27. Januar 2017, 20:14 Uhr

Auslaufmodell Telefonbuch

»Alle Bücher sind zu dick. Nur dieses nicht«, verkündete der Literatur-Kritiker Marcel Reich-Ranicki. Gemeint war das Telefonbuch, die Rezension fiel positiv aus: »Hier triumphiert die Sachlichkeit!« Junge Leute wissen nicht mehr, wer Reich-Ranicki war. Genauso könnte es dem gedruckten Telefonbuch ergehen.
27. Januar 2017, 20:14 Uhr
Bei den Telefonverzeichnissen hat der Kunde die Wahl, doch die fällt immer mehr zugunsten der Online-Version aus. Der Internetauftritt von »Das Örtliche« etwa bietet zahlreiche Suchfunktionen und kennt die billigste Tankstelle. (Foto: Nici Merz)

Als 1878 in New Haven in Connecticut/USA das erste Telefonbuch der Welt erschien, war dies eine Liste mit 50 Einträgen. Die Zahl der Fernsprechanschlüsse war noch überschaubar. Drei Jahre später wurde in Berlin mit dem »Verzeichnis der bei der Fernsprecheinrichtung Beteiligten« Deutschlands erstes amtliches Telefonbuch herausgegeben, ebenfalls ein noch recht dünnes Heft. Heute listet das Telefonbuch mit seinen verschiedenen Ausgaben und dem regionalen Ableger »Das Örtliche« etwa 100 Millionen private und gewerbliche Kontakte auf.

Ungefähr aus der Zeit der ersten Telefonbücher muss folgender Witz stammen. Sagt der eine zum anderen: »Du hast jetzt Telefon? Wusste ich gar nicht!« Antwortet der andere: »Liest du denn nicht das Telefonbuch?« Auch der 2013 verstorbene »Literaturpapst« Reich-Ranicki hat das Telefonbuch nicht gelesen, zumindest nicht komplett. Er hat Werbung für die Telekom gemacht. Die einzige Prominente, die auf die Frage, welches Buch sie zuletzt gelesen habe, »das Telefonbuch von Osnabrück« antwortete, ist die TV-Blondine Daniela Katzenberger. Das Telefonbuch ist ein reines Nachschlagewerk, aber auch dafür gibt es mittlerweile andere Medien: Computer und Smartphone.

Eine Umfrage im Gießener Seltersweg bestätigt das. »Ich suche mir die Nummern aus dem Internet, am besten direkt mit dem Smartphone«, sagt ein 26-Jähriger aus Lollar. Mit Blick auf das acht Monate alte Töchterchen auf seinem Arm ergänzt er: »Ich glaube nicht, dass sie später einmal ein Telefonbuch brauchen wird.« Auch ein 27 Jahre alter Student zeigt nur auf sein Smartphone: »Bei Google geht das schneller.« Aber selbst bei denjenigen, die ihren 30. Geburtstag längst hinter sich haben, geht die Tendenz eindeutig in Richtung der digitalen Helfer: »Mit dem Handy ist es viel praktischer«, ist ein 38-jähriger Pohlheimer überzeugt. Ähnlich äußerte sich eine 44-jährige Wettenbergerin: »Ein Telefonbuch schleppe ich nicht immer mit mir herum, das Smartphone habe ich dabei.« Sie glaubt, dass nur »die ältere Generation« noch Telefonbücher aus Papier brauche.

Marcus Gaube, Teamleiter beim Telefonbuchverlag Sasse Medien GmbH, sieht das anders. »Die gedruckten Bücher sind noch zeitgemäß«, sagt er. Der Verlag war bis vor zwei Jahren in der Bad Nauheimer Fußgängerzone angesiedelt, nach einem Zusammenschluss mit zwei anderen Telefonbuchverlagen hat er seinen Sitz nun in Leihgestern, druckt »Das Örtliche« für verschiedene Regionen in Hessen. »Unsere Erfahrung ist, dass die Bücher sehr wohl nachgefragt und auch genutzt werden.« Die Auflagenzahlen seien in den letzten Jahren gleich geblieben: Für den Bezirk Gießen druckt Sasse Medien 91 000 Exemplare des »Örtlichen«, für Marburg 75 000, für den Kreis Biedenkopf 31 000. Die Auflage des »Örtlichen« für Bad Nauheim, Friedberg und Umgebung liegt bei 44 000 Exemplaren.

Die Bücher sind nach wie vor kostenlos, finanzieren sich durch Anzeigen von Gewerbetreibenden. Der Verlag gibt nicht nur das gedruckte Buch heraus, sondern betreut auch die Internetseite. Die bietet zahlreiche Funktionen an wie Rückwärts- und Umkreissuche, Geldautomaten-, Weihnachtsmarkt- oder Kinoprogrammsuche. Die Benzinpreissuche verrät, wo man die günstigste Tankstelle in der Umgebung findet. Das kann ein gedrucktes Buch nicht. Das Onlineportal wird monatlich von rund 18 Millionen Nutzern bundesweit aufgerufen.

Auch er höre immer mal wieder, die gedruckte Version sei überflüssig, sagt Gaube. Das sei vorschnell gedacht. Er selbst ist 40 Jahre alt. »Ich gehöre zur klassischen Übergangsgeneration. Aber man muss auch den älteren Nutzern gerecht werden.« Das »Örtliche«, das »Telefonbuch« und die »Gelben Seiten« liegen meist an zentralen Orten aus. Etwa in großen Supermärkten. Aber: Jeder Haushalt bekommt auch ein Exemplar an die heimische Adresse geschickt.

Wer noch mehr Telefonbücher braucht, kann jedoch einfach bei Sasse Medien anrufen – sie werden gratis zugestellt. Die Zeiten, in denen die Post Karten an einzelne Haushalte verschickte, damit sich die Bürger die neuen Telefonbücher abholten, sind längst Geschichte.

Trotzdem kann der sperrig daherkommende Wälzer noch unerwartet inspirierend wirken: Ein 50-Jähriger berichtet, wenn er auf der Toilette sitze, suche er manchmal einfach nach lustigen Namen, rufe die Leute mit dem Handy an und wünsche ihnen einen schönen Tag.

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