08. September 2016, 18:13 Uhr

Bis zu 5500 neue Wohnungen

Gießen (mö). Das Wohnraum-Versorgungskonzept für Gießen liegt jetzt vor und reicht bis ins Jahr 2030 hinein. Die Empfehlung für den Wohnungsbau lautet: Sozialquote bei Privatinvestitionen.
08. September 2016, 18:13 Uhr
Auch am alten Schlachthof an der Lahn entstehen derzeit 140 Wohnungen, allerdings nicht im Segment »bezahlbar«. (Foto: Henß)

Auf diese 90 Seiten haben nicht nur Gießens Kommunalpolitiker und die Akteure der Wohnungswirtschaft lange gewartet: Nach vielen Ankündigungen und zweijähriger Vorarbeit hat Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz den Entwurf eines Wohnraumversorgungskonzepts vorgelegt. Die vom Bochumer Inwis-Institut im Auftrag der Stadt Gießen erstellte Studie geht von einem Bedarf an zusätzlichen Wohnungen bis 2030 in einer Größenordnung zwischen 4700 und 5500 aus. Davon sollten 1000 bis 1500 im sozialen Wohnungsbau entstehen. Daraus leitet das Konzept die für die neue Kenia-Koalition politisch brisante Empfehlung ab, im privaten Wohnungsbau in Gießen eine 25- bis 30-prozentige Sozialquote einzuführen.

Grundlage für die Bedarfsermittlungen im Wohnungsbau bildeten verschiedene Prognosen zur Entwicklung der Zahl der Einwohner und der Haushalte, zur Alters- und Sozialstruktur bis 2030. Die indes liegen teilweise weit auseinander und schwanken bei der Bevölkerung zum Beispiel zwischen einem Einwohnerverlust von 1700 Personen und einem Zugewinn von 7000. Inwis legte letztlich eine Einwohnerzahl von 85 000 zugrunde. Eine Zahl, die Gießen laut Statistischem Landesamt bereits Ende 2015 mit 84 455 Einwohnern fast erreicht hatte. Die Stadt selber geht – ohne die Bewohner der HEAE – von 82 000 Einwohnern Ende 2015 aus. Bei den Haushalten wird von ein Zuwachs zwischen 2700 bis 3500 erwartet (siehe Grafik), wobei das Konzept von einem gleichbleibenden 25-prozentigen Anteil einkommensschwacher Haushalte ausgeht.

Bei der Altersstruktur bezieht sich Inwis auf noch nicht veröffentlichte Zahlen der landeseigenen Wirtschaftsförderungsgesellschaft Hessen Agentur. Danach wächst die Zahl der 30- bis 50-Jährigen von allen Altersgruppen um 50 Prozent am stärksten, während es bei den 18- bis 25-Jährigen, also auch den Studierenden, zu einem Rückgang um 37 Prozent kommen soll, bei den Jugendlichen wiederum zu einem Anstieg um ein Drittel, was »familiengerechte Wohnangebote« erforderlich mache.

Die hat Inwis unterteilt in den Geschosswohnungsbau und den Bau von Einfamilienhäusern. Im »Mehrfamilienhaussegment« prognostiziert Inwis einen Bedarf von bis zu knapp 4000 neuen Einheiten bis 2030 und empfiehlt eine »breite Zielgruppenorientierung« mit Schwerpunkten bei kleinen Wohnungen unter 65 Quadratmetern und familiengerechten Größen zwischen 85 und 100 Quadratmetern, allesamt möglichst barrierefrei. Bei den Eigenheimen wird ein Bedarf zwischen knapp 1300 und 1500 gesehen.

Eine Zahl wie viele »bezahlbare« Wohnungen benötigt werden, nennt der Entwurf des Konzepts nicht, weil der Begriff »bezahlbarer Wohnraum« nicht definiert sei. Der Bedarf an bis zu 1500 zusätzlichen Sozialwohnungen wird von Inwis aber betont. Ein Zubau von 70 bis 100 Sozialwohnungen pro Jahr bis 2030 sei »marktgerecht«.

Eine Einschätzung, die bei der neuen Koalition aus SPD, CDU und Grünen auf Zustimmung stoßen dürfte. Denn mit ihrem Vorhaben, in der Legislaturperiode bis 2021 rund 400 neue Sozialwohnungen zu bauen, bewegt sich das Kenia-Bündnis in etwa auf dem Niveau der Inwis-Empfehlung. Und dies, ohne den privaten Bauträgergesellschaften eine Quote zur Schaffung von Sozialwohnungen abzuverlangen. Denn diese Quote wird von den Grünen abgelehnt.

Das Konzept wird in den nächsten Wochen mit Sicherheit für Diskussionen sorgen. So kritisiert Lutz Hiestermann, Vorsitzender des Vereins Lebenswertes Gießen, die Datengrundlagen und Annahmen der Studie, unter anderem zur Altersstruktur, als fehlerhaft. Auf dieser Grundlage dürfe die Stadt »nicht weiter zugebaut werden«, sagte Hiestermann unlängst mit Blick auf die Zahl von 5500 Neubauwohnungen

Bis zum 28. September haben nun Interessierte im Rahmen der Öffentlichkeitsbeteiligung die Möglichkeit, zum Entwurf des Wohnraumversorgungskonzepts Stellung zu nehmen. Nach Abschluss der Öffentlichkeitsbeteiligung wird das fertige Konzept dem Stadtparlament vorgelegt. Der Entwurf ist unter www. giessen. de/Wohnen_Bauen_Planen/Wohnraum_Versorgungskonzept/ im Internet abrufbar. Rückmeldungen können per E-Mail an stadtplanungsamt@giessen.de gegeben werden. Für telefonische Rückfragen steht Ines Müller (0641/306 1822) zur Verfügung.

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