19. Juli 2018, 22:02 Uhr

Mensch, Giessen

Benjamin on air

Benjamin Baucik liebt das Radio. Die Musik, die Reportagen, die Moderation. Der Gießener sitzt aber nicht nur vor dem Empfangsgerät und hört zu, zusammen mit einem Freund sendet er selbst. Dass der 33-Jährige seit seiner Geburt eine Behinderung hat, spielt dabei keine Rolle.
19. Juli 2018, 22:02 Uhr
Das Studio von Benjamin Baucik steht im Schlafzimmer. Die Technik ist trotzdem ziemlich professionell. (Foto: chh)

Mensch Gießen

Jeden Tag begegnen wir Gießenern, die uns zwar vertraut sind, die wir aber nicht kennen. Das wollen wir ändern: In unserer Serie »Mensch, Gießen« wollen wir einige dieser Gießener vorstellen.

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Die Wohnung von Benjamin Baucik ist vollgestopft mit moderner Technik. Auf dem Sideboard seines Wohnzimmers stehen Fernseher und Receiver. Daneben thront eine Musikanlage. Das Licht könnte er per Fernbedienung dimmen. Und würde der 33-Jährige jetzt »Hallo Alexa« sagen, der sprachgesteuerte Internet-Assistent würde ihm sofort jeden Wunsch erfüllen. Na gut, fast jeden. »Ich habe mich schon immer für Technik interessiert«, sagt der Gießener. Bereits in seiner Kindheit habe er lieber vor dem Computer gesessen, als draußen Fußball zu spielen. Was vermutlich daran liegt, dass seine Beine fürs Kicken nicht sonderlich gut geeignet sind.

Baucik erlitt bei der Geburt eine Gehirnblutung, außerdem kam er viele Wochen zu früh auf die Welt. »Ich war eben neugierig«, sagt der 33-Jährige mit einem Lächeln. Baucik wirkt unbekümmert, er macht kein großes Aufsehen um seine Behinderung. Dabei sind die Folgen nicht wegzudiskutieren. Der Gießener hat Schwierigkeiten beim Gehen, ein Bein hinkt immer etwas hinterher. Außerdem macht ihm die Feinmotorik seiner Hände zu schaffen, weshalb er zum Beispiel niemals richtig Schreibschrift gelernt hat. »Und ich stottere manchmal«, sagt Baucik. Doch während andere Menschen mit diesem Leiden das öffentliche Sprechen meiden, schickt Baucik seine Stimme jede Woche um den ganzen Erdball.

Seit einigen Jahren betreibt er zusammen mit seinem Kumpel David die Internetradiosender www.alwaysmusic.de und www.benonradio.de. Neben lizenzfreier Musik und Hörspiele bieten die beiden ein Kinomagazin sowie jeden Sonntag einen Wochenrückblick an. Auch ein Veranstaltungskalender gehört dazu. Nicht nur für Gießen, sondern auch für München, Nürnberg oder Berlin. Man weiß ja nie, wer alles zuhört. »Aber es sind nicht sehr viele«, sagt Baucik. Pro Tag würden um die 50 Menschen auf die Seite klicken. »Aber darum geht es uns auch nicht. Wir machen das, weil es uns Spaß macht.«

Baucik war schon immer Fan der elektronischen Medien, anfangs aber vor allem vom Fernsehen. In seiner Kindheit saß er häufig vorm Computer und entwickelte Programme für seinen eigenen fiktiven Fernsehsender. Mit Tabellen, Zeitplänen und allem Pipapo. Der 33-Jährige muss lachen: »Meine Mutter war nicht so begeistert, weil ich die ganzen Pläne auch immer ausgedruckt habe. Tintenpatronen sind ja teuer.«

1997 war dann das Jahr, in dem sein Interesse fürs Radio geweckt wurde. Bezeichnenderweise durchs Fernsehen. »Ich habe damals eine Live-Sendung von der IFA, der Internationalen Funkausstellung gesehen. Darin wurde das DAB-Radio vorgestellt. Ich war sofort begeistert.« Baucik wollte mehr wissen über den digitalen Übertragungsstandard, dessen Abkürzung für »Digital Audio Broadcasting« steht. Also surfte er regelmäßig durch Radio-Foren, tauschte sich mit Gleichgesinnten aus und kaufte sich schließlich sein eigenes DAB-Gerät. Bis er eigene Inhalte in den Äther schickte, dauerte es aber noch eine Weile.

»Das war 2008«, erinnert sich Baucik. »Damals gab es eine Internetseite, auf der man Reportagen und ähnliches über das Telefon ins Internet übertragen konnte.« Zusammen mit seinem Kumpel David und einem Aufnahmegerät ging er dann am Lahnufer spazieren, sprach über Gott und die Welt und lud das Gesagte ins Netz. Fertig war der erste Beitrag. »Das hat uns so großen Spaß gemacht, dass wir angefangen haben, eigene Sendungen zu produzieren.« Ihr erster Radiosender war geboren.

Seitdem sind die wöchentlichen Sendungen fester Bestandteil von Bauciks Leben. Das gleiche gilt für das regelmäßige Schwimmen, die Fotografie und sein Job als Montagehelfer in Grünberg. Einmal die Woche besucht ihn eine Betreuerin, spricht mit ihm die Woche durch und hilft ihm bei den Einkäufen, ansonsten kommt er aber gut alleine zurecht. »Ich hab’ diese Behinderung halt. Ich mache mir da keine großen Gedanken drum.« Früher sei das jedoch ein wenig anders gewesen. Baucik bedauert zum Beispiel, dass er auf die Sonderschule gehen musste. »Damals war Inklusion noch kein Thema. Menschen mit Behinderung wurden nicht in normale Schulen aufgenommen.« Aber der Umgang mit anderen gehandicapten Kindern hatte auch seine Vorteile. Baucik wurde kaum gehänselt, auch heute höre er selten blöde Sprüche. »Höchstens wegen meiner großen Füße. Ich habe Schuhgröße 50«, sagt der 33-Jährige und lacht. »Aber bei eine Körpergröße von 2,05 Metern sähen kleinere Füße auch blöd aus.«

Beim Radio spielen weder seine großen Füße noch seine Behinderung eine Rolle. Ob er mal seinen Arbeitsplatz zeigen könne? »Natürlich«, sagt der Gießener und erhebt sich aus dem Sofa. »Aber sonderlich professionell ist er nicht.« Baucik stapelt tief, wie ein Blick ins Nebenzimmer zeigt. Auf dem Schreibtisch stehen nicht nur Bildschirm und Computer, sondern auch zwei hochwertige Mikrofone sowie ein nicht minder eindrucksvolles Mischpult. »Hier sitzen wir jeden Sonntag und nehmen unseren Wochenrückblick auf«, sagt Baucik, bevor er die einzelnen Funktionen des Mischpults erklärt. Mit dem Finger fährt er langsam einen der Regler hoch. »Der ist zum Beispiel für die Jingles.«

Am kommenden Sonntag werden sie wieder erklingen. Um 18 Uhr beginnt der Wochenrückblick. Mit Fernsehtipps, Musik und den wichtigsten Themen der Woche. Baucik freut sich schon darauf. Ob 5 oder 50 Leute zuhören, spielt dabei keine Rolle.

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