02. August 2019, 11:00 Uhr

Mensch, Gießen

Botanik spielt bei Volker Wissemann die erste Geige

Er ist Herr des Botanischen Gartens und Beschaffer des Gießener Wals. Volker Wissemann hat seinen grünen Daumen aber auch in anderen Bereichen im Spiel. Ein Porträt.
02. August 2019, 11:00 Uhr
Volker Wissemann ist gerne von Pflanzen umgeben. Wie praktisch, dass er Wisssenschaftlicher Leiter des Botanischen Gartens ist. (Foto: chh)

Es ist der 30. Januar 2016, als eine Radiomeldung Volker Wissemann aufhorchen lässt. In der Nordsee sind mehrere Pottwale gestrandet. »Das war um 14 Uhr. Um 14.17 Uhr habe ich bereits mit der Naturschutzbehörde in Schleswig-Holstein telefoniert«, sagt der JLU-Professor während eines Rundgangs durch den Botanischen Garten. Es folgte ein zweitägiger Krimi. Wissemann sprach mit Kollegen, organisierte Transportfirmen und bat um Spenden. Das volle Programm. Lediglich den Uni-Präsidenten vergaß er über das Vorhaben zu informieren. Aber auch der gab später sein Okay, einen 15 Meter langen und zig Tonnen schweren Walkadaver an die Justus-Liebig-Universität zu holen. Heute, dreieinhalb Jahre später, schwebt das Skelett über den Köpfen der Studenten in der Hermann-Hoffmann-Akademie. Die Episode zeigt, wie Wissemann tickt: Wenn er ein Ziel vor Augen hat, verschwendet er nicht allzu viele Gedanken an die Hürden. »Mir sind die Herausforderungen durchaus bewusst«, sagt der 53-Jährige. »Aber ich lasse mich dadurch nicht lähmen.« Eine Sichtweise, die seinen Werdegang maßgeblich geprägt hat.

Wissemann ist in Wuppertal geboren und aufgewachsen. Seine Mutter war Chemielaborantin, der Vater Baustoffhändler. Er selbst hatte aber ganz andere Vorstellungen von seine Zukunft. »Ich wollte schon immer Geigenbauer werden«, sagt Wissemann. Seine ganze Familie hätte Streichinstrumente gespielt, er selbst lernte Geige und Bratsche. Doch die Musik war nicht die einzige Leidenschaft des Jungen. »Wir hatten einen großen Garten, in dem man toll spielen konnte. Ich war ein echter Naturfreund.« Nach dem Abitur stand er vor der Wahl: Geigenbauer oder Gärtner? Wissemann entschied sich für letzteres und ging bei einem Leverkusener Gärtner in die Lehre. Anschließend absolvierte er seinen Zivildienst beim Wuppertaler Garten- und Forstamt. »Borkenkäferfallen aufstellen und reinigen, Kröten über die Straße schleppen, aber auch viel Umweltbildung für Kinder und Jugendliche«, erinnert sich der 53-Jährige.

Studium oder Geigenbauer?

Danach stand er erneut vor einer Grundsatzentscheidung: Studium? Oder vielleicht doch noch Geigenbauer werden? Wissemann machte einfach beides. »Ich habe in Göttingen Biologie, Landwirtschaft und Wissenschaftsgeschichte studiert. Das Studium habe ich mir finanziert, indem ich alte Streichinstrumente gekauft, restauriert und weiterverkauft habe.« Wissemann hatte dafür eigens ein Gewerbe angemeldet. Er schmunzelt bei dem Gedanken: »Es hieß ›frisch gestrichen‹.«

Während Wissemann durch den Garten schlendert, lässt er seine Hand über die Pflanzen gleiten. Ab und an zupft er ein Blatt ab, drückt und dreht es, bevor er es wieder auf die Wiese fallen lässt. Vermutlich merkt Wissemann das gar nicht, die unbewusste Handlung zeigt aber seine Zuneigung zur Pflanzenwelt. Sie ist auch der Grund, warum er sein Studium kurz vor knapp noch einmal über den Haufen warf.

