Stadt Gießen

Bröhmann wird politisch

»Hessen zuerst!« heißt der neue und fünfte Roman von Dietrich Faber über den liebenswerten, wenn auch phlegmatischen Vogelsberger Ex-Polizeihauptkommissar Henning Bröhmann. Dieser erscheint heute, am 1. Oktober feiert Faber mit der »Show zum Buch« Premiere im Gießener Stadttheater. Ein Interview vorab.
21. September 2017, 20:42 Uhr
Philipp Keßler
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Ungewohnt ernst und mit einer klaren Haltung wartet Dietrich Faber in seinem neuen Provinzkrimi um den Vogelsberger Kommissar Henning Bröhmann auf. (Foto: Karpstein)

Gutmenschen versus Schlechtmenschen im idyllischen Vogelsberg. In Dietrich Fabers fünftem Provinzkrimi hat die Flüchtlingskrise die beschauliche Region rund um das oberhessische Mittelgebirge erreicht. Dann wird auch noch ein Bürgermeister ermordet, zwei Flüchtlinge stehen unter Tatverdacht und hauen ab. Das ist Wasser auf die Mühlen von Henning Bröhmanns neuem und ungeliebtem Nachbarn, Rüdi, Ex-Journalist und Anführer der Bewegung »Hessen zuerst!«, die samt Bürgerwehr in den Wiesbadener Landtag einziehen will. Das kann selbst der ehemalige Kommissar der Alsfelder Polizeidirektion nicht tatenlos an sich vorbeigehen lassen. Damit geht es ihm wie Faber selbst, der in seinem fünften Roman offenbar die aktuelle politische Lage nicht unkommentiert lassen möchte und sich bei allem Klamauk und Lokalkolorit auf thematisch ungewohntes Terrain wagt.

Herr Faber, haben Sie Angst, dass Sie mit der Themenwahl und der vermehrten politischen Haltung im Buch ein gewisses Fan-Potenzial aufgeben, da der eine oder andere Leser mit dieser politischen Meinung nichts anfangen kann?

Dietrich Faber: Das ist Schicksal. Viele meiner Leser kennen mich, sie interessieren sich erfreulicherweise für vieles, was ich tue. Es kann natürlich sein, dass sich einige Fans von Provinzkrimis am neuen Buch und seinen Aussagen reiben. Aber man kann nicht allen gefallen. So banal das klingt: Ich frage mich vorher immer, welche Geschichte ich persönlich erzählen möchte. Wenn jemand die Meinung von Bröhmann blöd findet und das Buch deshalb nicht liest, dann soll er es einfach lassen.

Die Flüchtlingskrise ist ein Thema globalen Ausmaßes, gleichzeitig sind ihre Bücher oft lustig und karikierend. Glauben Sie, dass ernste Themen auf dieser Ebene funktionieren?

Faber: Mein Stil ist es – und das kann ich am Besten –, eine Mischung aus Comedy, Krimi und Familienroman zu machen. Die Themen Flüchtlingskrise und Rechtsradikalismus sind ernst, über die möchte ich mich keinesfalls erheben oder mich darüber lustig machen, aber weil ich gemerkt habe, wie wütend ich selbst werde und wie schwarz-weiß ich teilweise gedacht habe, kann es nicht schaden, ein Thema, das uns in den nächsten Jahren begleiten wird, auch in dieser Art von Geschichte zu einem Hauptthema werden zu lassen. Am Ende ist und bleibt es eine Geschichte, in die diese Themen reinspielen und nicht meine Aussage dazu.

Hatten Sie beim Schreiben »nur« Deutschland und Phänomene wie die AfD im Blick oder beziehen Sie auch Donald Trump und Internationales mit ein?

Faber: Eine Kernaussage dreht sich tatsächlich um die Dümmlichkeit und Engstirnigkeit etlicher Leute – und die ist global. Die ist in Amerika durch Trump noch einmal extremer als in Deutschland, wo es derzeit unmöglich erscheint, dass jemand mit diesen menschlichen und intellektuellen Schwächen in solch eine machtvolle Position kommt. Einfache Wahrheiten, unmenschliches Denken, tumbe Sprüche sind schon ein Thema, wenn der Wunsch nach einfachen Lösungen sich gegen eine Gruppe von Menschen richtet – auch um das eigene Selbstwertgefühl aufzubauen. Das spielt in der Figur des Rüdi eine Rolle, der ja schon etwas gescheitert war und dann in dieser Partei die Aufstiegschance sieht. Er ist nicht der Dümmste, sondern so bauernschlau, dass er das ausnutzt. Das war etwas, das mich gereizt hat, weil er damit eher einfachere Leute wie die in der Bürgerwehr erreicht. Deshalb gibt es natürlich Überschneidungen mit dem Trump-Thema in der Sehnsucht nach einfachen Lösungen in diesen komplizierten Fragen, dabei gibt es sie nicht und es ist ein Fehler, so zu tun, als wäre es so.

Sie sind insgesamt politischer geworden, schreiben unter anderem für diese Zeitung eine Kolumne zur Bundestagswahl. Wie ist das?

Faber: Die Anfrage für die Kolumne hat mich gefreut, weil es eben für mich Neuland war. Ich habe nie klassisches Polit-Kabarett gemacht und sehe da auch nicht meine größten Stärken. Trotzdem bin ich ein politisch denkender Mensch, den die Wahl interessiert. Es war eine Herausforderung, mit geringem Platz auszukommen, aber das schärft sehr. Ich musste mehr lesen, genauer schauen, weil ich ja auch jede Woche etwas liefern musste. Das war ein schönes Nebenprojekt.

Sie haben inzwischen eine Romanreihe, die Sie nicht geplant hatten. Das hat zur Folge, dass Sie ein gewisses Personal haben, das rein muss. Wie schwierig ist das?

Faber: Das ist Fluch und Segen zugleich. Natürlich gibt es ein Setting, das ich aufgebaut habe. Aber auf der anderen Seite ist es natürlich auch spannend, Figuren, die ich vor vier, fünf Jahren entworfen habe, weiterzuentwickeln. Ohne viel verraten zu wollen, aber Teichner, also der etwas nervige Kollege von Bröhmann, der im Buch davor eigentlich gar keine Rolle spielt, kommt jetzt wieder und kriegt eine Rolle, mit der keiner gerechnet hätte.

Ihre Hauptfigur Henning Bröhmann ist kein Kommissar mehr, auch zu Hause läuft es deutlich besser als einst. War es schwieriger als sonst, Bröhmann mit einem Kriminalfall zu verbinden?

Faber: Ihn ewig zufällig in Kriminalfälle rutschen zu lassen, kann man in der Tat nur zu einem bestimmten Grad. Es kann auch nicht immer einer aus der Familie betroffen sein, da habe ich in der Vergangenheit – das gebe ich zu – den Bogen etwas überspannt. Deswegen gibt es ein Ende, das eine neue Perspektive für Bröhmann eröffnet.

Frage zum Abschluss: Was erwartet die Zuschauer bei der Premierenleseshow am 1. Oktober im Stadttheater?

Faber: Ein Mix aus Musik und Text. Ich werde in der üblichen Art meine Figuren darstellen, das Buch also eher vorspielen und nicht nur vorlesen. Dazu gibt es einen Anteil an Musik, etwa mit neuen Manni-Kreutzer-Songs, aber auch mit alten Liedern. Das alles mache ich gemeinsam mit zwei tollen Musikern, Tess Wiley und Tim Potzas. Da machen mir die Proben schon wahnsinnig viel Spaß.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Broehmann-wird-politisch;art71,318791

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