09. März 2017, 06:00 Uhr

Wohnen am Deich

Bauprojekt bleibt umstritten

Zwischen Schützenstraße und Hochwasserdamm sollen 60 neue Wohnungen entstehen. Doch Anwohner üben Kritik an dem Vorhaben. Wir erläutern die Hintergründe.
09. März 2017, 06:00 Uhr

Bäume wurden in den letzten Februartagen gefällt, Kleingärten abgeräumt und die Erde planiert: Zwischen der Schützenstraße und dem Hochwasserschutzdamm ist alles für ein größeres Bauprojekt angerichtet. Am Mittwochmorgen wurde zudem der Kampfmittelräumdienst erwartet, um das knapp ein Hektar große Gebiet auf die Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs abzusuchen. Denn dort wird in den nächsten Jahren ein weiteres Wohngebiet mit 60 neuen Wohnungen, verteilt auf etwa ein Dutzend Bauplätze, entstehen. Am 30. März soll das Stadtparlament den Bebauungsplan »Schützenstraße Nordost« abschließend beraten und als Satzung beschließen. Das nicht unumstrittene Projekt Wohnen am Deich kommt also.

Von einigen Anwohnern wurde die Planung nämlich von Anfang kritisiert. Sie lehnen die »Hinterhofverdichtung« der Schützenstraße und die Überbauung der Kleingärten ab, sprechen von »Naturzerstörung«, bezweifeln den Bedarf an Wohnungen, befürchten eine Zunahme des Verkehrs und negative Auswirkungen auf die Grundwasserhaltung, wenn eine weitere Tiefgarage entsteht. Fast 120 Seiten umfasst die Abwägung dieser Kritikpunkte und Anregungen, die das Stadtplanungsamt seit der frühzeitigen Bürgerbeteiligung und der Offenlegung der Pläne im vergangenen Jahr abarbeiten musste.

Entsprochen wurde diesen Eingaben nur in wenigen Punkten. Unter anderem wird der Magistrat die Weststadt ab sofort nicht mehr als »Problemstadtteil« bezeichnen; eine Formulierung, gegen die sich ein Bewohner verwahrt hatte. Bei der Versammlung der Bürgervereinigung Sachsenhausen mit Planungsdezernent Peter Neidel war das Wohngebiet allerdings kein bestimmendes Thema.

Aus Sicht der Stadt, die auf das Wohnraumversorgungskonzept verweist, ist der Bedarf an Wohnungen auch an dieser Stelle unbestritten. Sie spricht von einer »anhaltenden Nachfrage« nach Baugrundstücken, sowohl für den Geschosswohnungsbau als auch für Einfamilien- und Doppelhäuser. Der Standort mit der Nähe zur Lahn und der Innenstadt sei »attraktiv« und rechtfertige eine behutsame bauliche Nachverdichtung.

Der Bebauungsplan legt zwar die Zahl der Wohnungen nicht fest, aber die Stadt geht von etwa 60 neuen Einheiten aus. Ein Bebauungsvorschlag aus dem Sommer 2016 zeigt 13 neue Häuser. Die Planung ermöglicht eine nach Höhen gestaffelte Bebauung. Zur Schützenstraße hin können drei plus ein Staffelgeschoss errichtet werden, zum Damm hin fällt die Bebauung zwei- und eingeschossig ab. Mitten im dem neuen Wohngebiet werden zwei ältere Wohnhäuser stehenbleiben, die von den Neubauten dann quasi umzingelt sein werden.

 

Halle für Schaustellerbetrieb

 

Dagegen wird das verwunschene, aber schon lange nicht mehr bewohnte Backsteinhäuschen mit der Adresse Schützenstraße 44 abgerissen, um Platz für die Einmündung einer siebeneinhalb Meter breiten Straße zu schaffen. Sie wird das Gebiet erschließen und das bisherige Stichsträßchen ersetzen. An deren Ende führte ein enger und verwinkelter Fußweg zum Damm. Dieser Pfad wird durch einen vier Meter breiten, geraden Rad- und Fußweg ersetzt. Von den besagten Fällungen nicht betroffen waren einige das Gebiet prägende Bäume, darunter auch die angeblich größte Eiche der Weststadt.

Bestandteil der Planung ist auch die Neuordnung des Lagerplatzes eines Schaustellerbetriebs. Dem in Gießen bekannten Unternehmer soll durch einen Flächentausch unter anderem ermöglicht werden, eine Halle zu errichten. Die Stadt geht davon aus, dass mit der Halle die Lärmbelastung durch rangierende Fahrzeuge abnehmen wird.

Eigentümer der von der Bebauung betroffenen Gärten hatten laut Stadt vor Jahren Interesse an einer Bebauung bekundet und die Planung ausgelöst. Dass dort Wohnhäuser gebaut werden können, sieht der städtische Flächennutzungsplan ausdrücklich vor. Erleichtert wird das durch die Eindeichung, denn jetzt liegen die Flächen nicht mehr im Überschwemmungsgebiet der Lahn.

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