03. November 2019, 19:09 Uhr

Promialarm

»Babylon Berlin«-Star Peter Kurth im Alten Flughafen

Andere gehen mit Anfang 60 in Rente, Peter Kurth wurde mit der Serie »Babylon Berlin« zum Fernsehstar. Kein Wunder also, dass der Andrang zu seiner Krimilesung im Alten Flughafen enorm war.
03. November 2019, 19:09 Uhr
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Von Harald Friedrich

Es gibt Fernsehdarsteller, deren Gesicht die Zuschauer über viele Jahre in Nebenrollen begleitet. Und dann, eines Tages, bekommt dieser Schauspieler die Rolle seines Lebens und plötzlich behandeln ihn alle wie einen Star. Peter Kurth ist so einer. Erst mit über 60 Jahren hat die Karriere des gebürtigen Güstrowers, die bis dato mit Auftritten im »Tatort« oder dem preisgekrönten Spielfilm »Herbert« durchaus respektabel war, gewaltig an Fahrt aufgenommen. Als zweilichtiger Kommissar in der Serie »Babylon Berlin« hat der bullig wirkende Mann mit Malocher-Ausstrahlung die Zuschauermassen begeistert.

Drei Premieren auf einmal

Entsprechend groß war der Andrang zu seiner Krimilesung im Alten Flughafen des früheren US-Depots. »Es ist ein bisschen wie Fliegen« scherzte Mitorganisator Marc Schäfer zur Begrüßung der dicht gedrängt sitzenden Zuschauer. Man habe aber möglichst vielen Besuchern eine Chance geben wollen, bat er um Nachsicht. Und Florian Dörr, ebenfalls Organisator dieser Lesung, erinnerte daran, dass der Abend gleich eine dreifache Premiere bedeute: Er sei Peter Kurths erster Auftritt in Gießen, die erste öffentliche Veranstaltung »der Neuzeit« im Alten Flughafen und die erste Krimifestivallesung mit Revikon-Geschäftsführer und Flughafensanierer Daniel Beitlich als Hausherr.

Und der stellte dem prominenten Gast zur Einleitung Fragen. Kurth berichtete vom Casting zu »Babylon Berlin«, bei dem gleich drei Regisseure Anweisungen gegeben hätten. »Nicht alle drei auf einmal, dann wird man gehetzt«, habe er sich damals beschwert - und sei prompt für die Rolle des grantigen Kommissars besetzt worden. Auch von der Zusammenarbeit mit Ulrich Tukur beim letzten Hessen-»Tatort« erzählte Peter Kurth gewohnt knapp. Er habe sich gefreut, in dem »Halbwestern« eine Rolle zu bekommen, in der er sogar mit einem selbstgebauten Flammenwerfer hantieren dürfte. Vor lauter Spaß im Team, habe man aber auch aufpassen müssen, dass man noch vernünftig arbeite.

Auszüge aus »Moabit«

Beitlich gab dann, mit »Eintracht«-Fanschal und noch sichtlich beeindruckt vom hohen 5:1-Sieg der Frankfurter Fußballer gegen die Bayern an diesem Tag, die Devise aus, dass er nun dank Peter Kurth im übertragenen Sinn fest mit einem 6:1 an diesem Abend rechne. Und er sollte Recht behalten. Denn was der Schauspieler dem Publikum darbot, war große Kunst.

Angesichts seines »Babylon Berlin«-Erfolgs war es nur folgerichtig, dass Peter Kurth aus einem Buch von Volker Kutscher las. Der hatte mit »Der nasse Fisch« die Krimivorlage zur Serie geschrieben. Im kleinen, von Kat Menschik hervorragend illustrierten Bändchen »Moabit«, das Marc Schäfer für Kurths Lesung ausgesucht hatte, wird wie in einem Puzzle die Vorgeschichte der Serie über die Zeit der Weimarer Republik erzählt.

»Gießen Gin« unterm E-Klo

Kurth las aus zwei der drei Kapitel, in denen ein Mordanschlag in der Haftanstalt Moabit auf den Kriminellen Adolf Winkler aus unterschiedlichen Perpektiven erzählt wird: im Kapitel über den Bandenchef und »Schränker« in der ungewohnten Du-Form und im Kapitel über den preußisch-korrekten »Wärter« Christian Ritter aus der Ich-Perspektive.

Was Kurth aus den wenigen Seiten machte, war beachtlich. Dass die Zuschauer quasi in Armreichweite vor ihm saßen, schien den Schauspieler eher zu beflügeln, denn zu stören. Dass ihm Schweißperlen auf der Stirn standen, war nicht nur der Wärme im Saal, sondern auch seinem Einsatz mit viel Verve geschuldet. Kurth hatte die Stakkato-Sätze Kutschers und die schnellen Figurenwechsel jederzeit bestens im Griff und unterstrich die Dynamik des Textes mit Gesten und Stimme, sodass man sich als Zuhörer direkt in die Geschichte hineingesogen fühlte. Kurths Stimme - eine markant gepresst wirkende Mischung aus tiefem Brummen und hoher Lage - hätte man noch Stunden lauschen können.

Doch auch die »kuscheligste« Krimilesung geht einmal vorbei und sie klang für den prominenten Gast nicht nur mit begeistertem Applaus, sondern auch mit einer Flasche »Gießen Gin« als Geschenk aus. Ob Kurth sich mit der allerdings, wie er scherzte, in der Nacht noch unter die E-Klo-Unterführung gesetzt hat, darf getrost bezweifelt werden. Schließlich lockten im Foyer des Alten Flughafens allerlei Berliner Köstlichkeiten wie Currywurst und Berliner Weisse.



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