24. März 2017, 11:00 Uhr

Jobticket

Busverkehr droht Kollaps

13.000 Menschen, die in Gießen arbeiten, können 2018 kostenlos Bus und Bahn fahren. Statt zu sauberer Luft in der Stadt könnte das zu dicker Luft führen. Die Stadtwerke erklären die Gründe.
24. März 2017, 11:00 Uhr
Karen_werner
Von Karen Werner
Das neue Jobticket könnte dazu führen, dass es zu Stoßzeiten in den Bussen in Gießen ungemütlich wird. (Foto: Schepp)

Bei den Stadtwerken läuten die Alarmglocken. Schon jetzt herrscht allmorgendlich drangvolle Enge in den Bussen. Im kommenden Januar könnte sich die Zahl der Fahrgäste noch einmal deutlich erhöhen. Denn das neue Jobticket für Mitarbeiter des Landes Hessen wird sich in Gießen besonders stark auswirken. Sage und schreibe 13.000 der 135.000 künftigen Freifahrtschein-Inhaber arbeiten in der verhältnismäßig kleinen Stadt, die seit 1953 keine Straßenbahn mehr hat. Und zahlreiche weitere Mittelhessen pendeln von hier aus zu Dienstorten im Rhein-Main-Gebiet. Wie viele werden vom Auto auf Bus oder Bahn umsteigen?

Das fragt man sich auch bei den Stadtwerken als Stadtbus-Betreiber. Aus der Antwort auf eine GAZ-Anfrage ist ersichtlich, dass sie sich vom Land alleingelassen fühlen. »Konkrete Aussagen zu Umsetzungszeitpunkt und Finanzierung sind nicht bekannt geworden«, heißt es darin. »Wir haben zur Zeit keinen Überblick, um wie viele potenzielle Kunden es sich handeln könnte.« Ihre Informationen erhielten die SWG vornehmlich aus der Presse.

Schon bisher konnten Landesbedienstete ein günstigeres Jahresticket kaufen. Diese Nutzung halte sich in Gießen bisher in Grenzen. »Das wird aber sicherlich mit einem Jobticket analog Semesterticket anders«, erwarten die Stadtwerke. »Für ein erweitertes Angebot sind weitere Busse und Fahrer erforderlich, was sich derzeit definitiv für uns nicht abbilden lässt.« Schließlich würde der zusätzliche Andrang in erster Linie im Berufsverkehr zu erwarten sein.

Fahrgäste werden stehen gelassen

Konkrete Ausbaupläne gibt es nicht – auch nicht beim Rhein-Main-Verkehrsverbund. Sprecher Sven Hirschler erklärt, man wolle die Entwicklung beobachten. Gießen sei dabei einer der Schwerpunkte. Die meisten Fahrgäste pendelten in Richtung Frankfurt, in den Zügen Richtung Gießen seien noch Kapazitäten vorhanden.

Wären mehr Busse und Bahnen im Berufsverkehr überhaupt möglich? Ja, sagen Vertreter der Fahrgastverbände: Man muss es nur wollen. »Wir bauen Ortsumgehungen ohne Ende, da wird fleißig investiert«, sagt Jürgen Lerch von Pro Bahn und Bus. Da müsste eigentlich ebenfalls Geld da sein für mehr Busse und längere Bahnen. Auf den überlasteten Schienen zwischen Mittelhessen und Frankfurt könnte man seiner Meinung nach mehr Wagen fahren lassen: »Auf der Main-Weser-Bahn gab es früher Züge mit zehn Wagen. Jetzt sehe ich höchstens mal sieben.«

Manche Nahverkehrszüge glichen »besseren Straßenbahnen«, ergänzt Thomas Kraft von Pro Bahn. »Es gibt auch extralange Busse«. Das Jobticket werde hoffentlich das Bewusstsein für das Angebot des ÖPNV in weitere Gesellschaftsteile tragen, namentlich in ländlicheren Regionen. Allerdings sei gerade dort die Anbindung oft zu schlecht (siehe Kasten). Und: Gerade Überlandbusse hätten ein Imageproblem. Untersuchungen belegten, dass Schienenfahrzeuge beliebter sind. Ein Anreiz zum Umsteigen könnte sein, dass Jobticket-Besitzer ihre Autofahrten zur Arbeit in der Regel nur noch eingeschränkt in der Steuererklärung geltend machen können.

»Der Busverkehr im Gießener Berufsverkehr ist an seine Grenzen gekommen. Schon heute werden immer wieder Fahrgäste stehen gelassen, wenn Busse überfüllt sind«, meint Jan Fleischhauer vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Gießen. Auch er erwartet zahlreiche neue Nutzer mit Jobticket. »Etwas zur Entspannung beitragen« könnte ein Leihradsystem, wie es die Stadt jetzt auf den Weg bringen will (die GAZ berichtete). Die Bahn führe eine Warteliste von 30 Personen für die kostenpflichtigen Fahrradboxen am Bahnhof. »Dies zeigt, dass viele Pendler gerne auch Bahn und Rad kombinieren würden, wenn es mehr Fahrradboxen am Bahnhof gäbe.«

Für die Luft in der Stadt wäre weniger Autoverkehr in jedem Fall erfreulich. Seit Jahren liegt der durchschnittliche Stickoxid-Wert über den Grenzwerten. Für nächstes Jahr ist daher die Einrichtung einer Umweltzone vorgesehen.



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