29. Oktober 2018, 21:18 Uhr

Bezahlbarer Wohnraum fehlt

29. Oktober 2018, 21:18 Uhr

Mit seiner Jahreskampagne »Jeder Mensch braucht ein Zuhause« greift der Deutsche Caritasverband das Thema Wohnungsnot bundesweit auf und bringt damit ein Problem zur Sprache, das auch viele Menschen in Stadt und Landkreis Gießen betrifft. Die Mitarbeiterinnen in der Sozialberatung des Caritasverbandes Gießen verzeichnen einen großen Bedarf an bedarfsgerechtem, bezahlbarem Wohnraum. »Fast täglich kommen Menschen in die Beratungsstelle mit der Bitte, bei der Wohnungssuche behilflich zu sein«, heißt es in einer Mitteilung.

Ein großes Problem für die Wohnungssuchenden sei, dass die Mieten häufig massiv über dem Betrag liegen, der vom Jobcenter bzw. Sozialamt als angemessen angesehen wird. Viele Menschen, die Sozialleistungen beziehen, müssten in deutlichem Umfang Aufwendungen für die Unterkunft aus dem Regelbedarf aufbringen, der eigentlich für die Deckung des Lebensunterhalts gedacht sei. Zu diesem Ergebnis komme auch das Institut Wohnen und Umwelt (IWU) in einem vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales in Auftrag gegebenen Forschungsbericht. In vielen Fällen sei die Angemessenheitsgrenze zu niedrig bemessen, um die Kosten der Unterkunft und Heizung in angemessener Höhe zu berücksichtigen. Durchschnittlich zahle eine betroffene Bedarfsgemeinschaft 80 Euro aus dem Regelsatz dazu. Dadurch werde das vom Verfassungsgericht festgelegte Existenzminimum deutlich unterschritten. Dies sei auch die Erfahrung der Sozialberaterinnen des Caritasverbandes.

Bei der angespannten Wohnungsmarktsituation sei es äußerst schwierig bis unmöglich, in Gießen eine Wohnung in dem von Jobcenter bzw. Sozialamt vorgegebenen Preisrahmen (entsprechend der Richtlinien zu den Kosten der Unterkunft des Landkreises Gießen) zu finden.

Ein Zimmer für drei Personen

Die Beraterinnen berichten zum Beispiel von einer alleinerziehenden Mutter, die mit ihren zwei kleinen Kindern in nur einem Zimmer lebt und die Küche und Bad mit weiteren Bewohnern teilt. Sie sucht seit fast zwei Jahren eine Wohnung. Ein Wohnungsangebot über eine Wohnungsbaugesellschaft sei Anfang des Jahres vom Jobcenter abgelehnt worden mit der Begründung, die Wohnung sei mit allen Nebenkosten ca. 60 Euro zu teuer.

Für einen Drei-Personen-Haushalt werden vom Jobcenter bzw. vom Sozialamt im Regelfall in Gießen-Stadt als Obergrenze für die gesamte Miete je nach Heizungsart zwischen 618 und 673,50 Euro berücksichtigt.

Der Caritasverband Gießen fordert, dass die Menschen, die nur über ein geringes Einkommen verfügen bzw. auf Sozialleistungen angewiesen sind, nicht die Leidtragenden der bestehenden Wohnungsnot sein dürfen. Sie dürften nicht in die Situation kommen, Aufwendungen für die Unterkunft und Heizung teilweise aus dem Regelbedarf begleichen zu müssen. Um das Existenzminimum zu sichern, müsse eine Angemessenheitsgrenze festgelegt werden, die den tatsächlichen Gegebenheiten auf dem Wohnungsmarkt entspricht.

Laut Geschäftsbericht der Wohnbau Gießen 2017 wohnt jeder sechste Gießener bei der Wohnbau, 1114 Haushalte waren wohnungssuchend gemeldet. Aufgrund der geringen Fluktuation stünden zu wenige Wohnungen zur Verfügung. Außerdem fielen viele Sozialwohnungen aus der Bindung. Bei der Wohnbau waren dies, laut Geschäftsbericht von 2016/17, insgesamt 73 Wohnungen. Gleichzeitig waren 1754 Wohnungen in der sozialen Bindung, also für Menschen mit geringem Einkommen oder Empfänger von Sozialleistungen bezahlbar. Diese Zahl sinke weiter.

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