21. Januar 2019, 14:00 Uhr

Bahnhof

Bahnhofsmission Gießen: Anlaufstelle am Abstellgleis

Wie alt die Bahnhofsmission in Gießen ist, weiß niemand so genau. Fest steht aber: Die Männer und Frauen mit den blauen Westen helfen jeden Tag etlichen Menschen, für die der Zug abgefahren ist.
21. Januar 2019, 14:00 Uhr
Margret Keuler (l.) und Christine Wessely helfen in der Bahnhofsmission Menschen in Notlagen. (Foto: Schepp)

Ein älterer Herr mit zerrissener Jacke betritt die Bahnhofsmission. Er erbittet eine Tasse Kaffee. »Möchten Sie vielleicht auch ein Brot? Mit Wurst oder Marmelade?« Über das freundliche Angebot der Dame in der blauen Weste scheint der Senior überrascht zu sein, er nimmt es aber gerne an. Die kalten Hände um den Becher klammernd peilt er einen Sitzplatz in der Ecke an. Vorher blickt er aber noch einmal Richtung Tresen. »Dankeschön.«

Solche Szenen spielen sich Tag für Tag in der Gießener Bahnhofsmission ab. Während wenige Meter weiter Menschen zur Arbeit fahren oder Familie und Freunde besuchen, sitzen hinter der weißen Tür an Gleis 1 meist Männer und Frauen, die keine Arbeit haben. Und auch niemanden, den sie besuchen könnten. »Ihnen geht es in erster Linie nicht um ein kostenloses Frühstück«, sagt Missionsleiterin Christine Wessely. »Meistens wollen sie sich unterhalten. Sie sind einsam.« Das offene Ohr, es ist das wichtigste Gut des über 20-köpfigen Teams. Die ehrenamtlichen Helfer bieten aber auch Auswege aus echten Notlagen. So war das schon vor 100 Jahren.

Wir schreiben das Jahr 1894. Die Hochindustrialisierung ist im vollen Gange, die Wirtschaft boomt. Viele Frauen suchen ihr Glück in den Städten. Sie wollen Dienstmädchen oder Fabrikarbeiterinnen werden – stattdessen landen viele auf dem Strich. Weil sie am Bahnhof an die falschen Leute geraten sind. Der Berliner Pfarrer Johannes Burckhardt will das ändern und gründet die erste Bahnhofsmission.

 

Unverzichtbarer Service

Wann die Gießener Einrichtung gegründet worden ist? Wessely zuckt mit den Schultern. »Das weiß niemand so genau.« Auch Holger Claes, Leiter der Trägerorganisation Diakonie, kann bei dieser Frage nicht weiterhelfen. »Vermutlich während des Ersten Weltkriegs«, sagt er. Die Aufzeichnungen darüber gingen wohl im Zweiten Weltkrieg verloren.

Die Kriege waren es auch, die das Gesicht der Bahnhofsmission veränderten. Kriegsversehrte und Flüchtlinge mussten umsorgt werden. »Damals stand nur ein kleiner Tisch am Gleis«, sagt Wessely. Als dann später die »rübergemachten« Menschen aus der DDR von der Mission empfangen wurden, gab es immerhin schon eine Baracke.

 

Hilfe im Großen und im Kleinen

Die heutigen Räumlichkeiten stellt die Deutsche Bahn der Hilfsorganisation kostenlos zur Verfügung. Wobei kostenlos das falsche Wort ist. Schließlich bieten die ehrenamtlichen Helfer einen unverzichtbaren Service an. »Wir unterstützen zum Beispiel Menschen, die beim Umsteigen Hilfe benötigen. Oder wenn Fahrgäste gestürzt sind oder im Sommer wegen der Hitze Kreislaufprobleme haben«, sagt Margret Keuler. Die 70-Jährige ist Wesselys Stellvertreterin, dienstältestes Teammitglied und so etwas wie die gute Seele der Bahnhofsmission. In den 20 Jahren, die sie nun schon am Bahnhof ehrenamtlich hilft, hat sie viel erlebt. Sie hat bei abgerissenen Knöpfen Nadel und Faden gereicht, aber auch suizidgefährdeten Menschen Hoffnung geschenkt. Sie lag beinahe lachend auf dem Boden, als ein Obdachloser die Mission mit seinen Theorien über das britische Königshaus unterhielt. Ihr blieb aber auch die Luft weg, als ein Mann einen Herzinfarkt erlitt. Oder als eine geflüchtete Frau völlig erschöpft mit ihrem am Vortag geborenen Kind in der Mission aufschlug. Mit starken Nachblutungen, ohne Kraft, ihr Neugeborenes zu halten, geschweige denn zu stillen. »So etwas verfolgt einen auch zu Hause«, sagt Keuler.

Die geflüchtete Frau, die dank der Bahnhofsmission im Krankenhaus versorgt wurde, wird auch Wessely so schnell nicht vergessen. Es gibt aber auch viele herzerwärmende Begegnungen, die sich ihr eingebrannt haben. Zum Beispiel jener Stammgast, der viele Jahre obdachlos und alkoholkrank war, dann aber die Kurve kriegte und noch heute regelmäßig zu Besuch kommt und den Mitarbeitern selbstgemachte Marmelade mitbringt. »Oder der Punker«, sagt Wessely. Bei den regelmäßigen Spendensammlungen habe sie mal einen Mann mit bunten Haaren und Sicherheitsnadeln im Gesicht angesprochen. »Er hat mich dann von oben bis unten angeguckt. Ich dachte, jetzt kriege ich einen blöden Spruch. Stattdessen hat er einen Geldschein gezückt.« Wessely lächelt: »Er hat gesagt, dass er gerne eine Spende gebe. Schließlich habe ihm die Bahnhofsmission schon viele Male geholfen.«

Der Punker ist nur einer von abertausenden Menschen, die in der Gießener Bahnhofsmission Hilfe bekommen haben. Allein im vergangenen Jahr waren es über 19 000 Männer und Frauen. »Zu uns kann jeder anonym und ohne Voranmeldung kommen«, sagt Wessely. Sei es für ein offenes Ohr in einer Krisensituation – oder einfach nur für eine wärmende Tasse Kaffee.

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