20. September 2019, 19:00 Uhr

Mensch, Gießen

Birgit Bernhard: Neuer Mut nach Schicksalsschlag

Birgit Gigi Bernhard ist in Heidelberg aufgewachsen. Trotzdem hat sie schon als Kind gesagt: Wenn ich groß bin, möchte ich mal in Gießen wohnen - und das, ohne Gießen jemals gesehen zu haben.
20. September 2019, 19:00 Uhr
Nach dem Tod ihres Mannes hat Birgit Bernhard das Bikefitting aufgegeben. Dem Radfahren ist sie aber treu geblieben. (Foto: Schepp)

Birgit Bernhard sitzt in der obersten Etage der Jugendstilvilla. Sie hat sich hierhin zurückgezogen, um ungestört reden zu können. In den unteren Stockwerken ist ihre Physiotherapiepraxis »villa aktiv« zu Hause. Rückenleiden und Tennisarme werden dort behandelt, auf den Ergometern feilen die Menschen an der Fitness. Hier oben, wo die 53-Jährige nun sitzt, herrscht hingegen Ruhe. Ein Fahrrad steht in der Ecke, gegenüber ist ein Laufband aufgebaut, davor liegt ein Körbchen mit Sauerstoffmasken. Alles scheint schon länger nicht benutzt worden zu sein. Und dann ist da noch der Vorhang. Dank des Stoffs kann die Etage in zwei separate Räume geteilt werden. Doch heute ist er offen. Es ist noch gar nicht lange her, da wäre das undenkbar gewesen. »Das war emotional nicht möglich für mich«, sagt Bernhard. »Ich hatte das Gefühl, er sitzt noch hier.« Doch Burkhard, ihr Mann, ist nicht mehr da.

Bernhard ist in Heidelberg aufgewachsen, der altehrwürdigen Stadt mit der wunderschönen Altstadt. Ihren ersten Kontakt mit Gießen hatte sie aber schon im Alter von zwölf Jahren. »Wir sind auf der Autobahn gefahren und haben Nummernschild-Raten gespielt. Wir haben auch ein Kennzeichen mit GI gesehen. Da habe ich gesagt: Da will ich später wohnen.« Dazu muss man wissen: Bernhard wird schon seit ihrer Kindheit »Gigi« gerufen. Heute ist die 53-Jährige tatsächlich mit dem Nummernschild »GI-GI« unterwegs.

Nummernschild: GI-GI

Nach dem Abitur wollte Bernhard eigentlich eine Ausbildung zur Physiotherapeutin machen. »Sport hat mich immer interessiert. Ich habe zum Beispiel Basketball und Volleyball gespielt.« Doch ihre Eltern - der Vater war Architekt, die Mutter kümmerte sich zu Hause um das Familienmanagement - hatten andere Pläne. Die Tochter sollte auf die Universität. Und so entschied sich Bernhard für Ernährungswissenschaften. Die ZVS spülte sie nach Gießen. Für viele angehende Studenten ist es ein Schock, wenn sie durch die Zentrale Vergabestelle für Studienplätze in Gießen landen. Bei Bernhard war es nicht anders. »Ich war erschrocken, als ich hier ankam. Ich bin ewig über den Seltersweg gelaufen und habe die Altstadt gesucht.« Die grauen Kästen der Naturwissenschaften im Heinrich-Buff-Ring vermittelten auch nicht gerade Wohlfühlatmosphäre, schon gar nicht im Wintersemester. Es funkte aber doch noch. Wenn auch auf den zweiten Blick. »Ich lebe inzwischen sehr gerne hier. Gießen ist eine junge Stadt mit einem großen Angebot. Und es ist sehr familiär.«

Was ihre Eltern noch verhindert hatten, holte Bernhard nach dem Studium nach. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. Nach Jobs in Braunfels und Bad Salzhausen fand sie 1997 eine Stelle in der Bahnhofstraße. Einige Jahre später übernahm sie die Praxis. Als dann der Mietvertrag auslief, setzte sie sich hin und rechnete. »Zu jener Zeit gingen die Zinsen gerade runter. Für das Geld, das wir für die Miete zahlten, konnten wir auch finanzieren.« Und so wurde Bernhard Eigentümerin der Frankfurter Straße 50.