»Ich war vom Herzen immer Pflanzensystematiker. Damals wurde aber gesagt, damit finde man keinen Job. Deshalb habe ich meinen Schwerpunkt auf Phytopathologie gelegt, also Pflanzenkrankheiten, um später in der Industrie zu arbeiten. « Wissemann saß schon an seiner Diplomarbeit, als er sich eines besseren besann. Er wollte nicht den Rest seines Lebens für die chemische Industrie arbeiten. Stattdessen schrieb er eine neue Diplomarbeit über das Kreuzungsverhalten von Wildrosen - und zeigte den einstigen Bedenkenträgern, dass man mit der alten, klassischen Botanik sehr wohl einen Job ergattern kann. Einen ziemlich guten sogar.

Nach seiner Zeit an den Universitäten von Göttingen und Jena kam Wissemann 2007 nach Gießen. Zusammen mit seinen beiden Söhnen und seiner Ehefrau. »Ich habe sie durch das Musizieren kennengelernt. In einem Bläserquartett. Sie hat Querflöte gespielt, ich damals noch Oboe.« Offenbar haben die Interessen der Eltern auf die Kinder abgefärbt. Der eine Sohn studiert unter anderem Musik auf Lehramt, der andere folgt als angehender Mediziner den naturwissenschaftlichen Spuren des Vaters.

An der JLU steht Wissemann der Arbeitsgruppe Spezielle Botanik vor, zudem ist er Leiter des botanischen Gartens und Leiter der Hermann-Hoffmann-Akademie. Generalsekretär der Deutschen Botanischen Gesellschaft ist er ebenfalls, zudem hat er bereits seit zehn Jahren das Amt des Vizepräsidenten des Verbands der Botanischen Gärten Deutschlands inne. An der Uni hält er Vorlesungen, leitet Praktika und geht mit den Studenten auf Exkursionen.

Mut zu Visionen

Dabei versucht er, den jungen Leuten auch abseits der Biologie etwas mit auf dem Weg zu geben. Zum Beispiel, dass man in großen Bildern denken, an seine Ideen glauben und nicht zu viel Zeit mit den Bedenken verbringen sollte. »Viele Studenten wollen sich möglichst lange alle Türen offen lassen. Manchmal muss man aber auch eine Entscheidung treffen, an die man glaubt«, sagt Wissemann. Viel zu oft begegne er Studenten, die ihr Studium nur wegen der Eltern durchzögen. Er hält das für den falschen Weg. Und das lebt er auch seinen Söhnen vor. »Mir ist es fast egal, was sie beruflich machen. Hauptsache, sie haben eine Vision, die sie umsetzen wollen. Ich hätte kein Problem damit, wenn sie ihr Studium abbrechen und etwas anderes machen würden. Ich habe das schließlich auch gemacht.«

Wissemann weiß, dass ein erfolgreicher Professor in Festanstellung so etwas leichter sagen kann als ein Student, dessen Entscheidung einen leeren Kühlschrank zur Folge haben könnte. Es sei aber auch eine Typfrage. »Mir ist es auch früher nie schwer gefallen, neue Wege zu gehen, auch wenn dadurch andere Türen für immer zu gewesen wären. Das liegt daran, dass ich an allem interessiert bin. Es gibt so viele Berufe, die spannend sind. Ich wäre auch nicht sterbensunglücklich, wenn ich Automechaniker geworden wäre. Oder eben Geigenbauer.«

In beiden Berufen hätte er zumindest Vorerfahrung. Wissemann schraubt gerne an Oldtimern herum, in seiner Garage steht ein Hilman aus dem Jahr 1933. Wer die Fernsehserie »Der Doktor und das liebe Vieh« noch kennt, hat das Auto vermutlich schon mal durch den Vorspann brettern sehen. »Ich habe schon als Kind gesagt, den möchte ich irgendwann mal haben.« Vor ein paar Jahren erfüllte er sich diesen Traum. Geigenbauer wäre für Wissemann ein noch kleineres Problem, schließlich hat er den Beruf bereits ausgeübt. Abgesehen davon ist die Musik noch immer ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. Seine musische Ader lebt er in einem Streichquartett aus.

Vermutlich hat er es als Biologe trotzdem am besten getroffen. Denn die Flora lässt Wissemann auch nach Feierabend nicht los. Sei es im eigenen Garten, oder etwa, wenn er mit seiner Frau Essen zubereitet, das er zuvor in der Natur gesammelt hat. »Das, was ich mache, ist mein Leben«, betont Wissemann. Und welcher Botaniker kann von sich schon behaupten, einen solch großen Fisch, Pardon, Wal an Land gezogen zu haben.

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