05. November 2018, 06:00 Uhr

Banküberfall

Bankraub: Ein Delikt mit Seltenheitswert

In Musik, Literatur oder Kino wird der klassische Bankraub oft verklärt. Dabei handelt es sich um eine schwere Straftat. Banküberfälle sind zu einem Delikt mit Seltenheitswert geworden..
05. November 2018, 06:00 Uhr
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Von Kays Al-Khanak
Banküberfälle in der Stadt sind selten geworden. 2010 zum Beispiel erbeutete ein Räuber etwa 2000 Euro in der damals noch existierenden SEB-Bank am Lindenplatz. (Foto: Archiv)

D as Bankräuberleben war schon mal einfacher. Bertolt Brecht schrieb in seiner Dreigroschenoper: »Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?« Tenor: Wer eine Bank ausraubt, der gehört moralisch zu den Guten, weil er sich gegen die Institution, gegen Geld und Macht wehrt. Zugegeben: Es waren die Tresorknacker, die klammheimlich bewundert Eingang in Musik, Literatur und Kino fanden. Nur: Der Typus des Bankräubers mit Sturmhaube und Knarre taucht seit einigen Jahren immer weniger in den Polizeiberichten auf.

Die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Banküberfälle in 2015? Fehlanzeige. 2016 waren es im Landkreis vier, in der Stadt Gießen zwei. 2017? Wieder Fehlanzeige. Und in diesem Jahr: Null. Polizeisprecher Jörg Reinemer kann sich daran erinnern, dass die Zahlen in den 1990er und 2000er Jahren höher waren. Viel höher. »Aber die Banken haben seitdem massiv in Sicherheitsvorkehrungen investiert«, sagt er.

Das bestätigen auch heimische Geldinstitute. Ein Sprecher der Volksbank Mittelhessen nennt drei Gründe, warum der Bankraub mit Maske und Waffe kaum noch verübt wird. Es gebe keine offenen Bargeldbestände mehr in den Banken und somit keine Kassen. Das Geld werde über Automaten ausgegeben. Außerdem seien die für die Mitarbeiter erreichbaren Geldbestände deutlich niedriger als früher – und dazu noch mit Zeitschlössern gesichert. Hinzu kommt: Die Täter wüssten oftmals, dass die Überwachungstechnik im Vergleich zu früher deutlich verbessert worden sei, sagt der Volksbank-Sprecher. Eine Sprecherin der Sparkasse Gießen ergänzt, das Geldinstitut befolge »stringent die Empfehlungen der Polizei, der Mitarbeiter des LKA, mit denen wir unsere Sicherungssysteme abstimmen, sowie die Hinweise der Versicherungen zur Absicherung«. Außerdem würden die technischen Sicherheitsvorkehrungen permanent optimiert.

Hinzu kommt eine Aufklärungsquote, die laut Reinemer bei fast 100 Prozent liegt. Nach einem Bankraub werden schnell bis zu 30 Ermittler eingebunden. Sie sichern Spuren, fragen Zeugen, ob ihnen vor oder nach der Tat etwas aufgefallen ist. »Denn die Täter halten sich oftmals vor dem Überfall in der Nähe der Bank auf, um die Lage auszubaldowern.« Hinzu kommt: So mancher Räuber prahle früher oder später mit seiner Tat – und kann so überführt werden.

Auch ein Grund, warum die Zahlen so niedrig sind: Die Bankräuber, die gefasst werden, sitzen oftmals mehr als fünf Jahre im Gefängnis. Reinemer: »Die Täter sind weggesperrt, können also nicht weitermachen.« Ein Indiz dafür, dass Bankräuber Wiederholungstäter sein können. Auf einen bestimmten Typus lassen sich die Täter aber nicht festlegen. Es können überregional operierende Banden sein, die ihr Ganovenhandwerk von der Pike auf gelernt haben und nur davon leben. Es können aber auch Menschen aus der Region sein, denen finanziell das Wasser bis zum Hals steht: Privatinsolvenz, Spielschulden, etc.

Sind die Geldautomaten-Sprenger die neuen Bankräuber? Reinemer verneint: Diese Täter verfügten über ein weitaus höheres technisches Know-how, würden durch die Explosion auch viel größere Risiken eingehen. Die Polizei beobachtet jedoch, dass es in letzter Zeit häufiger Poststellen, Spielotheken, Wettbüros oder Tankstellen trifft. Die Ermittler versuchen, mit Aufklärungsarbeit gegenzusteuern. Genauso wie Geldinstitute beraten sie Inhaber bei Fragen rund um deren Sicherheitskonzept. Reinemer sagt, oftmals würden einfache Mittel helfen. Das Geschäft sollte zum Beispiel gut einsehbar und ausreichend beleuchtet sein. Es wird empfohlen, so wenig Bargeld wie möglich vor Ort zu lagern. Zeitschlösser für Tresore seien ebenfalls ein probates Mittel, Ganoven abzuschrecken.

Die Polizei ist sich sicher: Lassen sich immer mehr Inhaber von Tankstellen, Wettbüros und Co. beraten, werden die Ganoven auch davon die Finger lassen.

Info

Sensibilisieren und unterstützen

Wer sich zu Bankkaufmann oder -frau ausbilden lassen will, wird bereits in der ersten Lehrwoche mit dem Thema »Überfall« konfrontiert. Nach einer Schulung werden die Azubis mit den Sicherheitsvorkehrungen der Filiale vertraut gemacht. Danach besuchen sie Kurse. Erste Lektion: Auf keinen Fall den Helden spielen. Auch wenn Mitarbeiter immer mit dem Fall der Fälle rechnen müssen – ein Überfall belastet Opfer extrem. Für die Banken stehen deshalb Psychiater bereit, die die Angestellten auffangen sollen. Es gibt außerdem die Möglichkeit, an Übungen teilzunehmen oder eine Therapie zu machen.



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