15. März 2019, 19:00 Uhr

Bahnbetriebswerk

Bahnbetriebswerk Gießen: Ruine oder Museum?

Das Bahnbetriebswerk Gießen droht zur Ruine zu werden. Nun wollen die Behörden es besichtigen. Ein Lichtblick für den Verein, der Pläne mit dem Areal hat?
15. März 2019, 19:00 Uhr
Seit über 15 Jahren ist das Bahnbetriebswerk offiziell nicht mehr zugänglich. (Archivfoto: Schepp)

Zwischen Gleisen sprießen Birken, Brombeeren ranken an verwitterten Mauern empor. Einst arbeiteten bis zu 1300 Menschen im Gießener Bahnbetriebswerk. Heute atmet das Gelände einen morbiden Charme. Den nehmen Gießener indes höchstens im Vorbeifahren mit dem Zug wahr. Das Denkmal im Schienengewirr ist seit über 15 Jahren nicht mehr öffentlich zugänglich. Die Fußgängerbrücke von der Frankfurter Straße her ist verrammelt. Graffiti und andere Hinterlassenschaften belegen, dass mitunter durchaus illegale Besucher einen Weg dorthin finden.

Nun ist das Landesdenkmalamt auf den Verfall der beiden Ringschuppen aufmerksam geworden. Eigentümer müssten Denkmäler »im Rahmen des Zumutbaren erhalten und pfleglich behandeln«, erklärt Katrin Bek, Sprecherin der Behörde. »Außer den offensichtlichen Schäden haben wir leider keine Informationen zum Zustand.«

Deshalb ist nun eine Besichtigung mit der Unteren Denkmalbehörde – angesiedelt bei der Stadt – und der Deutschen Bahn als Eigentümerin geplant. Dabei »hoffen wir genauere Informationen zu erhalten, ob bereits Maßnahmen zur Erhaltung der Lokschuppen geplant sind«, teilt Magistratssprecherin Claudia Boje mit.

 

Als Kulturdenkmal bedeutsam

Die DB hatte in den letzten Jahren auf GAZ-Anfrage erklärt, sie betreibe nur noch »Stillstandsmanagement«. Sowohl die Verkehrssicherungspflicht als auch die Abwehr von Vandalismus sei ihrer Ansicht nach gewährleistet durch die Sperrung der Brücke. Das heißt: Wo niemand offiziell hingelangt, kann auch niemandem das Dach auf den Kopf fallen. Doch reicht das laut Denkmalschutz-Gesetzen aus?

Wir versuchen alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um die Immobilie zu erhalten

Bahn-Pressestelle

Nun lässt die Bahn-Pressestelle wissen: »Die Bedeutung als Kulturdenkmal ist bekannt. Wir versuchen alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um die Immobilie zu erhalten. Dies ist aber sehr kompliziert bei einem Gebäude, welches sich zwischen gefahrenen Strecken befindet.« Klar sei, dass die Bauten »teilweise einsturzgefährdet« sind.

Mietinteressenten gibt es seit Jahren, doch einigen konnten sie sich mit der Bahn nie. Lange träumten die Oberhessischen Eisenbahnfreunde davon, das Gelände zu übernehmen. 2016 wurde der Verein »Historisches Bahnbetriebswerk Gießen« gegründet. Die Idee: Ein »lebendiges Eisenbahnmuseum« im nördlichen – nicht ganz so baufälligen – Ringschuppen. Zum Gelände gelangen könnten Besucher mit einem Pendelverkehr.

Sprecher Gregor Atzbach berichtet auf Anfrage von Verhandlungen mit der Bahn, die den Verein »relativ optimistisch« stimmten, auch wenn ein Vertrag »nicht unbedingt dieses oder nächstes Jahr« zu erwarten sei. Derzeit fehle unter anderem ein Bürge. Unterstützung sei willkommen. Um Geld zu sammeln, seien weitere Sonderfahrten geplant.

 

Erhalt »im Rahmen des Zumutbaren«

Dass die Denkmalbehörden die Bahn zu Reparaturen anhalten könnten, sieht der Verein mit gemischten Gefühlen, erläutert Atzbach. »Je mehr wir selber machen können, desto günstiger würde die Pacht.« Boje versichert, die Stadt begrüße die Initiative.

Unter welchen Umständen kann der Besitzer ein Denkmal aufgeben? Bek erläutert die Rechtslage, von der viele Gießener im Zusammenhang mit Samen-Hahn und der Alten Hauptpost gehört haben: Oberste Priorität habe die Erhaltung. Diese Pflicht gerate an ihre Grenzen, wenn das Gebäude »nicht oder nur unter unzumutbarem Aufwand erhalten werden kann«, etwa weil es nicht mehr standsicher ist. »Ein Abriss ist für die Denkmalbehörden der allerletzte Ausweg.«

Auf Nachfrage erklärt die Sprecherin, die Bahn sei für das Amt nicht immer ein schwieriger Partner. Positive Beispiele für die gelungene Nachnutzung seien das ehemalige Ausbesserungswerk in Limburg oder die Güterhalle in Höchst im Odenwald. Da haben Interessenten die Gebäude freilich gekauft, nicht nur gemietet; und die liegen nicht zwischen viel befahrenen Gleisen.

Info

Einst 1300 Arbeitsplätze

Das Bahnbetriebswerk anderthalb Kilometer südlich vom Bahnhof wurde 1850 errichtet. Die beiden Lokschuppen mit Gleis-Drehscheibe stammen aus den Jahren 1896 und 1900. 1944 schwer zerstört, war das die Bundesbahn-Einrichtung 1952 wieder aufgebaut. Ihre Blütezeit erlebte sie ab 1983: Nach der Zusammenlegung mit den Werken in Dillenburg und Marburg warteten und reparierten 1200 Beschäftigte und 125 Auszubildende dort Lokomotiven und Wagen. 2003 gingen die Lichter aus. Die Wartungsaufgaben wurden in Mainz-Bischofsheim und Kassel konzentriert.

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