16. Oktober 2011, 21:03 Uhr

Beckstein: »Kapitalismus braucht sozialen Rahmen«

Gießen (son). Es war ein nachdenkliches und persönliches Glaubensbekenntnis, das die rund 150 Zuhörer in der Johanneskirche zu hören bekamen. Der evangelische Christ und ehemalige bayerische Ministerpräsident Dr. Günther Beckstein las aus seinem aktuellen Buch »Die Zehn Gebote: Anspruch und Herausforderung«.
16. Oktober 2011, 21:03 Uhr
Ex-Ministerpräsident Beckstein bei seiner Lesung in der Johanneskirche. (Foto: son)

Nachdem die Geduld der Kirchgänger zunächst auf die Probe gestellt wurde – der Protagonist erschien mit halbstündiger Verspätung, erlebten die Zuhörer alsdann einen kurzweiligen Leseabend, bei dem der stellvertretende Vorsitzende der Synode der EKD seine Sicht auf die Bedeutung der Zehn Gebote vornahm. Dabei sprach er aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen an und nahm zugleich auf seine eigenen Erfahrungen und Entscheidungen Bezug.

Das erste Gebot »Ich bin der Herr dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir« versteht Beckstein nicht nur als eine Mahnung, der zunehmenden Vergötzung von Macht, Geld oder Körperkult zu erliegen. Für ihn bedeutet es auch die Aufforderung, sich auf respektvolle Weise mit anderen Religionen auseinander zu setzen. »Nichtsdestoweniger bin ich überzeugt, dass die christliche Religion die richtige ist«. Im Zusammenhang mit dem zweiten Gebot »Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen«, setzte er sich mit dem »C« im Parteinamen der Union auseinander. Für ihn ist es ein Zeichen der gelebten Ökumene. Der 67jährige sagte dabei, er könne sich noch an die Zeiten erinnern, als Katholiken und Protestanten einander nicht besonders wohl gesonnen waren. »In meiner Kindheit wuschen die katholischen Schwestern in unserer Nachbarschaft an Karfreitag die Wäsche. Wir dagegen klopften demonstrativ an Fronleichnam die Teppiche aus«, erzählte er. Die nach dem Krieg gegründete CDU/CSU sollte deshalb eine politische Heimat für alle Christen werden.

Die besondere Bedeutung von Sonntagen und Feiertagen hob Beckstein aus dem 3. Gebot hervor. »Der freie Sonntag hilft uns, das Leben frei von allen ökonomischen Gedanken zu betrachten. Wir brauchen einen Tag zum Nachdenken und Vordenken«.

Vater und Mutter ehren – für den CSU-Politiker ist es eine Aufforderung zur Generationengerechtigkeit. In dem vierten Gebot liege nicht allein der Appell, sich um die alt gewordenen Eltern zu kümmern, sagte er. Er sieht darin ebenso die Verpflichtung, seinen Kindern Liebe und Zuwendung gegeben zu haben. Die Klagen gegen Kinderlärm und Kindergärten in der Nachbarschaft hält Beckstein für ein Zeichen der Inhumanität. »Es ist unmenschlich, Kinderlachen und Kindergeschrei mit Flugzeuglärm zu vergleichen«.

Die Ehe bezeichnete Beckstein als ein »gutes Geschenk«, das man nicht leichtfertig aufgeben sollte, selbst wenn es Tiefpunkte in einer Beziehung gebe. »Natürlich gibt es Situationen, in denen auch eine Trennung eine vernünftige Entscheidung sein kann«. In diesem Zusammenhang äußerte Beckstein sein Unverständnis gegenüber der katholischen Kirche, die den Geschiedenen die Kommunion verweigere.

Verleumdungen, üble Nachrede seien Vergehen, die man nicht an anderen begehen sollte. »Manchmal sagt man nicht alles was man weiß oder schwächt sein Wissen um etwas ab«, sagte er selbstkritisch. Aber bewusste Irreführung habe er selbst im politischen Leben nicht begangen. Das 9 und 10. Gebot ließ ihn über die Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung nachdenken. »Der Kapitalismus braucht einen sozialen Rahmen«.

Beckstein vermittelte seine Freude am christlichen Glauben, der jedem die Ebenbildlichkeit Gottes verheiße und jeden Menschen als wertvoll betrachte. Bei seinem politischen Engagement habe er sich stets der »Zwei-Reiche-Lehre« Martin Luthers verpflichtet gefühlt. »Der Christ soll auch dem weltlichen Recht dienen und sich nicht scheuen, trotz ethischer Konflikte auch schwierige Ämter zu übernehmen und stets dem Allerhöchsten verantwortlich zu sein«.

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