10. Juni 2018, 18:48 Uhr

Buntes Festival in der grauen Stadt

Rund 4000 Menschen tanzten und feierten am vergangenen Samstag beim von der Gießener Band OK KID organisierten »Stadt-ohne-Meer-Festival zu Hip-Hop und Indie-Rock im Schiffenberger Tal. Ein Festival-Report
10. Juni 2018, 18:48 Uhr

Das ist das Ergebnis von zwei Jahren, in denen wir uns für diesen Tag den Arsch aufgerissen haben. Danke, dass ihr alle hier seid«, rief OK-KID-Sänger Jonas Schubert vor großem Publikum in den Nachthimmel. Seine Band ließ die Premiere ihres eigens auf die Beine gestellten Festivals als Headliner stimmungsgewaltig ausklingen. Die Gießener hatten großen Spaß daran, ihrer Heimatstadt diesen Event geschenkt zu haben.

Das »Stadt-Ohne-Meer« startete in einer drückenden Mittagshitze. Sless Praismo und Klartexter, zwei Wegbegleiter von OK KID aus ihrer Anfangszeit im »Holzpalast« genannten Jugendzentrum in der Weststadt, eröffneten das Festival. Auf ihre an 90er-Rap orientierte Performance folgte die Gießener Post-Punk-Band Fusel, die sich mit ihrem experimentellen Sound bereits auf anderen Open-Airs einen Namen gemacht hatte. Während sich der Himmel immer mehr zuzog und die Wetterberichte auf Gewitter deuteten, hatten Blond ihren Auftritt. Die dreiköpfige Band, bestehend aus zwei Blondinen und einem schmächtigen jungen Mann mit Beatles-Frisur, mischte ihre teils englischen, teils deutschen Indie-Songs mit eher uninspirierten Chart-Pop-Covern. Unter dem Zeichen Indie-Rock spielten Neufundland, sie überzeugten mit langsamen, aber gute Stimmung ausstrahlenden Sound.

Der Nachmittag gehörte dem Hip-Hop: Mädness und Döll brachten die Menge dazu, im Takt die Hip-Hop-Hände mitzuschwingen: Als es in einem ihrer Songs unter laut knarzendem Dub-Step-Beat hieß »Ich sterbe für Hip-Hop« rannten die Fans in Festival-Manier in einer »Wall of Death« ineinander. Die Brüder stiegen schließlich zum Publikum hinab und rappten die letzten Songs inmitten der Fans. In dem Moment war der Geist des Hip-Hops, der größten Jugendkultur dieser Zeit, unmittelbar zu spüren.

Line-Up spiegelt OK KID wieder

Da die Bands abwechselnd auf zwei nebeneinander aufgebauten Bühnen auftraten, verliefen die Wechsel zwischen den Auftritten reibungslos und ohne Pause. Deshalb hasteten Hip-Hop-Fans auch von der »Elefanten-Klo« genannten Hauptbühne zur »Schwätzer-Stage«, um die Cloud-Rapper LGoony und Crack Ignaz zu erleben. Bei ihrem Auftritt drehte sich alles um Kohle und Statussymbole. Es ging von »Millionen Euro in der Schweiz« bis »Lamborghini Gallardo«, stets mit der nötigen Portion Selbstironie bei zum Teil Playback gerappten Liedern. Den Song »Wasser« erlebten einige Zuschauer am eigenen Leib – nicht weil es regnete, sondern weil die Security mit dem Gartenschlauch für eine Abkühlung sorgte. Das Kontrastprogramm dazu folgte auf dem Fuß, als Turbostaat ihren Auftritt hatten: Die Punk-Rocker aus Flensburg kritisierten in ihren Songs den Staat und das kapitalistische System. Doch vor allem pogte das Publikum zu Power-Chords und treibendem Schlagzeug. Die seit fast 20 Jahren bestehende Band konnte sich auf ihre treue Fangemeinde verlassen.

Laut Wetterbericht hätte es jetzt gewittern sollen, doch die Festivalgänger blieben verschont und konnten sich im eigens angelegten Strand-Bereich entspannen, Kicker spielen oder sich mit Snacks und Getränken versorgen. Überhaupt war das Festivalgelände sympathisch gestaltet und ähnelte von der Atmosphäre einem Familientag am Meer.

Nächste Auflage 2019

Auf der Bühne ging es mit Megaloh weiter, er setzte politisch Zeichen und rief zur Solidarisierung mit Afrika und gegen Rassismus auf. Der Schweizer Chanson-Sänger Faber spielte dann die musikalisch wohl filigranste Show. Er sang mit heiserer Stimme über verflossene Liebschaften. Dann kam Trettmann, der Chemnitzer Hip-Hop- und Dancehall-MC. Er wechselte von Abrissparty zu Melancholie, beispielsweise bei seinem Song »Grauer Beton« über seine Jugend im DDR-Plattenbau. Seine DJane beendete die Show mit verzerrten Beats und einer im Strobo-Licht tanzenden Menge.

Dann der krachende Abschluss: OK KID beendeten ihr Festival mit einer perfekt choreografierten Show mit zahlreichen Cameo-Auftritten. Ein Highlight war ihr Song »Stadt Ohne Meer« über Gießen, der dem Festival seinen Namen gab und inoffizielle Hymne der Stadt ist. »Beinahe alle Acts, die hier aufgetreten sind, sind unsere Freunde«, betonte Jonas Schubert. Er kündigte bereits eine Wiederholung des Festivals in 2019 an. Die Band ließ sich zu feiern, ihr war ein top organisiertes Festival gelungen. Die Mischung aus Indie-Rock, Pop und Hip-Hop, die OK KID charakterisieren, spiegelte sich im Line Up wieder und kam gut an. »So ein Festival in der eigenen Stadt, ist der Wahnsinn«, sagte ein Student. Gerade für die und andere junge Erwachsene war das Festival ein Highlight des Gießener Sommers.

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