27. Mai 2019, 22:12 Uhr

Bahoz-Prozess

Bahoz-Prozess in Gießen: Blutlachen im Paradies

Im November kam es in einer Bar in der Gießener Weststadt an drei Tagen zu regelrechten Gewaltexzessen. Beim zweiten Prozesstag vor dem Gießener Landgericht machte einer der sechs Angeklagten detaillierte Angaben zu den Ereignissen.
27. Mai 2019, 22:12 Uhr
In dieser Bar an der Rodheimer Straße sind im November sieben Männer schwer misshandelt worden. (Foto: Schepp)

Das Paradies passt genau in eine Ecke mit Loungemöbeln aus Europaletten. Die riesige Fototapete an der Wand der Bar an der Rodheimer Straße zeigt einen Steg, der in ein azurblaues Meer hineinragt; am Himmel lungern ein paar Schäfchenwolken herum. Hier in diesem idyllischen Teil der Bar haben sich im November regelrechte Gewaltexzesse abgespielt: Sieben Männer wurden an drei Tagen hierhin entführt, mit Bambusstöcken, einem Hammer und einer Rohrzange misshandelt; einem Mann wurde ins Bein geschossen. Nachdem am Landgericht Gießen vor zwei Wochen die Anklage verlesen wurde, stand am Montag die Aussage eines der sechs Angeklagten im Mittelpunkt.

Der 35 Jahre alte Mazedonier war nach eigenen Angaben an zwei von drei Tattagen an den Misshandlungen beteiligt. Mit 18 Jahren, sagt er, sei er nach Deutschland gekommen, habe in einem Dönerladen und später als Gerüstbauer in Gießen gearbeitet. Dort habe er den Hauptangeklagten, den Kopf der ehemaligen kurdischen Gruppe Bahoz, kennengelernt: »Ich habe ihn immer ›Großer Bruder‹ genannt.« Als der in Biebertal lebende »große Bruder« ein Mordkomplott von »Verrätern« gegen sich gewittert habe, habe er den 35-Jährigen und »die Jungs« der Gruppe zu sich gerufen. »Wer will mit mir diesen Weg gehen«, habe er sie gefragt, schildert der Angeklagte weiter. Wer dagegen sei, solle gehen. Alle seien geblieben.

Misstrauischer »große Bruder«

Der 35-Jährige sackt in dem Gerichtsaal in sich zusammen. Er hält die Hände vor seine Augen, senkt seinen Kopf und murmelt »Scheiße, scheiße«. Kurz muss der Prozess unterbrochen werden, damit sich der Angeklagte sammeln kann. Dann geht er ins Detail: Am ersten Tattag, dem 6. November, seien drei Männer nacheinander in die Weststadt-Bar gebracht worden. Der Kopf der Gruppe habe einen von ihnen aufgefordert, mit ihm zu boxen. »Warum schlägst du mich, großer Bruder«, habe dieser Mann den Boss gefragt. Als Antwort sei er von den anderen Anwesenden in die sogenannte Paradiesecke der Bar gebracht worden. Hier sei er mit Bambusstöcken geschlagen worden.

Anschließend habe der 35 Jahre alte Angeklagte auf Geheiß des Biebertalers zwei Weinflaschen auf den Boden stellen müssen. Der Entführte sei vor die Wahl gestellt worden: Wenn er nicht rede, würde er entweder eine Kugel verpasst bekommen oder müsse sich auf eine Flasche setzen. Der Bedrohte habe sich für die Kugel entschieden. Daraufhin habe der »große Bruder« abgedrückt. »Wir dachten, es wäre eine Gaspistole«, sagt der 35 Jahre alte Mazedonier. Eine Fehleinschätzung. Kurios: Der Angeschossene hat laut Aussage des Angeklagten nicht ins Krankenhaus gewollt, sondern lieber dem Schützen seine Treue beweisen wollen. In der clubeigenen Whatsapp-Gruppe habe es später geheißen, »Schwarze« hätten ihm aufgelauert und auf ihn geschossen«.

Der 35-Jährige erzählt, dass der Biebertaler nur noch Verräter um sich herum gewittert habe. Auch er als sein Freund habe sich wiederholt ausziehen und kontrollieren lassen müssen. Geschehen sei ihm nichts - im Gegensatz zu den vier Männern, die am 16. November in die Bar an der Rodheimer Straße gebracht worden seien. Sie seien mit Schnürsenkeln gefesselt und anschließend misshandelt worden.

Erst seien auf ihren Rücken Bambusstöcke zerschlagen worden, dann habe der Kopf der Gruppe auf ihre Finger mit einem Hammer eingeschlagen. »Ich hatte Angst, wenn ich nicht mitmache, bin ich der nächste«, sagt der Mazedonier. Auch nach diesem Gewaltexzess spinnen die Betroffenen eine Legende: Sie wollten von den Ereignissen nichts verraten, ihre Wunden stattdessen mit Folgen einer Prügelei vor einer Discothek erklären. Der 35-Jährige erzählt, er habe sich danach bei einem Cousin in Bayern versteckt. Aus Angst, er werde das nächste Opfer sein.

Seit wann der Biebertaler einen Komplott gegen seine Person wittere, will der Vorsitzende Richter Jost Holtzmann vom Mazedonier wissen. »Das ist schon länger her«, antwortet der 35-Jährige. »Er hat immer gesagt, die Kripo sei hinter ihm her.« Die beiden Männer seien sehr eng miteinander befreundet gewesen - »bis er Kokain nahm«, sagt der Angeklagte über seinen »großen Bruder«. »Danach hat er sich verloren.«

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