, schließlich sind Schwulenbars in den vergangenen Jahren aus dem Gießener Stadtbild verschwunden. »Es gibt keine richtige Szene mehr«, sagt auch Daniel Baginski, Geschäftsführer des Vereins CSD Mittelhessen. Er trauert dieser Entwicklung jedoch nicht nach, vielmehr sieht er sie als positives Zeichen. »Inzwischen können Homosexuelle in den üblichen Bars ganz normal feiern. Außerdem wollen Schwule und Lesben nicht immer unter sich sein.« Und dann sei da noch das Internet. »Früher brauchte man die Bars zum Kennenlernen, heute gibt es andere Möglichkeiten.«

Der CSD ist so eine Möglichkeit. Nicht nur für Schwule und Lesben. Am Samstag werden Hetero- und Homosexuelle gemeinsam feiern. Gemeinsam ein Zeichen gegen Homophobie setzen. Wie heißt es noch gleich im Programmheft? »Wir wollen nur das, was uns zusteht: den gleichen Respekt. Darum demonstrieren wir. Darum feiern wir. Feiern unser Menschsein.«

Das Programm
Höhepunkt des Christopher Street Day wird die Demonstration sein, die um 12.30 Uhr am Rathaus startet. Auf einem Protestmarsch wollen die Teilnehmer für die Rechte schwuler, lesbischer, bisexueller und transsexueller Menschen demonstrieren. Der Weg führt vom Berliner Platz über den Marktplatz, Westanlage, Frankfurter Straße, den Seltersweg und endet gegen 14 Uhr am Kirchenplatz. Hier stehen ab 12 Uhr Info- und Getränkestände, das offizielle Bühnenprogramm startet mit Eintreffen der Demonstranten. Die Talkrunde über die Probleme homosexueller Flüchtlinge soll gegen 15 Uhr beginnen. Die offizielle CSD-Party steigt ab 21 Uhr im Irish Pub in der Walltorstraße. Tickets kosten im Vorverkauf 6 Euro (www.csdmittelhessen), an der Abendkasse werden 8 Euro fällig.

 

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