Die Gießenerin strahlt, wenn sie über die 1907 erbaute Jugendstilvilla spricht. Vor allem die Rosenbilder in den Fenstern haben es ihr angetan. In erster Linie bietet die »villa aktiv« aber genügend Platz für das zehnköpfige Therapeutenteam und die drei Sekretärinnen. Die Patienten können ein großes Kursangebot in Anspruch nehmen, es gibt jede Menge Fitnessgeräte, auch eine kleine Kletterwand ist eingerichtet. Oben unter dem Dach konnte ihr Ehemann seiner Leidenschaft nachgehen: Trainingspläne für Sportler entwickeln und ihre Sitzpositionen auf dem Rad verbessern. Doch seit zwei Jahren ist der Raum verwaist. Der 54-Jährige starb an Krebs.

»Er war ein Kämpfer«, sagt Bernhard über ihren Mann. Bereits 2002 hatten die Ärzte bei ihm einen Tumor entdeckt, doch der Berufsschullehrer überstand die Krankheit. Wenn auch nicht unbeschadet. »Nach einer komplexen Operation am Bein konnte er am Anfang nicht mehr richtig laufen. Wir haben daher gemeinsam mit dem Radsport angefangen.« Und wie: Als Rehamaßnahme radelten die beiden mal eben über die Alpen, später nahmen sie an Radmarathons und Etappenrennen teil. Aus ihrer Leidenschaft machten die beiden auch ein zweites Standbein. Mit dem »Bikefitting« in der Jugendstilvilla sorgten sie überregional für Aufsehen. Alles lief bestens. Dann kam das Jahr 2015. Eine Diagnose machte alles zunichte. Der Krebs war zurück. Am 20. Juli 2017 ist Burkhard Barsikow gestorben.

Mit 51 Jahren Witwe

»Es ist hart, mit 51 Jahren zur Witwe zu werden«, sagt die Gießenerin. »Er war der Mann, mit dem ich alt werden wollte.« Das Paar hatte sich durch die Sanierung einer alten Hofreite in Wißmar ein tolles Zuhause geschaffen, das zweite Enkelkind war auf dem Weg, mit ihrem »Bikefitting« waren sie gerade dabei, ins Profigeschäft vorzudringen. Stattdessen blieb der Vorhang zu.

Man merkt der Gießenerin an, dass sie gelernt hat, mit dem Verlust umzugehen. Sie kann über ihren Mann reden, ohne in Tränen auszubrechen. Das liegt auch daran, dass der Tod nicht überraschend kam. »Mein Mann war immer Realist. Als die Metastasen wieder da waren, wusste er, dass es zu Ende geht.« Die zwei Jahre seien somit auch eine Art Abschieds- und Trauerprozess gewesen. »Wir konnten auch ein wenig regeln, wie es danach mit mir weitergeht«, sagt Bernhard, die auch schon erste Pläne für die Zukunft macht. Ein bisschen weniger Arbeiten, dafür mehr Zeit mit den beiden Enkelkindern verbringen. Und wieder öfter ihren beiden großen Hobbys nachgehen. Wie passend, dass sie sich wunderbar kombinieren lassen.

Bernhard fährt noch immer leidenschaftlich Fahrrad. Und sie reist gerne. Das Bike nimmt sie immer mit. Sie war schon auf Kuba und in Südafrika, um mit Gleichgesinnten anspruchsvolle Rad-Etappen zu meistern. »Das ist eine tolle Möglichkeit, ferne Länder aus einem anderen Blickwinkel kennenzulernen.« Bernhard engagiert sich zudem bei der Tour der Hoffnung. Radfahren und dabei Geld für an Krebs erkrankte Kinder sammeln: Ihrem Mann hätte das sicherlich gefallen.

Zum Abschluss führt Bernhard noch einmal durch die Villa. Sie kommt auch an den Fenstern mit den Rosen vorbei. »Sind die nicht schön?«, sagt die Gießenerin mit einem Lächeln auf den Lippen. Ja, das sind sie. Und sie passen gut zu Bernhards Leben. Rosen stehen für die Liebe, aber auch für Vergänglichkeit und Tod. Sie sind zudem Symbol für einen Neuanfang - auch wenn der Weg bis dahin dornig sein kann.

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