Stadt Gießen

Bis »J« durchgekämpft

Das Collegium Carolinum, die Forschungsstelle für die böhmischen Länder, hat die fünfte Ausgabe des Sudetendeutschen Wörterbuchs gefeiert und zur Festveranstaltung in die neuen Seminarräume der Justus-Liebig-Universität am Alten Steinbacher Weg eingeladen.
22. November 2018, 22:12 Uhr
DHG

Das Collegium Carolinum, die Forschungsstelle für die böhmischen Länder, hat die fünfte Ausgabe des Sudetendeutschen Wörterbuchs gefeiert und zur Festveranstaltung in die neuen Seminarräume der Justus-Liebig-Universität am Alten Steinbacher Weg eingeladen.

Vor über 60 Jahren begann das Collegium Carolinum mit der systematischen Sammlung sudetendeutscher Wörter, und vor 30 Jahren erschien der erste Band der lexikalischen Sammlung aller Wörter des ersten Buchstabens des Alphabetes. Ursprünglich seien nur vier Bände geplant gewesen, sagte Steffen Höhne, Vorstandsmitglied des Collegium, aber die Erstellung eines Lexikons sei »eine Mammutaufgabe«. Allein die Fertigstellung des deutschen Wörterbuchs der Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm dauerte 123 Jahre. Nach 60 Jahren intensiver Arbeit freut sich die Forschungsstelle aber über die Veröffentlichung sämtlicher Wörter und Begriffe bis zum Buchstaben »J«.

Otfrid Ehrismann, Professor für Germanistik an der JLU, eröffnete in seiner Funktion als Herausgeber die Feier, die aber auch einen Abschied bedeutete: »Seit 45 Jahren arbeitet Bernd Kesselgruber, damals als studentische Hilfskraft, am Wörterbuch mit. Heute beginnt und endet sein letzter Dienstantritt«. Kesselgruber bearbeitete sämtliche bisher erschienenen Bände des Wörterbuches mit und leistete »einen erheblichen Beitrag zur Erhaltung sudetendeutscher Kultur«, lobte Ehrismann. Denn das Wörterbuch diene sowohl als Mahn- als auch als Denkmal. Die Flucht und Vertreibung der Sudetendeutschen erschwere es außerdem, diese ausgestorbene Mundart zu bewahren. Gleichzeitig aber mahnte Ehrismann in seiner Laudatio: »Die Sprache ist das wichtigste Kulturgut gegen das Vergessen«. Und Kesselgruber habe es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, gegen das Vergessen anzukämpfen. Auch wenn die Veröffentlichung des fünften Bandes ähnlich lange wie der Bau des Berliner Flughafen dauerte, schmunzelte Ehrismann.

Bernd Kesselgruber verabschiedet

Der fünfte Band des sudetendeutschen Wörterbuchs hatte die schwere Aufgabe, Redewendungen über Juden zu lexikalisieren. Und diese gibt es zur Genüge. Anschaulich und mit allem Respekt wies Ehrismann auf die historische Verantwortung der Forschungsgruppe hin. Neben der eigenen Flucht und Vertreibung sudetendeutscher Kultur dürfe man nicht die Flucht und Vertreibung von jüdischen Mitbürgern vergessen: »Wir dürfen Antisemitismus und Rassismus niemals vergessen.«

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Bis-J-durchgekaempft;art71,519034

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