15. Februar 2018, 20:49 Uhr

Auf Entfremdung folgt Abschied

Die Kirchen schrumpfen weiter. Nachdem der Austritt formal erleichtert wurde, verlieren vor allem die evangelischen Gemeinden in Gießen verstärkt Mitglieder. Was steckt dahinter? Unter anderem die Kirchensteuer, die schwache Bindung Jugendlicher an die Kirche und eine Luxus-Badewanne.
15. Februar 2018, 20:49 Uhr
Kirchenbänke bleiben leer: Jüngere Bürger fühlen sich immer seltener einer Gemeinde zugehörig. Viele von ihnen treten deshalb irgendwann aus der Kirche aus – oder, wenn sie nicht getauft wurden, gar nicht erst ein. (Foto: dpa)

? Was hat sich beim Kirchenaustritt geändert?

Bis zum 1. März 2017 musste der Kirchenaustritt in Hessen vor dem Amtsgericht erklärt werden. Nun genügt der Gang ins Bürgerbüro. Begründet werden muss der Austritt nicht.

? Welche Folgen hatte diese formale Erleichterung in Gießen?

Im katholischen Dekanat Gießen hat sie sich kaum bemerkbar gemacht, berichtet Dekan Hans-Joachim Wahl im GAZ-Gespräch. Wie in den vergangenen Jahren kehrten etwa 180 Gießener den Gemeinden den Rücken. Die evangelische Kirche verzeichnet mehr Austritte als zuletzt, nämlich 364. Das sind 80 mehr als im Jahr zuvor, erklärt Matthias Hartmann, Sprecher des evangelischen Dekanats Gießen. Er relativiert: »Es sind nur rund ein Prozent, die austreten. 99 Prozent der Mitglieder halten der Kirche die Treue. Doch langfristig wird die Kirche kleiner.«

? Ist das ein neuer Höchststand?

Beide christlichen Kirchen haben 2013/14 besonders viele Mitglieder verloren. Der Skandal um die 30-Millionen-Euro-Sanierung des Limburger Bischofssitzes bewegte auch etliche Protestanten, sich abzuwenden. Die evangelischen Gemeinden in Gießen haben jetzt wieder ein ähnliches Niveau erreicht. Bei den Katholiken gab es 2013 etwas mehr Austritte als jetzt. Der Ärger über die Luxus-Badewanne, die sich Franz-Peter Tebartz-van Elst einbauen ließ, wirkt dort jedoch langfristig nach: Vor 2013 lag die Zahl laut Wahl immer deutlich niedriger als in den Jahren seitdem.

? Was wissen die Kirchen von den Motiven derjenigen, die sie verlassen?

Studien zufolge handle es sich beim Abschied von der Kirche oft um das Ergebnis eines jahrelangen Prozesses, sagt Hartmann. Am häufigsten genannt werde Entfremdung oder fehlende kirchliche Bindung. Dass sich junge Leute keiner heimischen Gemeinde zugehörig fühlen, sei die tiefere Ursache, bestätigt Wahl – akuter Anlass sei dann oft die Kirchensteuer: »Der Löwenanteil ist um die 30 und merkt beim Berufseinstieg, dass die Kirche die Hand aufhält.«

? Versucht die Kirche ihre verlorenen Schäfchen zu kontaktieren?

»Als ich Pfarrer in Bad Nauheim war, habe ich jedem, der ausgetreten ist, einen Fragebogen geschickt. Aber ein Gespräch kam nie zustande«, erzählt Dekan Wahl. Heute hake er nur dann gelegentlich schriftlich nach, wenn er die Betreffenden persönlich kennt. »Ich würde gern die Gründe wissen – zum Beispiel, ob ich der Auslöser war.« Vor ihrer Entscheidung suchen die Zweifelnden eher nicht das Gespräch mit einem Pfarrer, so Wahls Erfahrung. Er hört höchstens einmal von Gläubigen, warum sie einst den Austritt erwogen haben, dann aber doch in der Kirche geblieben sind: »Sie heben oft hervor, was zum Beispiel die Caritas in der Suchthilfe oder in der Schuldnerberatung leistet.«

? Was können die Kirchen tun, um junge Leute stärker an sich zu binden?

Schon die Taufe ist nicht mehr selbstverständlich, berichtet Hartmann. Immer weniger Kinder wachsen über Kindergottesdienst oder Freizeitangebote in eine Gemeinde hinein. Wie die Kirche wieder mehr »Bindekraft« entwickeln könne, war jüngst beim Kirchenvorstandstag Hauptthema der Rede von Matthias Schmidt, dem evangelischen Propst für Oberhessen. Gottesdienste zu Weihnachten, bei Hochzeiten, Beerdigungen oder zum Schulanfang seien als biografische Punkte für einen großen Kreis von Menschen wichtig. Da gelte es »das Feuer lebendig zu halten«. Gemeinden sollten sich zudem fragen: »Was brauchen die Menschen, mit denen wir leben?« Sie könnten sich beispielsweise beteiligen an Gemeinwesenarbeit, bei Tafeln oder anderen diakonischen Einrichtungen. So könne Kirche »sich einbringen mit der christlichen Botschaft von Gottes Zuwendung zum Menschen«, so der Propst.

? Gibt es Menschen, die den Austritt bereuen?

Ja, berichtet Dekan Wahl. Er freue sich über etwa eine Handvoll Wiederaufnahmen im Jahr. Die meisten der Betreffenden seien »im besten Alter«, wenn sie »spüren, dass etwas fehlt. Sie haben den Wunsch nach der Gemeinschaft mit Kirche, nach einer geistlichen Heimat. Das ist dann wohlüberlegt. Für solche Fälle lasse ich den Bleistift fallen, ein Gespräch ist jederzeit möglich.« Der Bischof entscheide in jedem Einzelfall, in der Regel spreche nichts gegen die Wiederaufnahme, so Wahl: »Für uns ist ein Austritt kein Schlussstrich. Gott nimmt sein Ja nicht zurück, das er einem Menschen durch die Taufe gegeben hat.«

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