Stadt Gießen

Bettelmönch auf dem Kirchenplatz

Morgens um sieben auf dem Kirchenplatz: 13 Männer und Frauen meditieren. Die Gruppe ist Teil eines Straßen-Retreats, geleitet von Claude AnShin Thomas, einem buddhistischen Zen-Mönch.
30. Juli 2018, 14:00 Uhr
Armin Pfannmüller
DSC03815_260718
Meditation auf dem Kirchenplatz mit dem buddhistischen Zen-Mönch Claude AnShin Thomas. (Foto: pd)

Auf den ersten Blick wirkt das Szenario ein wenig verstörend. Ein Rentner mit Einkaufstasche prallt beinahe gegen einen Laternenpfahl, als er sich immer wieder umdreht nach der Sitzgruppe in einer Ecke des Kirchenplatzes. Die Teilnehmer des Straßen-Retreats lassen sich weder von Passanten noch von lauten Geräuschen aus der Ruhe bringen. Sie bleiben gelassen in ihrer stillen Meditation. Das kann weder der laute Lieferwagen am Marktplatz ändern noch der Transporter, der die Dixie-Klos vor dem Wallenfels’schen Haus entleert, was empfindlichen Nasen durchaus zusetzen kann.

Gegen halb acht kommt Bewegung in die bis dahin schweigende Gruppe. Mit einem Stein, der gegen eine Wasserflasche geschlagen wird, beginnt ein melodischer Sprechgesang, der sich wie ein Klangteppich über den Platz legt. »Die Wirklichkeit ist grenzenlos, ich gelobe, sie zu ergründen. Der Weg der Erleuchtung ist unübertrefflich, ich gelobe, ihn zu verkörpern«, geht es danach weiter mit Versprechen und Gelöbnissen. Ein weiteres akustisches Signal mittels Wasserflasche beendet die Zeremonie.

Passanten schauen irritiert

»Die Meditation schenkt uns die Möglichkeit, die Lehre der gegenseitigen Verbundenheit zu erfahren und die Veränderungen im täglichen Leben bewusster wahrzunehmen«, sagt eine Teilnehmerin und nimmt sich eine Tasse Tee. Nach der Meditation wendet sich die Gruppe dem »Frühstückstisch« zu. Alle Speisen und Getränke werden erbeten, die Menschen sind ohne Geld, Besitz oder eigene Verpflegung unterwegs. An einem Verteilerkasten wirbt ein Plakat unter dem Titel »Die verwobene Realität von Geben und Empfangen« für Großzügigkeit und Verbundenheit in der buddhistischen Praxis. »We just do what we do«, sagt Claude AnShin Thomas, der die Zeremonie geleitet hat. »Wir wollen niemanden überzeugen und nichts verkaufen«, erklärt der Bettelmönch. »Wir gehen dorthin, wohin wir eingeladen werden«, schildert er die Routen, die die Zen-Praktizierenden auch nach Mittelhessen führen können. Nach Gießen ist AnShin Thomas mit seiner buddhistischen Gruppe auf Einladung von Benedikta aus Buseck gekommen. Das Resümee am Mittwoch fällt sehr positiv aus. »Fast alle Menschen waren superfreundlich zu uns«, sagt Marion GenRai Lukas. Die Leverkusenerin ist Vorsitzende des Vereins Zaltho Sangha, einer Gemeinschaft, die sich für Frieden und soziale Aussöhnung einsetzt.

Orte des Leidens besucht

»In Gießen haben wir Orte des Leidens besucht«, ergänzt eine andere Teilnehmerin und nennt Plätze, die an die Verfolgung jüdischer Mitbürger während der NS-Zeit erinnern. »Wir leben das Leben der Menschen, die nichts haben«, sagt der Bettelmönch, »ein sehr einfaches Leben.« Dazu gehört auch der Schlaf unter freiem Himmel und die Tatsache, dass während der Zeit in Gießen täglich der Kirchenplatz gereinigt wurde. Dass nicht alle Begegnungen konfliktfrei verlaufen, erläutert er am Beispiel eines Mannes, dem er in der Nähe der Pankratiuskapelle begegnet sei. »Er sprach kein Englisch, ich spreche nicht Russisch, aber am Ende haben wir einen Weg gefunden, uns zu verständigen, berichtet der Mönch über eine Situation, die ihn an seine eigene Verfassung nach seiner Rückkehr aus Vietnam erinnert hat. Damals habe er Alkohol- und Drogenprobleme gehabt, sagt der Mann, der vor 23 Jahren zum Mönch ordiniert wurde.

Nächste Station: Überlingen

Fast in jeder Stadt erlebt Claude AnShin Thomas, dass diejenigen, die wenig haben, freigiebiger sind als Menschen mit viel Besitz. Darüber hat er auch vor einigen Tagen im Gemeindesaal der Pankratiusgemeinde gesprochen. Wenn er nicht unterwegs ist, lebt der buddhistische Mönch im Zen-Center in Mary Esther. Die Stadt im Nordwesten Floridas muss allerdings noch warten. Die nächste Einladung kommt aus Überlingen am Bodensee.

Nicht alle Teilnehmer der Gruppe werden diese Reise mitmachen. »Aber Elmo wird dabeisein«, verspricht AnShin Thomas und zeigt auf einen kleinen Stoffbären, der aus seinem Rucksack lugt. »Ich habe ihn aus dem Müll gerettet.« Was nach dem Frühstück ansteht? »Jetzt werde ich erstmal in die nächste Sporthalle gehen und eine Dusche nehmen«, sagt der Mönch lächelnd.

Claude AnShin Thomas

Früher Soldat, heute Mönch>

¬In seiner Kindheit erlebte er Gewalt und Missbrauch, als 18-Jähriger meldete er sich freiwillig zum Einsatz im Vietnamkrieg, wo er schwer verwundet wurde. Nach der Rückkehr in die USA folgte eine Zeit der Arbeitslosigkeit, Drogensucht und der sozialen Isolation. Die Biografie des Claude AnShin Thomas liest sich nicht wie die Geschichte vom klassischen amerikanischen Traum. Er begann daran zu arbeiten, die Wunden des Krieges und der Gewalt auf geistiger, emotionaler und spiritueller Ebene zu heilen und mit diesen Erfahrungen anderen zu helfen. 1995 wurde er zum Zen-Buddhistischen Mönch ordiniert, seitdem lebt er als Wander- und Bettelmönch. Der Autor des Buchs »Am Tor zur Hölle – der Weg eines Soldaten zum Mönch« ist Gründer der Zaltho Foundation, einer gemeinnützigen Organisation, die Gewaltlosigkeit und Wandel unterstützt. Mehr Informationen auf www.zaltho.de

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Bettelmoench-auf-dem-Kirchenplatz;art71,464444

© Giessener Allgemeine Zeitung 2016. Alle Rechte vorbehalten. Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung