15. Januar 2018, 14:15 Uhr

Premiere

Bedingt verwendbar

Rechtfertigt eine politische Utopie eine Bluttat? Wie schmutzig ist Politik? Um diese Fragen geht es in Sartres »Die schmutzigen Hände«. Am Stadttheater zeigt sich: Es ist nur bedingt »verwendbar«.
15. Januar 2018, 14:15 Uhr
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Von Karola Schepp , 1 Kommentar
»Ich habe meine Hände in Blut und Scheiße getaucht« gibt Hoederer (Lukas Goldbach, vorne) zu. Hugo (Maximilian Schmidt) findet diese Realpolitik schrecklich. (Foto: Wegst)

Die Zeiten, als Philosophievorlesungen studentische Krawalle auslösten und wortlastige Theaterstücke über existentialistische Fragen das Publikum begeisterten, sind vorbei. Die Revolution ist passé. Politische Utopisten sind in der Realität angekommen und unbequeme Haltungen nicht angesagt. Insofern ist es gut, dass auf dem Spielplan des Stadttheaters Jean Paul Sartres »Die schmutzigen Hände« an das Feuer früherer Streitkultur erinnert und mit dem idealistischen Schriftsteller Hugo und dem smarten Realpolitiker Hoederer zwei Protagonisten in den Fokus rückt, die das Dilemma der Politik zwischen Engagement und Verantwortung auf die Spitze treiben.

Regisseur Hüseyin Michael Cirpici gibt sich redlich Mühe, das 1948 geschriebene Stück vom historischen Kontext zu lösen und auf überzeitliche Fragen nach Verantwortung und Freiheit zu konzentrieren. Dank umfangreicher Streichungen reduziert er den Text auf nahezu die Hälfte. Die Handlung, die sich trotz einiger Knalleffekte eher in Worten denn in Aktion entfaltet, konzentriert er auf Politthriller-Spannung. Die Neuübersetzung von Eva Groepler macht Sartres Text leicht verständlich. So weit so gut. Doch Cirpici gelingt es dennoch nicht, den Funken tatsächlich zünden zu lassen – und daran hat die von Sigi Colpe entworfene nahezu leere Bühne erheblichen Anteil.

»Die schmutzigen Hände« erzählt mit Rückblendetechnik vom Idealisten Hugo, der sich als Anarchist beweisen will und von Parteifundamentalisten für ein Attentat auf den Realpolitiker Hoederer gewinnen lässt. Doch der charismatische Hoederer beeindruckt Hugo und es überkommen ihn Zweifel. Als er Hoederer jedoch in flagranti mit seiner Frau Jessica erwischt, erschießt er ihn – aus dem ursprünglich geplanten politischen Anschlag ist Mord aus Eifersucht geworden. Und der wird auch noch, wie Hugo nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis erkennt, von der mittlerweile auf Hoederers realpolitische Linie geschwenkten Partei, verleugnet. Hugo, der für die Partei nicht mehr »verwendbar« sein will, erschießt sich.

 

Holzkubus als politisches Gewicht

 

All das erzählt Cirpici auf einer von drei Holzwänden umgebenen nackten Bühne mit nur wenigen Requisiten wie Koffer, Bürotischen oder Revolvern. Über dem Kopf der Schauspieler, die auf freier Fläche meist starr stehen und im Stil von Nachkriegsintellektuellen gekleidet sind, hängt ein riesiger Holzkubus, der den ideologischen Überbau symbolisieren soll, die Bühne aber so auch auf einen schmalen Sichtstreifen reduziert. Gazevorhänge erlauben das Erzählen in verschiedenen (Zeit)ebenen und Klänge von Julia Klomfasß untermalen das Geschehen atmosphärisch geschickt. Dennoch bleibt die Inszenierung blutleer, erschöpft sich in immer noch abstrakt bleibenden Endlosdialogen. Cirpici, der in der Studiobühne schon eindrucksvoll gezeigt hatte, dass er gewichtige Texte auf packendes Bühnenformat bringen kann, bleibt hinter den Erwartungen zurück.

Und dennoch gibt es diesen einen faszinierenden Moment, der erkennbar macht, warum Sartres Stück wirkungsmächtig ist. Es ist der Moment, in dem Hugos kommunistischer Idealismus auf Hoederers Pragmatismus prallt und Hoederer erklärt, warum er seine Hände »mit Scheiße und Blut« schmutzig gemacht hat. Wenn er von Minderheitsregierungen spricht, die die Verantwortung anderen Parteien zuschieben wollen, mag manch Zuschauer an die Jamaika- und Groko-Koalitionsverhandler denken. Wenn das Zitat »politischer Mord passiert in jeder Partei« fällt, denkt man an die Söders und Petris. Und Hoederers Frage »Glaubst Du, man kann unschuldig herrschen?« sollte als Banner zu Parteitagen aufgehängt werden.

Jener Hugo-Hoederer-Moment ist auch die Sternstunde für Maximilian Schmidt als Hugo und Lukas Goldbach als Hoederer. Hier zeigen sie die eigentliche Größe der Figuren, die vorher höchstens zu erahnen war. Schmidt ist bis dahin nur bedingt ein überzeugender Intellektueller, vielmehr ein von seiner koketten Frau Jessica vorgeführter Bürgersohn mit Revoluzzer-Attitüde: ein wenig naiv, im Grunde tief verunsichert und alles andere als ein Held. Goldbach ist mit Rolli und schwarzer Brille bis zu jenem Streitgespräch auf Augenhöhe eher Inkarnation eines 50er-Jahre-Intellektuellen, denn charismatische Politikerfigur. Paula Schrötter als quirlig-nervige Jessica, für die alles ein Spiel ist, bringt Schwung in die Inszenierung. Ihre Wandlung von der keck-flirtenden Jungehefrau zur Hoederer-Affäre bleibt allerdings zu sprunghaft. Anne Elise Minetti zeigt als humorfreie Genossin Olga, dass »Liebe für eine Intellektuelle« wohl »keine Rolle« spielt. Thomas Wild und Stephan Hirschpointer sind mal die eher tumben Leibwächter Hoederes, dann wieder seine politischen Verhandlungspartner.

 

Hugo-Hoederer-Sternstunde

 

Inhaltlich knüpfen »Die schmutzigen Hände« mit ihrer Frage nach Moral und Ideologie, Engagement und Verantwortung an Ernst Tollers »Hoppla, wir leben« an. Von der Umsetzung liegen aber Welten dazwischen. Während Tollers Stück in optischen Spielereien ertrank, bleiben »Die schmutzigen Hände« seltsam aseptisch und unbeeindruckend. Vielleicht braucht es doch eher einen aktuellen Text, um die unbestritten zeitlos-gültigen Fragen nach individueller Freiheit und gesellschaftlich-politischer Verantwortung für das heutige Publikum tatsächlich nachvollziehbar zu machen.

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