18. Januar 2016, 16:03 Uhr

Banales Kopfkino bei »Film fürs Theater« im Stadttheater

Fällt ein Theaterstück bei der Uraufführung durch, bedeutet das meist den Todesstoß. So erging es auch »Mao und Ich« von Ulrike Syha 2013 am Nationaltheater Mannheim. Das Stadttheater Gießen gibt ihrem »Film fürs Theater« nun eine zweite Chance. Doch auch diese Aufführung kann die gravierenden Schwächen nicht ausbügeln.
18. Januar 2016, 16:03 Uhr
(Foto: Wegst)

Ein ambitioniertes Regieteam, ein spielfreudiges Ensemble, aus dem Off gesprochene Regieanweisungen, filmische Elemente zur Auflockerung und ein in seiner Reduktion ansprechendes Bühnenbild – eigentlich hätte dieser Premierenabend das Zeug dazu gehabt, ein gelungenes Beispiel dafür zu sein, dass man einem Theaterstück durchaus eine zweite Chance geben sollte. Doch wenn das Stück einfach nicht gut ist, dann nutzen solche Anstrengungen nichts. So erlebten es die Zuschauer am Samstagabend im Großen Haus des Stadttheaters mit »Mao und Ich« der jungen Dramatikerin Ulrike Syha. Deutlich zu lange zweieinviertel Stunden dauerte die Inszenierung von Dirk Schulz – und auch wenn es durchaus unterhaltsame Momente gab, bleibt ein fader Nachgeschmack.

Schuld ist das Stück an sich, denn das was Syha dort über den modernen Menschen auf der Suche nach sich selbst in der modernen Welt erzählt, ist so banal und trotz der Wortflut ohne Tiefe, dass es an Zeitverschwendung grenzt, dem Treiben zuzuschauen.

Erzählt wird von Marek und Ruth, zwei Studienfreunden in ihren Vierzigern, die auf einem Kongress in Zentralchina auf der Flucht vor sich selbst sind. Mit der Wahrheit nehmen es beide nicht sehr genau und hüten ihre Geheimnisse. Während sie in einer eher freudlosen Ehe festsitzt, gaukelt er seinen zahlreichen Affären erfundene Abenteuerbiografien vor und kann den Konflikt zu seinem Stiefvater, dem prominenten Dokumentarfilmer Lars, nicht lösen. Im chinesischen Kongresshotel betreten immer wieder fremde Gestalten die Szene, deren Beziehungsgeflecht der Regisseur im Programmheft gar ein eigenes Schaubild »Wer mit wem und wann« widmet. Die Verbindungen untereinander werden am Ende des Stücks aber nur schlaglichtartig skizziert und entpuppen sich als simple Affären und Geschäftsbeziehungen. Für eine echte Theaterhandlung reicht das alles nicht.

Regisseur Dirk Schulz und Fabian Kühlein, der mit seiner Musik eine Art Hörspiel fabriziert und aus dem Off mit filmtechnischen Randbemerkungen erheitert (schließlich behauptet Syha, ihr Stück sei »ein Film für das Theater«), geben sich alle Mühe, die rasche, aber viel zu stark ausufernde Szenenfolge interessant zu machen. Bühnenbildner Bernhard Niechotz nutzt die Drehbühne mit dem Symbol der aufgehenden gelb-roten Sonne und einer variabel nutzbaren Hochhausglasfassade, um filmische Zooms und Kamerafahrten zu imitieren.

Stimmen aus dem Off

Requisiten gibt es nur wenige, schließlich will die Regie das Kopfkino beim Zuschauer anschalten und liefert mit dem typischen Projektorengeratter auch gleich die akustische Untermalung dazu. Rainer Domkes Stimme erklingt mit Syhas ausführlichen, aber dann doch auch wieder nicht zum Gespielten passenden Regieanweisungen aus dem Off, und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, einen Film mit gesprochenen Untertiteln für Blinde zu sehen. Aber dennoch bleiben von diesem Abend hauptsächlich Standbilder in Erinnerung. Zwei Menschen stehen auf der Bühne und quatschen sich voll – dieses Schema wiederholt sich immer wieder. Auch wenn kleine groteske Zwischenspiele – etwa der in Gummistiefeln Tai Chi machende Wetterstein oder die im »perfekt sitzenden Rock« flirtende IT-Mitarbeiterin im Schnellboot – immer wieder für Lacher sorgen, ist das auf Dauer langweilig.

An der Leistung der Schauspieler gibt es an diesem Abend kaum etwas auszusetzen, wirklich retten können sie ihn aber nicht. Gast Oliver Jaksch grantelt sich als frustrierter Marek durch den Abend, dass es eine Freude ist, seinen Tiraden zuzuhören. Dass diese Figur von der Aufklärung, der Postmoderne und der Emanzipation offenbar nur die Maximen der Postmoderne begriffen hat, gehört zu den interessantesten Aspekten. Carolin Weber als Ruth hat es da schon bedeutend schwerer, ihrer Rolle Kontur zu geben. Diese Ruth ist einfach zu oberflächlich angelegt, als dass sie tieferen Eindruck hinterlassen würde. Beatrice Boca wechselt souverän zwischen ihren unterschiedlichen Rollen, spielt mal die alleinerziehende Physiotherapeutin auf Männersuche, mal die auf Sexbombe getrimmte Kongressteilnehmerin. Roman Kurtz gibt den eitlen Stiefvater und Macho-Dokumentarfilmer, Christian Fries mimt mit zu leiser Stimme die eher emotionslosen Ehemänner,. Liebhaber und Geschäftstypen. Milan Pesl darf als grotesker Wetterstein mit ordentlich Klamauk unterhalten. Sie alle reden und reden und können dennoch nicht vergessen machen, dass die dramatische Grundlage ihres Spiels eher dürftig ist. »Mao und Ich« bietet einfach nicht das Zeug für einen guten Theaterabend. Noch eine Chance sollte man diesem Stück besser nicht geben. Das Stadttheater tut dies dennoch in weiteren Vorstellungen: am 30. Januar, 12. und 28. Februar und 3. April, jeweils um 19.30 Uhr. Karola Schepp

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