11. Juli 2017, 06:00 Uhr

Randale

Blick ins Archiv: Die Blitzaktion des »Schwarzen Blocks«

Nach den Krawallen rund um den G20-Gipfel in Hamburg reden alle vom »Schwarzen Block«. Wie linksautonome Gewalttäter vorgehen, das konnte man auch schon einmal in Gießen miterleben.
11. Juli 2017, 06:00 Uhr
moeller_moe
Von Burkhard Möller

Augenzeugen sprachen fast ehrfürchtig von einer »Blitzaktion« in »James-Bond-Manier«. Es ist Samstag, der 16. Juli 2011. Durch die Innenstadt von Gießen ziehen rund 150 Teilnehmer einer von der Hessen-NPD angemeldeten Demonstration. 3000 bis 4000 Gegendemonstranten säumen den Marschweg der Rechtsextremisten; bis 2000 Polizisten aus vier Bundesländern trennen die beiden Lager. Alles geht gut, die Polizei ist jederzeit Herr der Lage, aber fernab des eigentlichen Demonstrationsgeschehens passiert es dann doch: Innerhalb weniger Minuten richten am Mittag vermummte Randalierer an der Licher Straße rund um dem Lutherberg einen Sachschaden in Höhe von 150 000 Euro an. Verwüstet wird die Geschäftsstelle der Volksbank, beschädigt die Fassade des Hauses der Studentenverbindung »Chattia«. Deren Haushälterin, an deren Kopf ein durch das Fenster geschleuderter Pflasterstein nur haarscharf vorbeifliegt, erleidet einen Schock.

 

Gießener Aufruf »Fight G 20«

 

Das damalige Vorgehen der Täter, die bis heute nicht überführt werden konnten, erinnert an die Ereignisse in Hamburg. Die 20 bis 30 Personen hatten sich von der Demo abgesondert und die Randale offenkundig vorher geplant. Die Täter, die sich vermutlich auf dem Alten Friedhof vermummten und dort später auch wieder umzogen, hatten einen mit weißer Ölfarbe gefüllten Feuerlöscher dabei, mit dem das Haus der Studentenverbindung bespritzt wurde. Vor der Bankfiliale verstreuten sie sogenannte Krallen, dies wohl in der Hoffnung, dass sich eintreffende Polizeistreifen einen Platten fahren. Zudem hatten sie Pyrofackeln dabei und entzündeten damit Paletten, die auf der Baustelle der damals im Umbau befindlichen Licher Straße lagerten. Die ganze Aktion habe nicht einmal drei Minuten gedauert, berichteten Augenzeugen.

Die Polizei nahm zwar fünf einschlägig bekannte Männer aus der linksautonomen Frankfurter Szene fest, die sie den Tag über bereits observiert hatte, aber letztlich konnte ihnen keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden. Im Gegenteil wurde die Polizei ein Jahr später vom Amtsgericht sogar gerügt, weil sie einen der Verdächtigen bis 23 Uhr und damit zu lange festgehalten habe.

Eine sogenannte linksautonome Szene, deren gewaltbereiter Teil bei Demos als »Schwarzer Block« aufmarschiert, gibt es auch in Gießen, sie gilt aber – im Gegensatz zu Teilen der Frankfurter und Marburger Szene – nicht als militant. Der aktuelle hessische Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2015 nennt im Kapitel »Linksautonome« als Gießener Gruppierung die Antifa R4, aber in letzter Zeit hat sich eher die Gruppe Antifaschistische Revolutionäre Aktion Gießen (ARAG) in den Vordergrund gespielt. Sie rief auch unter dem Motto »Fight G 20« gemeinsam mit linksextremen Gruppen unter anderem aus Frankfurt, München, Stuttgart, Nürnberg und Hamburg zur Teilnahme zu Protesten gegen den Gipfel auf und bot mit Blick auf Hamburg in Gießen einen Vortrag der »Roten Hilfe« mit »Tipps zum richtigen Verhalten bei Demonstrationen, Polizeigewalt, Verhaftungen, Verhören und Vorladungen« an. Vertreten war die ARAG mit einem eigenen Wagen zudem bei der jüngsten Gießener Nachttanzdemo. In einer Rede unterm Elefantenklo bezeichnete eine Vertreterin der Gruppe die bevorstehende Zusammenkunft der Staatschef beim G20-Gipfel als »Haufen Scheiße, auf den man gerne mal draufhauen möchte«.

Die Gießener Polizei hat bislang keine Erkenntnisse, ob Mitglieder der hiesigen Szene an Straftaten in Hamburg beteiligt waren. Für solche Aussagen sei es angesichts der Masse an Bild- und Filmmaterial, das die Hamburger Kollegen nun auswerten müssten, viel zu früh, sagte Pressesprecherin Sylvia Frech.

Info

Gießener Polizisten unverletzt

Von den Polizisten aus dem Bereich des Polizeipräsidiums Mittelhessen, die am Wochenende in Hamburg im Einsatz waren, ist nach bisherigen Erkenntnissen niemand verletzt worden. Dies teilte Polizeisprecherin Sylvia Frech auf Anfrage mit. Die Gießener waren mit Beamten der Motorradstaffel, mit Hundeführern und weiteren Polizisten im Einsatz, die nach der ersten Eskalation zur Verstärkung in den Norden geschickt wurden. Einsatzstärken nannte Frech nicht. Frech, die selbst in Hamburg war und dort Pressearbeit leistete, lobte den Zusammenhalt der »Polizeifamilie«. Die Kollegen hätten »belastende Bilder« im Kopf; die Erlebnisse würden mit Sicherheit aufgearbeitet.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos