29. August 2018, 22:13 Uhr

Brückenbauer mit Superkräften

29. August 2018, 22:13 Uhr
Hanno Müller erhält die Hedwig-Burgheim-Medaille und die Ehrenurkunde von Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz.

Hanno Müller hat einen Traum. Er würde gern James Bond ähneln. »Ich hätte dann die Lizenz zum Erwecken und Vor-dem-Vergessen-Bewahren«, sagte der Historiker aus Fernwald-Steinbach am Dienstag im Alten Schloss, nachdem Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz ihm die Hedwig-Burgheim-Medaille der Stadt verliehen hatte. Derart mit Superkräften ausgestattet, ginge Müller aber weder auf Verbrecherjagd noch nach Hollywood – sondern aufs Standesamt.

Seit 35 Jahren sammelt der pensionierte Lehrer Informationen über die Geschichte der jüdischen Bevölkerung Oberhessens. Etwa 40 Veröffentlichungen sind aus dieser Arbeit hervorgegangen, darunter das 850 Seiten starke »Juden in Gießen. 1788–1942«. Durch seine Publikationen schaffe Müller »Voraussetzungen, sich zu erinnern«, betonte Karl Starzacher, Vorsitzender des Stiftungsbeirats der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung zu Lich, in seiner Laudatio. Und mehr noch: »Mit der Aufarbeitung der Geschichte und der Rückverfolgung jüdischer Familien hat Hanno Müller den Familienangehörigen die Möglichkeit gegeben, ihre eigene Geschichte zu erfahren und zu verstehen.«

In seiner Rede ergründete Starzacher auch die Schwierigkeiten historischer Forschung, gerade im Zusammenhang mit der NS-Zeit. So kritisierte der Staatsminister a.D. die »sehr späte Aufarbeitung dieses beschämenden Teils unserer Geschichte«, die nach Kriegsende vor allem von einer »Schlussstrich-Mentalität« behindert worden sei. Damals wie heute stehe besonders der Staat in der Pflicht, Ressourcen und Bedingungen für wissenschaftlich fundierte »Gedenkarbeit« bereitzustellen. Solche und andere Hürden überwinde Müller bei seiner Arbeit regelmäßig. Freilich reagiere der »sehr zurückhaltende, höfliche und bescheidene« Preisträger »deutlich und klar, wenn es darum geht, seinen Ärger darüber auszudrücken«, sagte Starzacher. Was herauskommen kann, wenn rechtliche Vorgaben und Forscherdrang kollidieren, berichtete Müller. Wegen der »strikten Anwendung des Personenstandsgesetzes« antworteten Ämter auf den Wunsch nach Einsichtnahme schon einmal mit – behördlich korrekter – Realsatire: »Bitte gedulden Sie sich bis zum Jahre 2053. Dann ist das Geburtsregister von 1942 Archivmaterial.«

»Wir werden das Thema noch einmal angehen«, versprach Starzacher. Vielleicht hilft dabei der Blick auf die politisch-soziale Großwetterlage, die Dietlind Grabe-Bolz zu Beginn der Feierstunde beschrieb. Wenn »menschenverachtende und völkische Sprache und Begriffe von rechtsextremistischen und rechtsextremen Parteien wieder verwendet werden«, müsse sich die Gesellschaft nur umso stärker »darauf besinnen, dass Worte Gift sein können, das seine Wirkung entfaltet«, appellierte sie. Müllers Forschung gebe bis dato namenlosen Opfern des Holocaust ihre Identität zurück, sagte Grabe-Bolz, sie baue »Brücken in die Vergangenheit, die Frieden und Versöhnung stiften können«. Angesichts dieser Superkraft müsste sogar James Bond vor Neid erblassen.

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