27. November 2013, 16:28 Uhr

Blutergüsse nach Einkaufsbummel

Gießen (si). Diesen Besuch in Gießen wird eine Marburgerin nie mehr vergessen. Die 53-Jährige war im Oktober letzten Jahres im Seltersweg bummeln und ging dabei auch in die Damenbekleidung von Karstadt, wo sie drei Jacken anprobierte.
27. November 2013, 16:28 Uhr
(Foto: red)

Als sie wenig später, ohne Ware, das Haus gerade verlassen hatte, wurde sie hinter dem Eingang »brutal zurückgerissen« – so steht es in ihrer Klageschrift.

Sie erlitt Blutergüsse an beiden Armen, am Oberschenkel und den Brüsten, dazu einen Schock, all dies ist ärztlich dokumentiert. Fünf Wochen lang war sie krank geschrieben. Psychisch belastet fühlt sie sich bis heute. Deshalb verlangt sie nun Schmerzensgeld – unter anderem vom Detektiv des Warenhauses. Ihn macht sie für den folgenreichen »Zwischenfall« verantwortlich.

Offenbar hatte der Hausdetektiv die Frau bei der Anprobe beobachtet und geglaubt, sie hätte ihre alte Jacke heimlich gegen eine neue getauscht. Ein Irrtum, wie sich bald herausstellte. Bis dahin vergingen allerdings einige Minuten, die der Frau heute noch wie ein Alptraum vorkommen.

Als der Detektiv sie stellte, ging sie zu Boden und verlor das Bewusstsein. Sie kam erst wieder zu sich, als ihr jemand ein Tüte vor den Mund hielt, weil sie hyperventilierte. Schließlich erschien der Rettungsdienst, der die Frau zurück ins Kaufhaus brachte und Erste Hilfe leistete.

Den Vorfall hatten viele Passanten beobachtet. Darunter war ein Polizeibeamter in Zivil. Angeblich soll auch er die Frau – vor gaffendem Publikum – des Diebstahls beschuldigt haben. Die Schmerzensgeldklage richtet sich deshalb auch gegen ihn. Und außerdem gegen das Haus Karstadt bzw. seinen Filialleiter.

Der war kurz nach dem Zwischenfall gerufen worden. Als klar war, dass der Diebstahls-Vorwurf falsch war, bat er um Entschuldigung. Außerdem lud er die Marburgerin im hauseigenen Restaurant zu einem Kaffee ein. Später bot er ihr einen 50-Euro-Einkaufsgutschein an. Beides lehnte die Frau ab. Das sei völlig unzureichend, sagte sie.

Vom Hausdetektiv will das Opfer nicht nur Schmerzensgeld. Ihn hatte sie auch angezeigt. Das Verfahren wurde allerdings eingestellt. Objektiv habe der Mann zwar eine Körperverletzung begangen. Er sei sich allerdings sicher gewesen, dass die Frau tatsächlich gestohlen habe, heißt es im Einstellungsbeschluss der Staatsanwaltschaft. Juristen sprechen von einem »Erlaubnistatsbestandsirrtum«: Danach kann zum Beispiel ein Hausherr straffrei bleiben, der den Freund seiner Tochter niederschlägt – nachts und im Dunkeln, weil er ihn für einen Einbrecher gehalten hat. Im Übrigen hielt die Staatsanwaltschaft die Verletzungen der Frau für nicht so gravierend.

Inzwischen hat umgekehrt der Detektiv Anzeige gegen die Frau erstattet. Sie soll ihn, so sein Vorwurf, bei der Auseinandersetzung getreten und beschimpft haben. Hier steht eine Entscheidung noch aus.

Am Dienstag verhandelte das Gießener Amtsgericht über die Forderung der Frau. Ihr Rechtsbeistand, der Marburger Anwalt Hans-Berndt Ziegler, hielt einen Vergleich für möglich: 500 Euro Schmerzensgeld, wenn die Gegenseite rechtsverbindlich ihre Anzeige wegen Körperverletzung zurückziehe. Darüber konnte in der Sitzung allerdings nicht entschieden werden. Der Detektiv war nicht persönlich erschienen, und der Karstadt-Vertreter meinte, dass der Vorschlag mit der Unternehmenszentrale in Essen besprochen werden müsse.

Sollte es keine Einigung geben, wird der Prozess im Frühjahr fortgesetzt. Richter Werner Breininger wird dann eine Zeugin hören, die den ganzen Vorfall aus nächster Nähe beobachtet hat.



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