24. Mai 2010, 20:32 Uhr

Bayern-Fans litten beim Champions-League-Finale

Gießen-Lützellinden (fd). Dass man sich nach dem Schlusspfiff weinend in den Armen liegen würde, das war den Fans des FC Bayern am Samstag bereits lange vor Spielbeginn klar. Schließlich ging es für ihren Verein gegen Inter Mailand um den Gewinn der Champions League. Die Frage war nur: Würden es Tränen der Trauer oder Tränen der Freude sein?
24. Mai 2010, 20:32 Uhr
Zuerst noch singend und voller Hoffnung verfolgten Gießener Bayern-Fans am Samstag in Lützellinden das Spiel in Madrid - ab der 70. Minute war die Stimmung aber dahin. (Foto: fd)

Eingeladen vom Gießener Fanclub, den »Bulls«, beschworen rund 60 Fans im Dorfgemeinschaftssaal zu Lützellinden den »Geist von 2001«, als die Bayern zum letzten Mal den Wettbewerb gewinnen konnten. Auf einer Großbildleinwand wollten sie verfolgen, wie der Triumph von damals wiederholt wurde. Es sollte anders kommen. Ein Hausbesuch.

Lange bevor Diego Milito, der spätere Spielverderber weil Doppeltorschütze für Inter Mailand, zum ersten Mal vor dem Tor von Hans-Jörg Butt auftaucht, lange gar bevor Schiedsrichter Howard Webb die Partie überhaupt anpfeifen kann, tritt erstmals für kurze Zeit betretene Stille auf im Dorfgemeinschaftssaals zu Lützellinden: »Das Weißbier ist aus!«, raunt einer von den hinteren Sitzreihen. Der Schreck der Fans löst sich auf, als der Schelm als solcher enttarnt ist. Protest wird laut, als hätte der rüde Walter Samuel bereits zu einem seiner bald folgenden Tritte gegen Arjen Robben angesetzt: Keine Scherze über den Biervorrat!

Dann sind die Public-Viewing-Regeln geklärt, es darf angepfiffen werden: Bereits die eingangs von Sat1-Kommentator Wolff-Christoph Fuss in vollem Ernst vorgetragene Analyse (»Am Anfang ist alles offen. Elf gegen elf.«) geht unter im Gesang der »Bulls«-Runde. Als Hommage an den niederländischen Erfolgstrainer Louis van Gaal werden »Tulpen aus Amsterdam« besungen. Umgehend schließen vor den offenen Fenstern des Dorfgemeinschaftssaals die Nachbarn die Balkontüren. In den nächsten 90 Minuten verpassen sie somit zahlreiche Beispiele deutschen Liedguts (»FC Bayern, Stern des Südens, Du wirst niemals untergehen!«), intoniert in zunehmend heiserem Gegröle. Dazwischen mischen sich unzählige - mal mehr, meist weniger kreative, durchgehend aber nicht zitierfähige - Hasstiraden gegenüber diversen Inter-Spielern und gerade in den Sturm- und Drangphasen der Mailänder immer wieder die eindringlich wie anerkennend gebrüllte Nachricht: »Butt! Butt! Butt!«

Zumindest bis zur 34. Minute. Dann nämlich wird Hans-Jörg »Butt! Butt! Butt!« Butt erstmals überwunden: Diego Milito bringt mit seinem ersten Treffer die große Stille über den Saal. Sapperlot! Die Schockstarre hält rund 20 Sekunden, dann schnellt der Weißbierumsatz in die Höhe, und die Gesänge setzen wieder ein: Mund abwischen und weiter. Nur die Sat1-Regie ist unkooperativ: Sie zeigt die Wiederholung aus allen erdenklichen Winkeln in den folgenden Minuten gefühlte 18-Mal: »Ach komm, jetzt reicht’s. Aber ein schönes Ding war’s wirklich«, presst sich ein Bayern-Fans schließlich widerwillig durch die Lippen.

Kurz darauf pfeift Schiedsrichter Howard Webb zur Halbzeit, in der Sat1 seine Zuschauer im Quiz fragt, wie der Trainer des FC Bayern heißt: Van Gaal oder van Gogh? Die »Bulls« interessiert mehr, wie es weitergeht. Sie befürchten, dass der als Defensivstratege bekannte Inter-Trainer José Mourinho vorhat, eine Mauer zu errichten: »Die werden alles dicht machen. Jetzt wird es ganz schwer durchzukommen.«

Direkt nach dem Wiederanpfiff hat Thomas Müller den Ausgleich auf dem Fuß, scheitert aber an Mailands Hintermann, der den »Butt! Butt! Butt!« macht. Die Verwünschungen sind nun fast noch lauter und noch weniger zitierfähig als beim Gegentor. In der 69. Minute brechen dann alle Dämme, als der unverschämt flinke Diego Milito zum zweiten Mal trifft und die Meinung der »Bulls«-Experten zur Innenverteidigung der Bayern bestätigt: »Demichelis und van Buyten? Das sind zwei unbewegliche Holzfäller!«

Rund 60 Männer und einige Frauen in Lützellinden verfallen in betretenes Schweigen. Kommentator Fuß versucht noch verzweifelt, die Stimmung zu retten (»Immerhin haben sie jetzt noch Ziele«), doch im Dorfgemeinschaftssaal zu Lützellinden interessiert das keinen mehr. Die »Bulls« sehen sich eher in der Tradition des ehemaligen Fußballprofis und Bolzplatz-Philosophen Eric Meijer, der einst scharf analysierte: »Nichts ist scheißer als Platz zwei.«



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